Livenet-Talk

Covid-Aufarbeitung - Kann Versöhnung gelingen?

Peter Schneeberger und Samuel Kullmann beim Livenet-Talk
Dieser Frage widmet sich Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle im Livenet-Talk mit dem Berner EDU-Grossrat Samuel Kuhlmann und Peter Schneeberger, Präsident des Dachverbands Freikirchen und christliche Gemeinschaften Schweiz.

Anlass des Interviews ist die anhaltende gesellschaftliche Polarisierung. Die Beteiligten sind sich darin einig, dass sie bis heute nicht überwunden ist, ja, dass das Gespräch darüber kaum begonnen hat. Man könnte sagen: Die Pandemie liegt hinter uns – die Spannungen sind geblieben. Das Ziel des Livenet-Talks ist keine nachträgliche Richtigstellung oder wiederhergestellte Einigkeit, sondern ein gegenseitiges Verstehen als erster Schritt zum Dialog und zur Versöhnung.

Niemand wusste, was auf die Welt zukommt

Das Gespräch beginnt mit einem Rückblick auf die ersten Wochen der Pandemie. Für Peter Schneeberger wurde die Corona-Bedrohung greifbar, als sich Berichte aus Norditalien häuften und Bekannte aus der Region von Todesfällen erzählten. Als Präsident des Freikirchenverbands musste er unter grossem Zeitdruck Orientierung geben und die Kommunikation zwischen Behörden und rund 750 Freikirchen mitgestalten.

Samuel Kuhlmann ging analytisch an die neue Situation heran. Erste verfügbare Daten machten den Lockdown für ihn nachvollziehbar. Doch bald änderte sich seine Perspektive. Besonderen Anteil daran hatte eine Reise nach Ghana, wo er mit den katastrophalen Folgen der WHO-Massnahmen im Kontext eines Entwicklungslandes konfrontiert wurde. Hier wurden die Härten nicht durch ein Gesundheitssystem wie in der Schweiz aufgefangen. Für ihn wurde dies zum Wendepunkt. Ihm war klar: «Das kommt nicht gut. Und das ist so ein bisschen mein Weg, vom Massnahmenbefürworter zum Kritiker.»

Unterschiedliche Aufgaben, unterschiedlicher Druck

Schneeberger berichtet zunächst davon, dass er persönlich «äusserst privilegiert war» in dieser Phase: Haus, Garten und eine starke Kernfamilie vereinfachten vieles. Doch er erzählt auch von unzähligen E-Mails, öffentlichen Angriffen auf seine Person und massiver Kritik aus massnahmenkritischen Kreisen. Als Präsident des Freikirchenverbands sei er zum Symbol für die Umsetzung staatlicher Vorgaben geworden. Halt fand er in seiner Familie, beim Wandern und im Vertrauen auf Gott. Besonders Psalm 121 habe ihn durch diese Zeit getragen. Wenn er wieder einmal für alles verantwortlich gemacht wurde, was schlecht lief, konnte er es mit einem Blick auf die Berge (und auf Gott) abgeben: «Wer bin ich schon, dass ich so viel Verantwortung übernehme, dass ich verantwortlich wäre für alle Freikirchen? Und dann bin ich schlafen gegangen und am nächsten Morgen wieder aufgestanden und habe mein Tageswerk gemacht.»

Kuhlmann beschreibt eine andere Drucksituation. Ihn belastete vor allem die zunehmende Ausgrenzung ungeimpfter Menschen. Er kritisiert, dass viele Medien abweichende Positionen ignoriert oder in seinen Social-Media-Accounts zensiert und gelöscht hätten. Allerdings unterstreicht er, dass persönliche Angriffe wie gegenüber Peter Schneeberger niemals gerechtfertigt seien. Christen, die ihm dafür den Glauben abgesprochen oder ihn beleidigt hätten, sollten sich dafür entschuldigen.

Ein selbstkritischer Rückblick

Ein Schlüsselpunkt des Interviews ist der Moment, als beide Gesprächspartner einräumen, dass sie heute manches anders beurteilen würden. Schneeberger sagt offen, die damalige Impfempfehlung des Freikirchenverbands hätte klarer als Empfehlung gekennzeichnet werden sollen. Damals habe man unter grossem Zeitdruck gehandelt und nur begrenzte Informationen zur Verfügung gehabt.

Auch Kuhlmann zeigt Verständnis dafür, wie schwierig es war, in der aufgeheizten und ängstlichen Atmosphäre damals Entscheidungen zu fällen. Allerdings hält er daran fest, dass Kritik damals unterdrückt wurde und viele Debatten gar nicht erst geführt wurden.

Zuhören und den Austausch suchen

Über die Corona-Zeit hinaus sehen Peter Schneeberger und Samuel Kuhlmann eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. Die Ursachen davon bewerten sie unterschiedlich. Schneeberger beobachtet eine sinkende Bereitschaft, Andersdenkenden wirklich zuzuhören. Er wünscht sich eine demokratische Gesellschaft, in der andersdenkende Menschen respektvoll miteinander ringen können und dabei die Liebe zu ihrem Nächsten nicht verlieren.

Kuhlmann legt seinen Schwerpunkt eher auf offene Debatten. Wahrheit müsse im ehrlichen Austausch gesucht werden. Dabei sollten Christen weder aus Prinzip gegen staatliche Massnahmen sein, noch diese kritiklos übernehmen – sie sollten dagegen Verantwortung übernehmen und die unterschiedlichen Meinungen sorgfältig prüfen.

Beginn einer Aufarbeitung

Die beiden Gesprächspartner sind sich darin einig, dass die Corona-Zeit weiterhin einer Aufarbeitung bedarf, schon um sich den Verletzungen von damals zu stellen und Vertrauen wiederherzustellen. Um die Suche nach Schuldigen solle es dabei weniger gehen.

Kuhlmann kann sich Gemeinden vorstellen, die bewusst Räume für Versöhnungsgespräche schaffen. Schneeberger entgegnet, dass nicht jede Gemeinde gleichermassen belastet sei, viele hätten sich zwar nach staatlichen Anordnungen gerichtet, sie aber nicht zu verantworten. Er ermutigt aber in jedem Fall zum persönlichen Gespräch, wo Menschen verletzt wurden. Auf den langen Zeitraum seit der Corona-Krise angesprochen sagt Kuhlmann: «Vielleicht hätte es so sein sollen. Vielleicht braucht es ein paar Jahre Distanz, damit es der richtige Moment ist, um aufzuarbeiten.»

Am Schluss des Gesprächs steht kein Konsens über Verhalten und Politik während der Corona-Zeit, wohl aber eine gemeinsame Überzeugung: Versöhnung beginnt dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören. Wo sie die eigene Sicht kritisch hinterfragen und Beziehungen wichtiger nehmen als eine «gewonnene» Auseinandersetzung. Genau dazu möchte dieses Gespräch einen ersten Beitrag leisten.

Der gesamte Livenet Talk ist hier zu sehen:

Datum: 07.08.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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