Frieden ist mehr als kein Krieg
In den vergangenen Wochen war auf vielen Plakaten zu lesen: «Kein Krieg». Mit diesem Slogan wurde für die sogenannte Neutralitätsinitiative geworben. Unterdessen ist die Abstimmung vorbei, ganz im Gegensatz zu den Kriegen in unserer Welt. Die Sorge um den Frieden bleibt daher über den Abstimmungssonntag hinaus aktuell. Aber was braucht es für einen gerechten Frieden? Reicht dazu die Forderung, sich aus allem herauszuhalten?
Als Mennonit gehöre ich einer kirchlichen Tradition an, die in der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts beheimatet ist. Auf Gewalt zu verzichten und sie gegebenenfalls selbst zu erleiden, war für viele Täuferinnen und Täufer untrennbar mit der Nachfolge Jesu verbunden. Dieses Friedenszeugnis hat sich im Verlauf der Jahrhunderte verändert. Die Wehrlosigkeit entwickelte sich weiter zu einer aktiven Gewaltfreiheit, die weiss: Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.
Wehrlosigkeit
Das täuferisch-mennonitische Friedenszeugnis beginnt mit einer radikalen Frage: Wie sollen Christinnen und Christen mit Gewalt und Unrecht umgehen? Eine zentrale Orientierung bildet Jesu Aufforderung aus der Bergpredigt: «Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand.» Für die Täufer bedeutete dies zunächst, auf Gegengewalt zu verzichten. Sie wollten sich nicht mit den Mitteln wehren, die auch ihre Gegner einsetzten. Wehrlosigkeit wurde so zu einem wichtigen Ausdruck ihres Glaubens.
Die frühen Täufer waren allerdings nicht Menschen, die alles hinnahmen. Sie widersetzten sich staatlichen und kirchlichen Ansprüchen, wenn diese ihrem Verständnis des Evangeliums widersprachen. Sie verweigerten beispielsweise den Kriegsdienst oder lehnten den Eid ab, der sie zur absoluten Loyalität gegenüber der Obrigkeit verpflichten sollte. Ihr Widerstand blieb jedoch gewaltfrei. Aber gerade weil sie keine Waffen ergriffen, galten sie vielen Obrigkeiten als gefährlich: Ihr Leben stellte die Verbindung von Macht, Gewalt und Gehorsam infrage.
Passive Wehrlosigkeit
Im Lauf der Zeit veränderte sich die Bedeutung dieser Wehrlosigkeit. Aus dem bewussten Verzicht auf Gewalt wurde teilweise eine Haltung des Rückzugs. Täufer galten zunehmend als «die Stillen im Lande», die sich aus den Geschäften der Welt heraushielten. Diese Form der Zurückhaltung konnte zwar vor einer Beteiligung an Gewalt schützen, führte aber auch dazu, dass Unrecht und gewaltfördernde Strukturen (zu) wenig aktiv widersprochen wurde. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert war die Wehrlosigkeit unter europäischen Mennoniten umstritten und wurde teilweise nationalistischen Vorstellungen untergeordnet.
Aktive Gewaltfreiheit
Im 20. Jahrhundert setzte sich unter Mennoniten zunehmend der Begriff der Gewaltlosigkeit oder aktiven Gewaltfreiheit durch. Gewaltfreiheit meint dabei nicht bloss, keine Gewalt auszuüben. Sie will Gewalt «entwurzeln» und den «Mythos der Gewalt» entlarven, wie es der Theologe Walter Wink formulierte. Wer gewaltfrei handelt, bleibt deshalb nicht abseits, sondern stellt sich aktiv an die Seite bedrängter Menschen und fordert die Verantwortlichen heraus.
Auch Jesu Worte von der Feindesliebe weisen in diese Richtung. Feindesliebe bedeutet nicht, Unrecht gleichgültig hinzunehmen. Sie verbindet den Verzicht auf Vergeltung mit dem Versuch, zerstörerische Beziehungen zu verändern und den Übergriffigen zur Verantwortung zu ziehen. Gewaltfreier Widerstand kann deshalb unbequem, mutig und öffentlich sein.
Damit verschob sich der Akzent des mennonitischen Friedenszeugnisses. Der Verzicht auf Waffen bleibt wichtig, genügt aber nicht. Wo Unrecht geschieht, gehört auch der gewaltfreie Widerstand zum christlichen Auftrag. Gestützt wird dieser Ansatz durch politikwissenschaftliche Untersuchungen, die gezeigt haben, dass gewaltloser Widerstand deutlich erfolgreicher und nachhaltiger ist als bewaffneter Widerstand.
Schalom als theologische Orientierung
«Kein Krieg!» – Das war auch das eindeutige Votum der Kirchen als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und das Versagen der Kirchen. In der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam bekannten die Kirchen gemeinsam: «Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein! Krieg als Methode zur Beilegung von Konflikten ist unvereinbar mit den Lehren und dem Beispiel unseres Herrn Jesus Christus. [Krieg] ist Sünde wider Gott.» In den folgenden Jahren galt es zu klären, wie diese strikte Absage an den Krieg interpretiert und gelebt werden kann.
Wichtig wurde dabei die biblische Friedensvision, die weit mehr als die Abwesenheit von Krieg umfasst. Das hebräische Wort «Schalom» ist ein zutiefst positiv besetzter Beziehungsbegriff und umfasst viele Aspekte, die ein ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit beinhalten. Dieser Friede wird immer wieder von Gewalt bedroht. Gewalt zeigt sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen: als Verletzung der Würde, Freiheit und Integrität von Menschen, als Zerstörung gerechter Beziehungen in der Gemeinschaft und als Missachtung der Schöpfung, die als Gabe Gottes zu achten und zu verantworten ist. Daher bedeutet Frieden mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden braucht das Zusammenspiel von Gewaltverzicht, Gerechtigkeit, Rechtsordnung, Freiheit und sozialer Teilhabe. Wer gegen den Krieg ist, wird sich daher aktiv für zivile Konfliktbearbeitung, Konflikttransformation, Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte engagieren müssen.
Zum Autor: Lukas Amstutz (*1973) ist mennonitischer Theologe und beschäftigt sich am Bildungszentrum Bienenberg in Liestal/BL mit friedenstheologischen und -ethischen Fragestellungen.