Livenet-Talk

Der schlaue Samariter

Dominic Roser im Livenet-Talk.
Armut ist kein unveränderliches Schicksal. Davon geht Dominic Roser aus – und das wird er auch auf der StopArmut-Konferenz 2026 vertreten. Sein Grundgedanke: Mitgefühl mit klarem Denken verbinden und so möglichst wirksam helfen.

Dominic Roser beantwortet im Livenet-Talk die Fragen von Ruedi Josuran. Der Mitgründer von «Christians for Impact» arbeitet an der Universität Fribourg. Seine Themen sind Umweltgerechtigkeit, Wirtschaftswachstum und KI-Ethik. Dazu hat er zusammen mit anderen das Buch «All the Lives You Can Change» verfasst und wird am 31. Oktober 2026 bei der StopArmut-Konferenz im Zwinglihaus Basel sprechen.

Ein optimistischer Blick voran

Armut ist ein «schweres» Thema, doch Roser sieht nicht nur Probleme dabei. Er bezeichnet sich als Optimisten, hält sich dabei aber nicht für naiv: «Ich bin Optimist und habe Grund dafür, beides», sagt er. Diese Haltung zieht er aus seinem Blick auf langfristige Entwicklungen: Wer die Statistiken betrachtet, erkennt enorme Fortschritte. Um etwa 1800 begann ein grosser Teil der Menschheit, der extremen Armut zu entkommen. Die Kindersterblichkeit sank, Alphabetisierung und Lebenserwartung stiegen. Diese Tendenz hält bis heute an. «Das heisst natürlich nicht, dass wir beim Nullpunkt angelangt sind», betont Roser. Es gibt immer noch zu viel extreme Armut.

Armut heisst: mit fast nichts auskommen

Wer sich extreme Armut vorstellen möchte, dem empfiehlt Roser die Website «Dollar Street», die mit anschaulichen Fotos zeigt, wie eine arme Lebensrealität aussieht – zum Beispiel wie dabei der Schuhschrank gefüllt ist. Daneben rät er, sich einmal vorzustellen, wie man selbst mit ungefähr drei Franken pro Tag in der Schweiz auskommen würde. Das entspricht grob der internationalen Grenze für extreme Armut und es zeigt, dass es dabei nicht um leichte Einschränkungen geht. «Es ist brutal. Punkt», fasst er seine Meinung zusammen.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Auf die unbequeme Frage, ob es reicht, mit guten Motiven zu helfen, antwortet Dominic Roser klar: «Nein! Gut gemeinte Hilfe schadet manchmal», sagt er. Oft bewirkt sie aber einfach weniger, als möglich wäre. Sein Ziel ist es, sich nicht von Angst vor falscher Hilfe bremsen zu lassen. Es gilt vielmehr herauszufinden, «welche Formen der Unterstützung nachweislich besonders viel bewirken».

Hier kommt sein wissenschaftlicher Ansatz ins Spiel. Die Forschung hat einiges an Erkenntnissen zusammengetragen und für Roser ist es ein Ausdruck von Nächstenliebe, diese ernst zu nehmen. Er warnt: «Unser Bauchgefühl ist sehr verzerrt. Intuitiv sind wir super schlecht darin abzuschätzen, was wirkt.» Er begründet seine Einschätzung mit der Komplexität der Welt und Hilfe, die indirekter ist als früher und über grössere Entfernungen geschieht.

Der «schlaue Samariter»

Gefühle sind allerdings nicht überflüssig. Im Gegenteil: Roser wünscht sich, dass Menschen sich von Not berühren lassen. Wer Leid wahrnimmt und betroffen reagiert, sollte dies nicht unterdrücken. Gleichzeitig bestimmen diese Gefühle nicht das «Wie» der Hilfeleistung, sie sind vielmehr der Treibstoff fürs eigene Engagement, das sehr sachlich mit der Frage beginnen kann: «Wie kann ich jetzt das kanalisieren, um möglichst vielen Kindern in einer ähnlichen Situation zu helfen?»

Diesen Gedanken verbindet Dominic Roser mit dem biblischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Er erklärt, dass es darin weniger um Nächstenliebe geht, als um die Frage, wie man für andere zum Nächsten werden kann.» Für seine Hilfe überschreitet der Samariter kulturelle und religiöse Grenzen. Er hilft einem Menschen, der eigentlich nicht zu seinem Umfeld gehört. Genau darin sieht Roser Herausforderungen für Christen heute: Wer direkt vor unserer Haustür lebt und uns emotional nahe ist, bekommt leichter Aufmerksamkeit als Menschen, die weit entfernt, marginalisiert oder weniger sichtbar sind. «Die Frage ist nicht, wer ist mein Nächster, wer ist mir nah», erklärt er, «sondern wem kann ich zum Nächsten werden, der vielleicht gar nicht als mein Nächster erscheint?»

Nicht das Erstbeste tun

Den Helfer im Gleichnis bezeichnet Roser als «schlauen Samariter». Dahinter steht für ihn die Idee eines «effektiven Altruismus»: Menschen sollen anderen so dienen, dass ihr Einsatz möglichst viel bewirkt. Dieser Ansatz ist ursprünglich säkular geprägt, doch Roser sieht darin auch christliche Aspekte. Es gehe darum, Nächstenliebe nicht gegen die Vernunft auszuspielen, sondern beides zusammenzubringen. Das betrifft für ihn den Einsatz von Geld, Zeit und beruflichen Fähigkeiten. Auch er selbst verzettelt sich weniger als früher und setzt seine begrenzten Ressourcen dort ein, wo er eine besonders grosse Wirkung erwartet. Besonders jungen Leuten, die «die Welt besser machen» wollen, rät er: «Nicht das Erstbeste nehmen, sondern einen Schritt zurück machen» und dann überlegen, wo die eigenen Talente besonders viel bewirken können.

So wird man zum wirksamen Samariter

Roser will nicht weniger helfen, sondern bewusster. Menschen sollen sich vom Leid anderer berühren lassen, sich dann aber nicht nur von spontanen Gefühlen leiten lassen. Dafür steht sein Bild des «schlauen Samariters», der nicht nur ein gutes Herz hat, sondern auch fragt, wie dieses Herz möglichst vielen Menschen zugutekommen kann. Er formuliert sein persönliches Anliegen am Ende deshalb pointiert: «Wo schenkt es enorm ein?» Und weiter: «Wo muss ich hin, dass ich ein schlauer Samariter bin und nicht nur ein guter Samariter?» So wird aus Mitgefühl konkrete Verantwortung und aus dem Wunsch zu helfen eine Hilfe, die tatsächlich etwas verändert.

Der gesamte Livenet Talk ist hier zu sehen:

Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich. 

Datum: 02.10.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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