Fast in den Tod geflogen
Drei Jahre ist es her, dass an Simchat Tora, dem Freudenfest der Tora, Kämpfer der Hamas in Israel das Nova-Festival, mehrere Kibbuzim und Städte angriffen. Dabei ermordeten sie über 1'200 Menschen. Auch deshalb waren am vergangenen Wochenende die Sicherheitsvorkehrungen in und um Israel besonders hoch. Trotzdem kam es auf einem Flug von Dubai nach Tel Aviv beinahe zur Katastrophe. Alle Medien berichten über den Angriff des Co-Piloten auf den Piloten der Maschine – die «Schweiz am Wochenende» vom 3. Oktober 2026 zeigt die Persönliche Dimension. Pierre Heumann lässt eine Passagierin, Daniel Almalich, zu Wort kommen.
«Dann begreifst du: Wir stürzen ab»
Daniel Almalich ist 35 Jahre alt, Innenarchitektin und dreifache Mutter. Sie war mit ihren Freunden Shoa und Sigalit Musayev für eine Woche in China, um die Inneneinrichtung für deren Haus zu planen. Auf dem Rückflug nach Israel spürte sie eine Art Schlag, nach dem das Flugzeug «zitterte und begann zu fallen. Es fiel und fiel, ohne Ende. Dann begreifst du: Wir stürzen ab.» Sie beschreibt das Chaos und Durcheinander, als alle an Bord begriffen, dass dies jetzt das Ende sein könnte. Die Menschen weinten, schrien, einige liefen zum Cockpit. Unter ihnen war auch Shoa Musayev. Der Zahnarzt wollte unbedingt helfen.
Drama im Cockpit
Erst später stellte sich heraus, was im Cockpit geschehen war. Der Co-Pilot hatte wohl einen Terroranschlag geplant und den indischen Piloten mit dem Notfallbeil angegriffen, das sich im Cockpit befindet, um das Flugzeug in seine Gewalt zu bringen. Trotz seiner Verletzungen gelang es diesem jedoch, die Tür zum Passagierraum zu öffnen. «Ich kämpfte in dem Moment um mein eigenes Leben, aber mir war auch klar, dass ich nicht so viele andere Menschen sterben lassen konnte», erklärte Smit Machchhar später in einem Telefonat mit Narendra Modi, dem indischen Premierminister. Die Passagiere konnten den Attentäter daraufhin überwältigen und kümmerten sich um den schwer verletzten Piloten, auch Shoa.
Die Kraft des Gebets
Während dieser Zeit sass Daniel auf ihrem Platz und bat ihre gläubige Freundin Sigalit immer wieder: «Bete!» Schliesslich meinte sie: «Sigi, ein letztes Gebet.» Doch diese antwortete voller Zuversicht: «Daniel, das ist nicht das letzte. Wir werden landen.» Sie ermutigte etliche der Mitreisenden und im Rückblick hält Daniel fest: «Heute ist mir klar: Jemand dort oben hat uns beschützt. Ohne ein Wunder hätten wir das unmöglich überlebt.»
Der Weiterflug
Andere Medien berichten, dass als Reserve mitreisende FlyDubai-Piloten das Steuer der Maschine übernahmen. Während des weiteren Flug wuchs bei Daniel Almalich und den übrigen Passagieren die Hoffnung. Sie würden es schaffen. Trotzdem schrieb die Innenarchitektin Abschiedsgüsse an ihre Kinder ins Handy, auch wenn die Nachrichten nicht zugestellt werden konnten: «Mama liebt dich!» Bei jedem Zittern und Schaukeln der Maschine erschraken die Fluggäste. Und über allem lag die Unsicherheit: Gab es noch mehr Attentäter im Flugzeug? Erst als die umgeleitete Maschine sicher im saudi-arabischen Tabuk landete, machte sich Erleichterung breit: Der Co-Pilot wurde festgenommen, der Pilot ins Krankenhaus gebracht und sie waren auf festem Boden.
Ein Neuanfang
Mehr als 170 Passagiere – und vielleicht noch wesentlich mehr Menschen in Tel Aviv – entkamen an diesem Wochenende einer Katastrophe. Der Artikel in «Schweiz am Wochenende» liefert dazu nicht alle Details, die schon bekannt sind, aber er nennt Namen, zeigt Gesichter, benennt Gefühle. Es geht eben nicht um ein anonymes Ereignis bei FlyDubai-Flug FZ1073, sondern um Menschen in Angst und mit Hoffnung. Um solche, die beten und Zivilcourage zeigen. Und die damit das möglich machen, wofür Simchat Tora, das Freudenfest der Tora, eigentlich steht: für einen Neuanfang. Während in den Gottesdiensten die Hebräische Bibel wieder von vorn gelesen wird, nimmt Daniel Almalich in Tel Aviv ihre Kinder wieder in den Arm. Sie ist fast in den Tod geflogen, doch jetzt kann sie ihren kleinen Töchtern erzählen: «Ja, das Flugzeug hat ein bisschen gewackelt.»
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.