Der feministische Freispruch der Taliban
Überall erheben sie ihre Stimme: «Lärm um Genderismus, Lärm um Rassismus, Lärm um Machismus – wo immer sich Gelegenheit bietet, inkorrektes Verhalten zu beklagen, ertönt die Stimme feministischer Ordnungshüter», hält Frank A. Meyer fest. Und er ist erstaunt: Gegenüber der «frauenverachtenden» Politik der Taliban, die seit fünf Jahren in Afghanistan an der Macht sind, müssten die gleichen Stimmen doch einen weltweiten Aufschrei erheben.
Aber nichts. Es herrscht Stille.
«Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich!»
Meyer bringt ein Beispiel: In einer Reportage der ZDF-Kriegsreporterin Katrin Eigendorf erzählt Hassina, eine Ingenieurin, vom unsäglichen Elend der Frauen unter den islamischen Taliban. Und sie fordert die Solidarität der freien Welt: «Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich!» Das Foto einer Strassenszene in Afghanistan mit zwei Dutzend tiefverschleierten Frauen und einem Taliban mit einer Art Stock-Peitsche in der Hand spricht Bände.
Meyer fragt: «Wo also sind die Aufmärsche und Sprechchöre, die an das demokratische Gewissen von Bürgerschaft und Politikern appellieren, gar entschiedene Massnahmen gegen das Regime der Frauenversklavung in Afghanistan zu erzwingen suchen?» Stattdessen Stille weithin.
Frauenverachtendes Credo
Auf der Suche nach Gründen stösst Meyer auf die US-Philosophin Judith Butler, Erfinderin der Gender-Theorie: «Sie betrachtet Verschleierung und Burka als Ausdruck von Bescheidenheit, familiärem Stolz und Schutz der vor westlicher Konsumkultur.» Sein Fazit: «Der feministische Freispruch für die Taliban.»
Kritik nicht erlaubt
Meyer bringt ein Beispiel, wie dieser absolut selektive «Feminismus» bei uns wirkt: «An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde die Professorin Susanne Schröter aufs Heftigste angegangen, als sie sich erlaubte, das Tragen des Kopftuchs auch nur zur Diskussion zu stellen. Der linksgrüne Aufschrei: 'Antimuslimischer Rassismus – Schröter raus!'»
Freiheit ist unteilbar, auch Freiheit von Frauen. Der Artikel Meyers hinterlässt die laute Frage, ob man Stimmen ernst nehmen kann, die vermeintliche Verletzungen der Freiheit im jüdisch-christlichen Westen lautstark anprangern, dort aber, wo Frauen echt leiden, ohrenbetäubend schweigen.
Zum Autor: Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 21 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europo und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.