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Das Schweigen brechen

Abtreibung bringt oft langfristige psychische Folgen mit sich.
Das Thema Abtreibung polarisiert. Meist geht es dabei um Frauen und ihr Selbstbestimmungsrecht. Dagegen spricht, dass auch ein Kind beteiligt ist, über dessen Leben entschieden wird. Die Rolle der Männer bleibt meistens aussen vor.

«Am diesjährigen Marsch fürs Läbe kommen Männer und Väter zu Wort», versprach die Einladung. Zum Slogan «Together for life» würden sie ausserdem ermutigt, die Verantwortung für Mutter und Kind zu übernehmen, auch wenn die Schwangerschaft nicht geplant gewesen sei. Die Lebensschutzorganisation machte sich zudem auf der Suche nach Männern, die davon erzählen, welche Auswirkungen die Abtreibung ihres Kindes auf ihr Leben hatte. Dabei stiess sie auf wenig Resonanz. Eine Zusage wurde wieder zurückgezogen. Einmal mehr zeigte sich: Das Thema ist stark von Scham und Schuld besetzt. Zuzugeben, dass man seine Partnerin ermutigt oder gedrängt hatte, das gemeinsame Kind abzutreiben, ist offenbar eine kaum überwindbare Hürde. Erst, wenn der Betroffene Vergebung erfahren hat, wäre dieses Geständnis möglich. Davon zu erzählen, wie man mit der damaligen Entscheidung lebt, erfordert ebenfalls viel Mut. Man triggert sich selbst – es kann vieles wieder hochkommen. Dazu ist die Reaktion des Umfelds unberechenbar – das Schweigen der Männer ist nachvollziehbar.

Es gibt Hilfe

Männercoach Georg Winkler arbeitet für die Organisation SaveOneEurope. Sie unterstützt Menschen, die nach einer Abtreibung still leiden. Er kennt die Problematik und begleitet betroffene Männer, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Es dauere oft sehr lang, bis es einem Mann möglich sei, seinen Schutzpanzer zu öffnen und darüber zu reden, hält er fest. Doch erst dann sei Heilung möglich. «Und sie ist möglich», betont er. Aber nicht, indem man niemandem Einblick gebe in sein Ergehen und die Last weiter mit sich herumschleppe. «Ja, ich habe erlebt, dass sie frei wurden von Schuldgefühlen und die Last ablegen konnten», bestätigt Winkler.

Alle machen mit…

Er habe während seiner Ausbildung bei Abtreibungen mitwirken müssen, erklärte ein Frauenarzt aus Deutschland, der anonym bleiben möchte. Medien, sämtliche Ausbildner an der Uni, Politik und die Gesellschaft hätten gesagt, sie seien nötig, richtig und geboten. Diesen Argumenten sei er gefolgt. Doch wenn etwas so sehr betont werde, müsse das stutzig machen, findet er. Wer ehrlich sei, wisse, dass es sich um die Tötung eines ungeborenen Kindes handle, nicht einfach um einen chirurgischen Eingriff.

Auf dem Sterbebett habe ihm eine ältere Frau gestanden, sie habe ihr Leben lang unter ihrer Abtreibung gelitten. Damals habe er ihr keinen Trost anbieten können oder sie auf die Möglichkeit der Vergebung hinweisen. Und der eine Kollege, der als Christ die Beteiligung daran ablehnte, sei belächelt und verspottet worden. Auch er habe damals so reagiert. Und war doch beeindruckt, dass dieser Arzt bei seiner Meinung blieb.

Aufeinander zugehen

Nachdem er sich selbst für ein Leben mit Jesus entschieden hatte, weigerte er sich, weiter mitzuwirken bei diesen Kindstötungen. Eine der Kliniken, in denen er damals seine Facharztausbildung machte, warf ihn deshalb raus. Doch er blieb bei seiner Entscheidung – ihm sei die langfristige Gesundheit seiner Patientinnen wichtig. Er hatte erkannt, dass eine Abtreibung oft langfristige psychische Folgen nach sich zieht. Man müsse sein Herz verhärten, um sie als gute Lösung für das Beenden einer Schwangerschaft anzubieten, hielt er fest. Dennoch wirbt er dafür, auf diese Menschen zuzugehen und ihnen eine andere Sichtweise aufzuzeigen. Dass jedes Leben von Gott geschenkt und deshalb erhaltenswert ist. Keine Verurteilung, sondern eine Einladung, die eigene Meinung zu hinterfragen und andere Möglichkeiten zu suchen.

«Ich wusste nichts davon»

Jonas Streule beim Marsch fürs Läbe 2026 in Zürich

«Mein erstes Kind habe ich verloren wegen Sprachlosigkeit und Überforderung beim Thema Abtreibung», erklärt Jonas Streule. Er war Student, als sich seine Freundin Geld von ihm auslieh. Sie werde zwei Wochen nicht erreichbar sein, meinte sie noch dazu. Wozu sie den Betrag brauche und warum sie einfach mal weg sei – darüber redete das Paar nicht. Er hatte in den Wochen davor eine gewisse Distanz gespürt, wahrgenommen, dass sie zurückhaltend mit Alkohol umging. Aber auch da hatte er nicht nachgefragt. Als sie später in einen Streit gerieten, platzte es aus der jungen Frau heraus: Sie habe vor kurzem das gemeinsame Kind abgetrieben. Jonas war erschüttert. Warum hatte sie ihm nichts gesagt? Die Beziehung hielt diesem Konflikt nicht stand.

Das ist nun viele Jahre her. Aber er habe immer wieder unter Scham und Schuldgefühlen gelitten, gesteht er. Durch ihr Schweigen hätten sie als werdende Eltern Schuld auf sich geladen. Er habe jedoch Vergebung erfahren und ist heute Leiter von Prolife Switzerland, einer Organisation, die mit Studentinnen und Studenten ins Gespräch kommen will. Damit das Schweigen aufhört. «Reden wir über Abtreibung und Euthanasie – wertschätzend, auf Augenhöhe, für das Leben», fordert er auf. Er habe diese Möglichkeit damals nicht gehabt. Das solle sich ändern.

Gemeinsam fürs Leben

Es gibt bessere Lösungen als die einsame Entscheidung zur Abtreibung. Werdende Väter sollten als solche einbezogen werden. Sie übernehmen Verantwortung, wenn sie die Frau nicht allein lassen mit dem Argument: «Es ist deine Entscheidung.» Und werdende Mütter sollen sie nicht aussen vor lassen mit dem Argument: «Es ist meine Entscheidung.» Sie haben das Kind gemeinsam gezeugt. Daher sollten beide mitreden können. Und von der Gesellschaft für ihre Elternschaft unterstützt werden. «Together for life» lautete das Motto des diesjährigen Marsch fürs Läbe. Es soll nicht verurteilen, sondern einladen, sich gemeinsam um neues Leben zu kümmern. Denn die Erfahrung zeigt: Viele Betroffene leiden später an der vermeintlichen «Lösung des Problems». Dass sie einschneidende Langzeitfolgen haben kann, darüber wurden sie nicht aufgeklärt. Das soll sich ändern.

Zur Autorin: Mirjam Fisch-Köhler aus Seegräben ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Söhnen und drei Enkeln. Sie arbeitet als Redaktorin für Livenet.ch, als freie Journalistin und Referentin. Ihre Hobbys sind Lesen, Fotografieren, Reisen, Singen und kreatives Gestalten. Auf ihrem Tisch steht immer ein Blumenstrauss.

Datum: 08.10.2026
Autor: Mirjam Fisch
Quelle: Livenet

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