Livenet-Talk

Covid-Aufarbeitung: Zwischen Sorgfalt und Freiheit

Florian Wüthrich (links) und Raphael Berger (rechts) als Talkgäste bei Ruth Baumann-Hölzle.
Das Parlament diskutiert über die Pandemie-Zeit, der Nati-Captain Xhaka musste einen Impfschwindel zugeben, und auch wir schauen zurück, wie die Schweiz damals unterwegs war. Die Medien «Livenet» und «factum» zeigen unterschiedliche Blickwinkel.

Im zweiten thematischen Talk zur Covid-Aufarbeitung erzählen Raphael Berger vom Schwengeler Verlag und Florian Wüthrich von Livenet über ihre persönlichen Erfahrungen, jedoch auch wie sie als Medien-Unternehmen diese schwierige Krise erlebten. Wie ging es ihnen, was waren gute Beiträge und wo hätte man besser handeln können? Das Gespräch leitet Ruth Baumann-Hölzle, Ethik-Fachfrau und Theologin.

Persönliche Umstände und der Umgang als Medium

Die Moderatorin steigt mit der Frage ein, wie für die Talkgäste diese Zeit persönlich war. Raphael Berger habe bei der «offiziellen Erzählung» bald eine gewisse Diskrepanz entdeckt, und als Verlag hätten sie bewusst die Aufgabe übernommen, eine andere Sicht und andere Fakten aufzuzeigen. Er war damals selber gerade an einer Konferenz, die abgesagt werden musste. 

Raphael Berger erklärt, dass sie als factum sowieso die Aufgabe hätten, Weltgeschehen in einen biblischen Kontext zu stellen: «Wir wollten geistliche Zusammenhänge aufzeigen. Auch kritische Distanz ins Ganze bringen.»

Für Flo Wüthrich sei es ein surreales Wechselbad gewesen. Er hatte seine Frau Ruth im Spital, die jederzeit ihr drittes Kind erwartete: «…eigentlich ein erfreuliches Ereignis. Aber wir konnten die Mama schon am nächsten Tag nicht besuchen. Und als Medienprofi – bei der Wucht an Kommunikation – war die Frage, wie ich damit umgehe. Ich war eigentlich überfordert. Wir wollten aber Ermutigung ins Gottvertrauen geben, Orientierung und auch etwas zu Mental Health beitragen. Wir luden Thomas Härry, Sabine Fürbringer oder Johannes Wirth ein, gut verwurzelte Personen, die kommunizieren können.»

Zwiespältige Kirche hält an Hoffnung fest

Zum Spannungsfeld der massenweisen, auch widersprüchlichen Publikationen, bedauert Wüthrich, dass er sich, auch durch seine persönliche Situation, nicht faktisch mehr habe reingeben können. Er erlebte, wie Menschen stigmatisiert wurden, sowohl Journalisten als auch Personen in seiner Kirche. «Aber ich verstehe auch, dass Verantwortliche einstehen mussten», so der Livenet-CEO.

Er habe hingegen wohl zu viel Zeit in Diskussionen mit Gleichgesinnten reingesteckt, meint Berger. Er habe zu sehr versucht, kritisch zu argumentieren, anstatt mehr umzusetzen; beispielsweise Menschen zu besuchen oder den Umgang mit Andersdenkenden möglich zu machen.

Zu demokratischen Journalismus-Kriterien meint Wüthrich, es müssten mehr Stimmen an einen Tisch kommen, so dass es breiter abgestützt sei: «Expertenstimmen hören, ist gut. Heute sind 50 Prozent der News KI-generiert. Das ist also schwierig. Aber ich hab auch zu wenig widersprochen, ich würde vielen alternativen Geschichten, die erzählt wurden, immer noch vehement widersprechen – z.B. Bill Gates, die Rolle der UNO, da bin ich immer noch irritiert, oder wäre es überhaupt möglich, dass das Ganze in einem chinesischen Labor entstanden ist? Hier drin einen Kompass zu haben, ist schon eine Verantwortung… Wir wollen aber Hoffnung geben und an einen liebenden Gott erinnern.»

Beziehung ist wichtig und ein klares Dagegen

«Für mich sollte alles dem Beziehungs-Aspekt untergeordnet sein, und Qualitäts-Journalismus kommt von einem Journalisten vor Ort; nicht von kopierten Fakten oder irgendwelchen Videos, die jemand gefunden hat», fährt der Livenet-CEO fort.

Berger sieht das ähnlich und ergänzt: «Aber bei den öffentlich-rechtlichen Medien sage ich, im Prinzip und etwas plakativ: einfach mal zuerst dagegen sein! Damals gab es nur ein Narrativ…» und er vergleicht es mit den vermeintlich einseitigen News zum Russlandkrieg oder der 10-Millionen-Initiative.

Dialogfähig trotz Angst

Die Talkmasterin fragt als nächstes: «Wie kann die Gesellschaft mit Angst umgehen?» Flo Wüthrich antwortet: «Es gab teilweise ein übertriebenes Kontrollbedürfnis, das zeigt, dass dahinter nicht so ein grosses Gottvertrauen steht. Ein stark verwurzeltes Gottvertrauen führt dazu, dass ich gut zuhören und vieles annehmen kann.» Er ruft auch dazu auf, raus zu gehen, Beziehungen zu leben, in Vereine und Kirchen zu gehen und so die Resilienz zu stärken.

Worauf der factum-Chefredaktor ergänzt, dass man nicht bei dem stehen bleiben sollte, worüber man berichtet – also bei der brennenden Welt – «weil wir eine biblische Hoffnung haben». Laut Ruth Baumann-Hölzle gehe es darum, trotz der Angst dialogfähig zu bleiben.

Wüthrich bleibt der Linie treu, aufeinander zuzugehen. «Wenn nicht in der Kirche, wo sonst?» Und er stellt die Frage an die Zuhörenden: «Hast du jemanden, der ganz konträrer Meinung ist? Woran man wachsen kann?» Raphael Berger fügt an, wie wichtig das Zuhören sei und sich auf der gemeinsamen Glaubensbasis zu finden; und er verweist auf Zeugnisberichte, die alle ermutigten.

Hier geht’s zum Talk:

Zum Autor: Roland Streit liebt Wort-Spielereien und -Schöpfungen. Er sieht es als Privileg beruflich mit Sprache arbeiten zu können. Als Verkäufer hatte er meist persönlich und mündlich gewirkt, später in der Jugendarbeit kam noch mehr Schriftliches dazu. So fand er im Radio die journalistische Kombination und seit rund zehn Jahren bei Livenet die nächste Station (nicht Radio...).

Datum: 25.09.2026
Autor: Roland Streit
Quelle: Livenet

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