Glaub an dich? Oder: Glaub an Gott!
Eine Reiterin galoppiert durch goldene Weizenfelder. Zwei Taucher schwimmen aufeinander zu, ihre Fingerspitzen berühren sich – wie bei Michelangelo. Ein Kind liegt im hohen Gras. Dazu der Slogan: «Glaub an dich. Du bist unglaublich.» Und ja: Unser Körper ist tatsächlich unglaublich. Milliarden von Zellen, Signalen und Schutzmechanismen wirken zusammen. Das Herz schlägt, die Lunge atmet, Wunden heilen. Die Krankenkasse lenkt mit ihrer Kampagne den Blick auf diese «stille Kraft». Und sie sagt zugleich: Selbst die stärkste innere Kraft braucht manchmal Unterstützung.
Doch bei aller Faszination für den Menschen stellt sich eine andere Frage: «Woher kommen diese unglaublichen Fähigkeiten?»
Der Mensch ist unglaublich – aber nicht aus sich selbst
Die Bibel sucht die Antwort nicht im Menschen selbst. Sie beginnt nicht mit «Glaub an dich», sondern mit Gott: «Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild» (1. Mose 1,27). Der Mensch ist wertvoll, weil er geschaffen, gewollt und geliebt ist. Seine Würde hängt nicht von Gesundheit, Leistung oder Erfolg ab. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Das moderne Menschenbild sagt: Entdecke, was in dir steckt. Glaube an dich. Die Bibel sagt: Entdecke, wem du dein Leben verdankst.
Das klingt weniger spektakulär, ist aber befreiend. Denn was geschieht mit dem «unglaublichen» Menschen, wenn das Unglaubliche nicht mehr funktioniert? Wenn der dicke Bauch sich abzeichnet oder der Körper von Krankheit gezeichnet ist? Wenn beim Aufstehen die Knochen scheppern und Arthrose daran erinnert, dass die Kräfte nachlassen? Wenn die Schönheit verblasst und das Idealbild zerfällt? Dann wird die Frage nach dem Menschenbild existenziell.
Wenn Selbstbestimmung zum höchsten Gut wird
Wenn mein Wert von meinem Äusseren und meiner Leistungsfähigkeit abhängt, wird das Alter zur Bedrohung. Ich denke an eine alte, pflegebedürftige Frau, die mir sagte: «Ich will niemandem zur Last fallen.» Genau da beginnt das Problem – wenn Würde an Nützlichkeit hängt. Am Ende wird nun auch noch mein Tod zur Selbstbestimmung. Genau hier kreuzen sich Werbung, gesellschaftliche Debatte und christliches Menschenbild.
Ich bin gegen den assistierten Suizid. Nicht weil mir die Freiheit des Menschen gleichgültig wäre, sondern weil mir das Leben des Menschen zu wertvoll ist, um es auf seine Selbstbestimmung zu reduzieren.
Am 27. September 2026 stimmt der Kanton Zürich darüber ab, ob assistierter Suizid künftig auch in privaten Alters- und Pflegeheimen erleichtert werden soll – und ausgerechnet der Kirchenrat der Reformierten Kirche empfiehlt, dem zuzustimmen. Er betont die Möglichkeit, Leben und Lebensende «selbstbestimmt» zu gestalten. Ich bin gegen den assistierten Suizid. Nicht weil mir die Freiheit des Menschen gleichgültig wäre, sondern weil mir das Leben des Menschen zu wertvoll ist, um es auf seine Selbstbestimmung zu reduzieren. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Aber das höchste?
Die Bibel kennt einen anderen Ausgangspunkt: Mein Leben gehört nicht zuerst mir selbst. Es ist mir anvertraut. Ich bin Geschöpf, nicht Schöpfer. Ein schwer kranker oder alter Mensch braucht Menschen, die bei ihm bleiben, Schmerzen lindern und seine Würde schützen. «Du bist nicht weniger wert, nur weil du nicht mehr alles selbst bestimmen kannst.»
Eine Kirche, die Selbstbestimmung über das Leben stellt
Hier wird es für die Kirchen unbequem. Wenn eine Kirche das Recht auf Selbstbestimmung verteidigt, übernimmt sie letztlich ein Menschenbild, das nicht aus der Bibel stammt. Sie spricht dann zwar noch mit religiöser Sprache, hat aber ein zentrales Element aufgegeben: Das Leben ist ein Geschenk Gottes.
Eine Kirche, die den assistierten Freitod als Ausdruck menschlicher Selbstbestimmung empfiehlt, säkularisiert sich selbst. Sie übernimmt einen Grundgedanken unserer Gesellschaft, statt ihm die biblische Perspektive entgegenzuhalten. Die entscheidende Frage lautet: «Wem gehört mein Leben?»
Psalm 139 staunt darüber, dass Gott den Menschen kennt und gewollt hat. Epheser 2,10 sagt: «Was wir jetzt sind, ist allein Gottes Werk.» Das ist die Aufgabe der Kirchen: nicht gesellschaftliche Selbstbestimmung religiös zu bestätigen, sondern daran zu erinnern, dass der Mensch sein Leben empfängt, bevor er darüber verfügt.
Glaub nicht zuerst an dich
Vielleicht braucht deshalb der bekannte Werbespruch eine kleine Korrektur:
Glaub nicht zuerst an dich. Glaub an den, der an dich glaubt.
Nicht mein Glaube an mich ist entscheidend, sondern dass Gott mich kennt, gewollt hat und bedingungslos liebt. Mein Wert wird nicht kleiner, wenn meine Kräfte nachlassen. Die christliche Hoffnung reicht über Krankheit, Alter und Tod hinaus. Ich muss nicht unglaublich sein. Ich darf glauben Gottes Geschöpf zu sein.
Vielleicht ist genau das die unglaublichste Nachricht von allen: Der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, sagt zu mir nicht einfach: «Glaub an dich!» Er sagt: «Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du gehörst mir.» (Jesaja 43,1).
Zum Autor: Peter Schneeberger ist Dozent für Praktische Theologie am TSC, Berater und Dozent der FEG Schweiz und der Präsident vom Dachverband Freikirchen und christliche Gemeinschaften Schweiz.
Datum: 10.09.2026
Autor:
Peter Schneeberger
Quelle:
Livenet