Persönlicher Impuls

Nein zum Antisemitismus – heute, hier!

Peter Schmid beobachtet besorgniserregende Entwicklungen des Antisemitismus.
Ein Papier des Zürcher Kirchenrats erhellt die düstere Geschichte der Judenfeindschaft und zieht Folgerungen, auch für die Bibelauslegung. Die frommen Freunde der Juden gehen in der Handreichung vergessen.

Der Hass auf Juden hat im Lauf der Geschichte so viele Gestalten angenommen und sich aus so unterschiedlichen Quellen genährt, dass man fragen kann, ob es ein Merkmal oder eine Eigenheit von Juden gibt, die nicht als Vorwand für Verachtung und Hass, für Ausgrenzung und Verfolgung missbraucht wurde. So abgründig der Judenhass in Europas Geschichte ist, so furchtbar ist seine Wandlungsfähigkeit. Die Neuauflage erleben wir seit dem 7. Oktober 2023.

In seinem grossen Werk «Das Europäische Zeitalter der Juden» (Darmstadt, 1990) hat Friedrich Battenberg die leidensvolle Geschichte der «Söhne Israels» samt ihrem Schwanken zwischen ihrer Tradition und den Forderungen der Umwelt nachgezeichnet. In der Zeit der Emanzipation, die mit der Französischen Revolution 1789 heraufdämmerte, zielten die Obrigkeiten in der Regel auf die Ausnutzung der Juden, ihre Assimilation und die Begrenzung ihres Einflusses in Gesellschaft und Wirtschaft.

Leuchtend hebt sich das Verständnis ab, das der Historiker Thomas B. Macaulay 1833 den Juden entgegenbrachte. In der Debatte des britischen Unterhauses zur Emanzipation 1833 plädierte er dafür, ihnen alle bürgerlichen Rechte zu geben, da «in dem Nationalcharakter der Juden nichts liegt, was sie zur Erfüllung der höchsten Pflichten des Bürgers unfähig macht. […] Wenn im Laufe der Jahrhunderte die unterjochten Nachkommen von Helden und Weisen nicht mehr auf der Höhe ihrer Voreltern stehen, wenn, während sie ausgeschlossen waren von den Segnungen des Gesetzes, gebeugt unter das Joch der Sklaverei, einige der Laster von Sklaven und Rechtlosen bei ihnen sich ausgebildet haben, sollen wir ihnen darüber Vorwürfe machen? Sollten wir das nicht vielmehr als eine Schande für uns betrachten und darüber Gewissensbisse empfinden? Gewähren wir ihnen Gerechtigkeit …»

Die Wurzel: kirchlicher Antijudaismus

Eine Hauptwurzel des modernen Antisemitismus – der Begriff kam erst um 1880 in Gebrauch – ist der Antijudaismus der Grosskirchen. Seiner Entstehung und Entwicklung und den Stellen im Neuen Testament, die seine Verfechter dafür einsetzten, geht die Handreichung des Zürcher Kirchenrats im ersten Kapitel nach.

Das zweite Kapitel ist der «Geschichte des Umdenkens» bei den Schweizer Protestanten im 20. Jahrhundert und den Anfängen des jüdisch-christlichen Dialogs gewidmet. Im Schlusskapitel gibt der Kirchenrat praktische Orientierung: Anleitung zum «Verlernen von Klischees und Stereotypen» übers Judentum (Gesetzlichkeit, Vergeltungslogik, Leistungsfrömmigkeit, Lohnmoral, Pharisäismus) und Bemerkungen zur Kritik am Staat Israel.

Das gehaltvolle Papier, das auf einen Vorstoss des Gossauer Synodalen Pfr. Christian Meier zurückgeht, wurde in der März-Synode gut aufgenommen. Es sei ein «sehr nötiger Tropfen auf einen heissen Stein», sagte Pfarrer und Kirchenhistoriker Michael Baumann im Namen der vorberatenden Kommission. Damit sei das Problem allerdings keineswegs gelöst.

Hass neu aufgeflammt

Der Stein wird heisser: Der Hass auf Juden ist seit dem 7. Oktober 2023 wieder aufgeflammt, unter dem Vorzeichen postkolonialer Denkformen, als Delegitimierung des Judenstaats. Infolge der Reaktion Israels auf den Hamas-Überfall hat der Antisemitismus in Europa erschreckend zugenommen.

Sogar im weltoffenen Zürich erleben Juden Feindseligkeit, böse Worte, Übergriffe, Attacken – bis hin zu einem Messerattentat im März 2024. In der reformierten Kirchensynode zeigte sich Julia Neuenschwander tief besorgt. Sie berichtete von einem Unterstufen-Schüler in einem Brennpunktquartier, der sich als Jude zu erkennen gab und daraufhin derart diskriminiert wurde, dass die Eltern ihn nach zwei Wochen aus der Schule nahmen. Immer mehr jüdische Kinder besuchen Privatschulen; ihre Eltern mahnen sie, sich im ÖV nicht zu erkennen zu geben. Neuenschwander kennt liberale Juden, die den Kindern ihre Religion sogar verschweigen!

Michael Baumann, Julia Neuenschwander und andere Synodale forderten daher konkrete Massnahmen – ein frommer Wunsch angesichts der heftigen Judenfeindschaft, nicht zuletzt an Hochschulen, wo die Präsenz der reformierten Kirche geschwunden ist.

Hilft interreligiöser Dialog?

Die Kirche trägt die Gefässe des nterreligiösen Dialogs mit. Kirchenratspräsidentin Esther Straub hob in der Synode hervor, dort werde der Antisemitismus thematisiert. Die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) hat die Attacke auf einen Juden in Zürich am 2. Februar 2026 scharf verurteilt. Sie stellt den Angriff in den «Kontext einer besorgniserregenden Zunahme rassistischer Gewalt gegen Religionsgemeinschaften» und erwähnt bezeichnenderweise gleich «antimuslimischen Rassismus» und «jede Form von Menschenfeindlichkeit» – sie alle hätten «in unserer Gesellschaft keinen Platz».

Die Lektüre der 30-seitigen Handreichung ist durchaus zu empfehlen, trotz einiger Mängel. In den Abschnitten zur Überwindung des Judenhasses seit 1945 fehlt der Hinweis auf die Pioniere: bibelgläubige Theologen und Denker, die lange vor zionistischen Bestrebungen und der Staatsgründung Israels aus geistlichen Motiven für die Hochachtung der Juden und die Wertschätzung der alttestamentlichen Offenbarung eintraten – gegen aufklärerische Denker.

Pioniere der Wertschätzung

Auch der eingangs erwähnte Thomas Macaulay gehört in diesen Strom. Schon die englischen Puritaner zur Zeit Cromwells und die Brüder Wesley – unter Einfluss von Graf Zinzendorf – wandten sich aus theologischen Gründen gegen die Verachtung der Juden, weil sie die Heilige Schrift Neuen und Alten Testaments hochhielten. David Rudolph hat aufgezeigt, dass die Anfänge der messianisch-jüdischen Gemeinden bei Zinzendorf lagen.

Diese Christen begegneten den Juden anders, wenn sie ihnen Jesus von Nazareth als Messias bezeugten – anders als die Geistlichen, Beamten und Fürsten Europas, die sie unter Druck setzten, ausnützten und dazu drängten, Christen zu werden. Die Zürcher Handreichung erwähnt, dass die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas 2001 förmlich der Judenmission abgesagt hat. Dass seit einigen Jahrzehnten auch in Israel messianische Juden ihren Volksgenossen den Messias aus Nazareth bezeugen, wird ausgeblendet.

Zeugen für Gottes Autorität und Treue

Schürft das Papier aus der Feder von Dr. Thorsten Dietz tief genug? Das Wort Jesajas «Ihr seid meine Zeugen» (43,10) macht bewusst, dass der Kirche und der ganzen Menschheit mit den Juden als Volk und Religionsgemeinschaft Gottes Offenbarung in der Geschichte, seine Berufung und seine Treue vor Augen stehen. Viele wollen das nicht sehen oder gar die Träger des Zeugnisses vom Angesicht der Erde vertilgen. Judenhass nimmt das einzigartige Wunder der Weltgeschichte aufs Korn: dass es die Juden bald 4'000 Jahre nach Abraham als Volk weiterhin gibt, im Land ihrer Vorväter.

Papst Benedikt XIV. hielt 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz 2010 fest: «Im Tiefsten wollte man mit dem Zerstören Israels, mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Masse des Menschseins aufgerichtet hat [...]. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören.»

Zum Autor: Peter Schmid war Redaktor von «wort+wärch», der Zeitschrift des Evangelischen Gemeinschaftswerkes EGW und Kommunikationsbeauftragter des Landeskirchen-Forums. Er ist Synodaler der Zürcher reformierten Landeskirche.

Datum: 03.09.2026
Autor: Peter Schmid
Quelle: Insist

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