Café musste nach 26 Übergriffen schliessen
Im Interview mit Livenet geben der leitende Pastor der Zeal Church, René Wagner, und Salome Dregennus vom Leitungsteam, einen Einblick in die schwierigen Jahre. Sie fordern, dass Religionsfreiheit und Schutz auch für Christen gilt.
Welche Bedeutung hatte das Café Stay für Sie und für die Zeal Church?
René Wagner: Das Café Stay sollte von Anfang an mehr sein als ein Gastronomiebetrieb. Die Räume haben für uns eine besondere Geschichte, weil dort früher unsere Gottesdienste stattfanden. Als die Kirche dafür zu gross wurde, entstand die Idee, daraus einen offenen Begegnungsort für den Stadtteil zu machen. Das Stay war bewusst kein «christliches Café» mit Bibelversen oder missionarischem Programm. Es sollte ein Café sein, in dem jeder willkommen ist, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Sexualität, Lebensgeschichte oder Überzeugung. Unsere christlichen Werte sollten sich vor allem darin zeigen, wie wir Menschen begegnen: wertschätzend, freundlich und offen. Auch wirtschaftlich war das Café nie dazu gedacht, die Kirche zu finanzieren. Im Vordergrund stand der Begegnungsort.
Was ist in den vergangenen Monaten konkret passiert?
Salome Dregennus: Die Angriffe haben sich über einen Zeitraum von fast drei Jahren immer weiter zugespitzt. Bis zur Schliessung gab es 26 dokumentierte Angriffe. Dazu gehörten eingeschlagene Scheiben, Farbangriffe, Graffiti, Fäkalien und zwei Buttersäureanschläge. Besonders schwer war der Angriff an Weihnachten 2025. Dabei wurde ein Loch in eine Scheibe gebohrt und Buttersäure in das Café eingebracht. Der Boden musste ausgetauscht und das Café über Wochen geschlossen werden. Die Auswirkungen waren nicht nur finanziell erheblich, sondern betrafen zunehmend auch die Sicherheit von Mitarbeitenden und Gästen. Ende Juni 2026 mussten wir das Café schliessen. Selbst danach hörten die Angriffe nicht auf: Einen Tag nach der Schliessung haben sich Aktivisten mit Pyrotechnik und Banner vor das Café gestellt und auch im September und Oktober wurde unser bereits geschlossenes Café Stay erneut beschädigt und mit Graffiti beschmiert. Damit beläuft sich die Gesamtzahl der Angriffe auf 29.
Warum glauben Sie, dass gerade Ihr Café zum Ziel geworden ist?
René Wagner: Über die Motivation müssen wir nicht spekulieren, weil sie in Bekennerschreiben und öffentlichen Äusserungen teilweise ausdrücklich benannt wurde. Dort wurde auf unsere Kirche, unsere christliche Theologie und insbesondere unsere Überzeugungen zu Ehe, Familie und Sexualethik Bezug genommen. Deshalb halten wir es für zu kurz gegriffen, die Vorfälle lediglich als Vandalismus gegen einen Gastronomiebetrieb zu betrachten. Angegriffen wurde zwar physisch das Café, die Begründung dafür bezog sich aber auf die christliche Identität von uns als Träger. Unsere Überzeugungen muss niemand teilen. Darüber darf diskutiert und gestritten werden. Aber Religions- und Meinungsfreiheit bedeuten gerade, dass unterschiedliche Überzeugungen nebeneinander bestehen können, ohne dass Menschen deshalb eingeschüchtert oder wirtschaftlich aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden. Auch in unserem öffentlichen Statement haben wir deshalb betont, dass Meinungs- und Religionsfreiheit für uns zentrale Grundrechte sind.
Welche Auswirkungen hatten die Angriffe auf den Alltag im Café und auf Ihre Mitarbeitenden?
Salome Dregennus: Mit jedem weiteren Angriff wurde der normale Betrieb schwieriger. Reparaturen, Reinigungen und wiederholte Schliessungen verursachten hohe Kosten und gleichzeitig fehlten Einnahmen. Nach den Buttersäureanschlägen war unser Café zeitweise über Wochen nicht nutzbar. Noch schwerer wog die zunehmende Unsicherheit. Mitarbeitende mussten damit rechnen, morgens wieder vor einer eingeschlagenen Scheibe oder einem neuen Angriff zu stehen. Teilweise wurden Mitarbeitende auch direkt beschimpft und angefeindet. Einige kündigten aufgrund der Sicherheitslage. Am Ende war die wirtschaftliche und personelle Belastung nicht mehr tragbar. Die Schliessung bedeutete schliesslich auch den Verlust von Arbeitsplätzen.
Welche Rolle haben Polizei, Stadt und andere Behörden in dieser Zeit gespielt?
Salome Dregennus: Die Polizei hat die einzelnen Angriffe aufgenommen und Ermittlungen eingeleitet. Trotzdem ist die Bilanz nach fast drei Jahren für uns ernüchternd: Bei keinem der Angriffe während des Cafébetriebs konnte ein Täter ermittelt werden. Die damaligen Verfahren wurden laut Polizeidirektion Leipzig eingestellt. Unser Eindruck war deshalb über lange Zeit: Die Vorfälle werden dokumentiert, aber konkret verändert sich zu wenig. Bei einer solchen Serie hätten wir uns deutlich früher wirksame Schutzmassnahmen, eine stärkere politische Reaktion und eine klare Auseinandersetzung mit der Motivation hinter den Angriffen gewünscht.
Pastor René hat bereits 2024 öffentlich über die zunehmende Unsicherheit unter den Mitarbeitenden gesprochen. Später wurde auch öffentlich die Frage gestellt, warum es kein ausreichendes Sicherheitskonzept für den betroffenen christlichen Träger gab. Mit der Stadt gab es Gespräche und wir sind dankbar, dass die Angriffe schliesslich verurteilt wurden. Gleichzeitig muss man festhalten: Zu diesem Zeitpunkt liefen sie bereits seit zwei Jahren. Gespräche und Solidaritätsbekundungen sind wichtig, aber konkreter Schutz blieb über lange Zeit aus. Am Ende konnte die Angriffsserie nicht gestoppt werden, kein Täter wurde ermittelt, das Café musste schliessen und selbst danach kam es zu weiteren Angriffen.
Würden Sie die Taten als Angriff auf die Religionsfreiheit bezeichnen?
René Wagner: Ja. Uns ist dabei eine saubere Unterscheidung wichtig: Unsere Gottesdienste wurden nicht angegriffen. Aber Religionsfreiheit beginnt für uns nicht an der Tür eines Kirchengebäudes. Die Angriffe richteten sich nach den Bekennerschreiben und öffentlichen Äusserungen ausdrücklich gegen unsere Church, Theologie und christliches Werteverständnis. Deshalb haben wir der ursprünglichen Einschätzung widersprochen, dass es sich lediglich um Angriffe auf einen kommerziellen Betrieb handelt. Für uns ist das entscheidend: Menschen müssen ihre religiösen Überzeugungen nicht nur sonntags innerhalb eines Kirchengebäudes haben dürfen. Sie müssen mit ihrer religiösen Identität auch am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben teilnehmen können, ohne deshalb durch Gewalt und Einschüchterung verdrängt zu werden.
Viele Menschen sprechen von einer wachsenden Intoleranz gegenüber Christen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Salome Dregennus: Wir sehen diese Entwicklung mit Sorge, möchten dabei aber nicht pauschalisieren. Deutschland ist ein Rechtsstaat und wir geniessen grundsätzlich Religionsfreiheit. Unsere eigene Erfahrung hat uns aber sehr dafür sensibilisiert, dass auch Christen aufgrund ihrer Überzeugungen Anfeindungen und Gewalt erleben können. Bei uns sprechen wir nicht von einem einzelnen Vorfall, sondern von einer Serie von 26 Angriffen während des Betriebs und weiteren Angriffen nach der Schliessung. Besonders relevant ist dabei, dass in Bekennerschreiben ausdrücklich auf unsere christlichen Überzeugungen Bezug genommen wurde. Wir wünschen uns deshalb, dass antichristlich motivierte Angriffe genauso konsequent wahrgenommen und ernst genommen werden wie Angriffe auf Menschen anderer Religionen. Religionsfreiheit muss unabhängig davon gelten, welcher Religion jemand angehört oder wie gesellschaftlich populär bestimmte Überzeugungen sind.
Wie sind Sie persönlich und als Gemeinde mit Enttäuschung, Angst und Frustration umgegangen?
René Wagner: Natürlich hat diese Zeit Spuren hinterlassen. Wenn Angriffe immer wieder passieren und keine Täter ermittelt werden, entsteht irgendwann die Frage, was als Nächstes kommt. Gleichzeitig wollten wir nicht zulassen, dass Angst oder Wut bestimmen, wie wir Menschen begegnen. Deshalb haben wir die Angriffe konsequent angezeigt, Öffentlichkeit hergestellt und Gespräche mit Verantwortlichen gesucht. Gleichzeitig gehört zu unserem christlichen Glauben, Menschen nicht mit demselben Hass zu begegnen, den man selbst erlebt. Vergebung bedeutet für uns aber nicht, Unrecht still hinzunehmen. Man kann vergeben und gleichzeitig klar benennen, was falsch läuft und den Schutz einfordern, den ein Rechtsstaat seinen Bürgern zusichert.
Welche Botschaft möchten Sie den Menschen in Leipzig mitgeben, unabhängig davon, ob sie Christen sind oder nicht?
Salome Dregennus: Wir wünschen uns für Leipzig eine Kultur, in der unterschiedliche Überzeugungen wirklich nebeneinander bestehen können. Niemand muss unsere Theologie teilen. Man darf sie kritisieren, öffentlich widersprechen und mit uns diskutieren. Das gehört zu einer offenen Gesellschaft. Aber dieselbe Freiheit brauchen auch Christen. Wenn Menschen durch wiederholte Gewalt und Einschüchterung faktisch dazu gebracht werden, einen öffentlichen Ort aufzugeben, dürfen wir das nicht normalisieren. Leipzig ist die Stadt der Friedlichen Revolution. Gerade deshalb wünschen wir uns, dass Konflikte hier mit Worten, Argumenten und Begegnung ausgetragen werden und nicht mit eingeschlagenen Scheiben, Buttersäure oder Einschüchterung. René Wagner hat diesen Bezug zur Friedlichen Revolution auch öffentlich im Zusammenhang mit dem Stay hergestellt.
Gibt es Pläne für einen Neuanfang oder andere Projekte, mit denen Sie Ihre ursprüngliche Vision weiterverfolgen möchten?
René Wagner: Die konkrete Zukunft der ehemaligen Café-Räume ist noch nicht abschliessend entschieden. Dass selbst nach der Schliessung weitere Angriffe stattfanden, zeigt, dass wir sehr verantwortungsvoll überlegen müssen, was dort künftig möglich ist. Unsere ursprüngliche Vision geben wir aber nicht auf. Beim Stay ging es nie nur darum, Kaffee zu verkaufen. Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Menschen willkommen sind, Beziehungen entstehen und Gemeinschaft möglich wird. Das Café ist geschlossen, aber diese Vision und unser Engagement für Leipzig bleiben.
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 13.10.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet