Goldwert auch an neuem Standort: Die Silverclass
«Für viele Menschen war es sehr emotional», erinnert sich Joël Jira, Präsident der FEG Olten. Am 27. September wurde der erste Gottesdienst am neuen Standort im Altmattpark gefeiert und am 25. Oktober findet das Eröffnungsfest statt. «Wir sind über die Jahre gewachsen und haben einen neuen Standort gesucht. Über viele Jahre waren wir räumlich eingeschränkt.»
Nun gibt es plötzlich ein offenes Foyer, und auf einen Schlag haben Kinder und Jugendliche viel Platz. «Es ist schön, wenn wir als Einheit entscheiden, dass wir weiterziehen. Als Verein mussten wir darüber abstimmen … und es gab keine Gegenstimme und keine Enthaltung. Ein solcher Schritt ist immer auch mit einem gewissen Risiko verbunden – dann nämlich, wenn die Hälfte gehen und die andere Hälfte bleiben möchte. Dass wir uns alle einig waren, ist ein grosses Geschenk.»
Ein Standort, mehrere Geschenke
Der neue Standort ist in verschiedener Hinsicht ein Geschenk, bilanziert Joël Jira. «Das Ganze ist natürlich auch mit Kosten verbunden, aber wir haben viel Unterstützung erfahren. Die Vermieter sind uns entgegengekommen, und auch unsere Mitglieder haben angepackt und unterstützt.»
Dies namentlich auch durch eine Zügelwoche. «Jeder Teilbereich hat sich selbstständig engagiert. Verschiedene Gruppen haben sich organisiert und ihre Aufgaben übernommen. In dieser Zeit konnte man sehen, wie Gemeinde funktionieren kann: Alle haben ihren Teil beigetragen.» Auch ein Umzug kann Teil des Baus von Gottes Reich sein.
«Wir verstehen uns als Teil von Olten»
Weiter betont Joël Jira: «Wir verstehen uns als Teil von Olten und nicht als eine separate Welt. Unsere Aufgabe ist nicht, möglichst sichtbar zu sein, sondern verlässlich für Generationen da zu sein; auch für Menschen, die wenig Berührung mit Kirche haben. Wir wollen einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leisten.»
Wenn die Menschen irgendwann sagen: «Die FEG Olten ist ein Ort, an dem man auf Menschen trifft, die für einen da sind», dann wäre das ein schönes Kompliment, erklärt Joël Jira.
Bollwerk gegen Einsamkeit
«Wir leben in einer Zeit, in der Menschen gut vernetzt und gleichzeitig einsam sind. Der Altmattpark soll deshalb mehr sein als nur ein Ort für Gottesdienste. Es soll ein Ort sein, an dem man Gemeinschaft erleben kann und wo man gemeinsam Zeit verbringen, Kaffee trinken und miteinander ins Gespräch kommen kann.»
Einsamkeit ist ein zunehmendes Phänomen. «Menschen gehen weniger raus und haben ihre eigene Realität. Das soziale Leben kommt dabei oft zu kurz. Das Bundesamt für Statistik hat 2022 festgestellt, dass rund zehn Prozent der 15- bis 24-Jährigen von Einsamkeit betroffen sind. 2017 waren es noch rund vier Prozent.» Und rund 37 Prozent der Menschen zwischen 15 und 64 Jahren fühlen sich manchmal einsam.
Impulse für Region
Die Gemeinde ist in der Region verankert. «Aus unserem Umfeld sind immer wieder Menschen hervorgegangen, die eigene soziale, gesellschaftliche oder kulturelle Initiativen für die Region aufgebaut haben», erklärt Joël Jira.
Diese Projekte sind heute teilweise längst selbstständig und werden unabhängig von der FEG geführt. «Uns geht es nicht darum, sie für uns zu vereinnahmen. Schön ist für uns vielmehr, wenn Menschen aus der Gemeinde Verantwortung übernehmen und ihr Umfeld positiv mitgestalten.»
«Der Gottesdienst ist ein zentraler Teil des Gemeindelebens. Gleichzeitig wollen wir in unterschiedliche Lebensphasen hineinwirken», erläutert Joël Jira. «Dazu gehören Angebote für Kinder und Jugendliche, vieles davon ist möglichst niederschwellig. Man muss nicht Mitglied der FEG sein, um dabei zu sein.»
Ausserdem geht es nicht darum, möglichst viele Programme zu haben, «sondern darum, Menschen zu erreichen, der Einsamkeit entgegenzuwirken und Gemeinschaft zu ermöglichen».
«Silverclass»
Zu den Angeboten gehört «Silverclass». «Das 55+-Angebot ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir generationengerecht da sein wollen. Es geht um Räume und ein Ambiente – nicht unbedingt um physische Räume – und vor allem um Kontakte.»
Denn eigentlich stünden Menschen ab 55 noch mitten im Leben und oft auf dem beruflichen Höhepunkt. Joël Jira beschreibt: «Du warst Lehrling, später Angestellter oder Führungskraft und hast über Jahrzehnte Wissen und Erfahrung gesammelt, die du später an andere weitergeben kannst.» Und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man noch mitten im Berufsleben steht und sich gleichzeitig am Horizont die Pensionierung abzeichnet.
Genau deshalb setzt die Silverclass bewusst bereits vor der Pensionierung an. «Du willst dich vielleicht noch nicht zu den Senioren zählen und bist auch noch nicht pensioniert. Gleichzeitig lohnt es sich, sich frühzeitig mit der nächsten Lebensphase auseinanderzusetzen. Wenn ein grosser Teil des Alltags vorher durch die Arbeit geprägt war, verändert sich mit der Pensionierung sehr viel.»
Die Klasse dazwischen
Bei der Silverclass 55+ besuchen die Teilnehmenden zum Beispiel Unternehmen wie Victorinox oder das Flugzeugwerk Pilatus, unternehmen gemeinsam Aktivitäten und pflegen Gemeinschaft. Dazu gehört auch ein lebensnaher christlicher Impuls. «Bisher gab es nach den jungen Erwachsenen oft eine Lücke, und danach folgt irgendwann der Seniorentreff. Beide Angebote haben ihre eigene Berechtigung und sprechen unterschiedliche Lebensphasen und Bedürfnisse an.»
Die Silverclass spricht diese «Best Ager» an. Viele von ihnen verfügen über einen grossen Schatz an Berufs- und Lebenserfahrung. «Diese Erfahrung ist goldwert. Wir möchten Menschen ermutigen, sie einzubringen und auch an kommende Generationen weiterzugeben.» Obwohl die Gruppe über das Alter definiert ist, ist sie damit generationenübergreifend ausgerichtet.
Aus Eigeninitiative entstanden
Die Silverclass ist – wie die Jungschi und der Seniorentreff – aus der Eigeninitiative von Mitgliedern entstanden. «Ich bin Präsident der Gemeindeleitung, aber solche Angebote leben von den Menschen, die das ‘Gspüri’ und das Herz dafür haben», stellt Joël Jira klar. «Sie erhalten ein Budget und Gestaltungsfreiheit. Wir versuchen nicht, alles zentral zu steuern oder eng zu halten, sondern geben den Verantwortlichen Raum, etwas in Eigenregie zu führen.»
Die Silverclass-Idee entstand aus dem Wunsch heraus, die Jahre rund um den Übergang in die Pensionierung aktiv, gemeinschaftlich und sinnstiftend zu gestalten. Ein Mitglied brachte sinngemäss die Idee ein: «Ich bin pensioniert und möchte weiterhin etwas unternehmen, Neues entdecken und Gemeinschaft erleben. Ist das okay?»
Nun wartet am 25. Oktober die Eröffnungsfeier. Zum Start am bisherigen Standort im Jahr 1995 hielt der damalige Stadtpräsident Philipp Schumacher die Eröffnungsrede, und auch 2026 beginnt die Eröffnung mit einer Ansprache des Oltner Stadtpräsidenten Thomas Marbet. «Für uns ist das ein schönes Zeichen der Verbundenheit mit der Stadt und dafür, dass Kirche Teil des gesellschaftlichen Lebens sein kann.»
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 06.10.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet