Keine falsche Hoffnung bitte!
Ein Pfarrer muss von Hoffnung reden. Das ist sein Job. Dafür wird er bezahlt. Auch gegen allen Anschein muss er immer wieder öffentlich daran festhalten, dass schon alles gut werden wird. Muss er das wirklich? Peter Aschoff aus Nürnberg tut es nicht. Deshalb überschreibt er seinen Text im bayerischen Sonntagsblatt auch «Warum radikale Hoffnung manchmal eine Pause braucht». Mitten in die für viele Menschen hoffnungslose Realität stellt er fest, dass Hoffnung zur Beruhigungspille werden kann. Sehr schnell – zu schnell – spricht sie von Veränderung, Lösung, Auferstehung und Ewigkeit und überspringt damit das aktuelle Leid. Aschoff behauptet: Echte Hoffnung muss die Hoffnungslosigkeit aushalten können.
Eine andere Hoffnung
Hoffnungssuche ist ein Thema unserer Zeit. Das zeigt der Autor am Kinoprogramm, wo Christopher Nolans «Odyssee» Besucherrekorde bricht. Odysseus verliert darin nicht den Mut und kehrt schliesslich doch noch heim – als hoffnungsvoller Held. In der Realität versuchen Politiker wie der neue britische Premier Andy Burnham gerade Hoffnung zu verbreiten. Und Donald Trump spricht sowieso von einem goldenen Zeitalter. Peter Aschoff meint dazu: «Je dicker aufgetragen der Zweckoptimismus daherkommt, desto mehr fühle ich mich wie ein Kleinkind behandelt. Traut man mir die Wahrheit nicht zu?» Es gibt auch die dunkle Seite der Hoffnung. Das zeigt er zum Beispiel anhand der Klimakrise. Die üblichen christlichen Appelle zur Zuversicht überzeugen ihn nicht. Wer angesichts der ökologischen Entwicklung einfach versichert, dass es schon gutgehen wird, macht sich die Sache zu einfach. Denn Wirtschaftswachstum, Konsum, Mobilität und selbst ein weitgehend sorgenfreies Leben könnten tatsächlich ein Ende finden. Es wird nicht alles immer besser. Peter Aschoff verweist dazu auf den Propheten Jeremia, der seinem Volk auch nicht einreden wollte, dass alles so bleiben würde wie bisher.
Mehr als Optimismus
Hier trifft Aschoff den Nagel auf den Kopf. Christliche Hoffnung ist nicht dasselbe wie Optimismus. Dieser behauptet: Es wird schon gut ausgehen. Hoffnung sagt: Auch wenn es nicht so kommt, wie ich es mir wünsche, ist die Zukunft nicht gottlos. Das ist ein entscheidender Unterschied. Biblische Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass sich Probleme plötzlich in Luft auflösen. Dass Menschen Dinge verbocken und Gott mal eben ein Wunder tun muss und alles wieder geraderückt. Die Psalmisten klagen, die Propheten kennen Untergang und Exil, selbst Jesus spricht vom Leiden – und trotzdem bleibt die Erwartung bestehen, dass Gott das letzte Wort nicht der Zerstörung überlässt. Stark ist deshalb auch Peter Aschoffs Gedanke, dass Hoffnung manchmal eine Pause braucht. Wir müssen Katastrophen weder sofort geistlich erklären noch lösen. Wer zum Beispiel trauernden Menschen einfach zuhört, statt ihnen schnelle Antworten zu präsentieren, nimmt sie als Gegenüber ernst. Hoffnung wird dadurch nicht kleiner, sondern glaubwürdiger.
Ist Hoffnung schon verdächtig?
Aber schiesst er mit seiner Sicht übers Ziel hinaus? Wenn er eine indianische Geschichte der Crow in Nordamerika erzählt, dann meint er zuerst: «Den eigenen Untergang zu denken, das braucht Mut.» Falscher Optimismus ist sicher damals und heute nicht angebracht. Aber macht man sich bereits verdächtig, die Realität zu verdrängen, wenn man hoffnungsvoll spricht? Der Nürnberger Pfarrer unterstreicht gerade nicht die Hoffnungslosigkeit. Er sagt allerdings klar, dass Hoffnung kein Theatereffekt ist wie der «deus ex machina», der «Gott aus der Maschine», der in aussichtslosen Situationen auf der Bühne erschien und die Dinge in Ordnung brachte. Er unterstreicht, dass wir für unser Leben und das der Welt eine Verantwortung tragen, die wir nicht fromm hinweglächeln können. Und er macht deutlich, dass Hoffen mehr ist als ein Bestehen darauf, dass unser Besitzstand erhalten bleiben muss – sie ist radikal.
Hoffnung ist radikal
«Radikale Hoffnung ist ein Geschenk. Ich kann sie nicht schon vorab besitzen, konservieren und im Ernstfall dann aus der Tasche ziehen. Ich finde sie nur da, wo ich meine gewohnte Lebensweise, meine Identität, meine Privilegien nicht krampfhaft festhalte.» Hoffnung heisst also nicht, gegen alle Fakten an eine gewünschte Zukunft zu glauben. Sie heisst, mit offenen Augen durch eine unsichere Zukunft zu gehen und trotzdem mit Gott zu rechnen. Diese Perspektive unterstreicht Peter Aschoff mit einem modernen Psalm von Mary Gauthier: «Mitten in dieser Nacht, diesem Ozean der Finsternis, ist es dunkel genug, dass ich die Sterne sehen kann.» Das hört sich nicht so sensationell an wie das Versprechen «Gott wird dir geben, was du dir wünschst», aber es ist radikal ehrliche Hoffnung.
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Er ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und drei Enkel. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich. Ehrenamtlich arbeitet er in der humanitären Hilfe mit, ausserdem begeistert er sich fürs Radfahren, Lesen und Kunst.
Datum: 31.08.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet