Mit dem Herzen sehen lernen
Die meisten Menschen wollen vor allem eins, nämlich glücklich sein. Die Sehnsucht nach Glück betrifft Reiche wie Arme. Und dass wir uns so danach sehnen, ist ein Indiz dafür, dass es das Glück auch gibt. Wir Menschen sind so geschaffen, dass wir uns nach den Dingen sehnen, die es auch tatsächlich gibt. Selbst wenn wir sie noch nicht sehen können, so haben wir «in unserem Herzen» doch die Ahnung davon. Interessanterweise kommt das Wort «Glück» in der Bibel nicht sehr häufig vor. In einer Konkordanz zur Lutherbibel fand ich es genau an sieben Stellen. Da stellen sich schnell die Fragen: Passen Gott und Glück überhaupt zusammen? Scheint ja kein Hauptthema des Glaubens zu sein, oder?
Weit gefehlt, denn das, was das Glück eines Menschen ausmacht, ist das Hauptthema der gesamten Bibel. Ein «gesegnetes Leben» wird häufig gleichgesetzt mit einem «glücklichen Leben». Insofern hat es zu tun mit «Wohlergehen», «Gnade», «Freude», «Friede», «Lebenssinn», «Glauben», «Segen», «Angenommen sein», «Liebe erfahren und Liebe üben» und vielem mehr. Und davon ist die ganze Bibel voll.
Gott und das Glück
Über 100 Wissenschaftler aus aller Herren Länder und aus verschiedenen Fachgebieten wurden einmal gefragt, welche Erkenntnisse sie zum Thema «Lebensglück» durch wissenschaftliche Untersuchungen herausfinden können. Das 350 Seiten umfassende Buch « The World Book of Happiness» (Das Weltbuch des Glücks) versammelt die Erkenntnisse von über 100 Wissenschaftlern aus der ganzen Welt.
Die isländische Psychologin Dóra Guðrún Guðmundsdóttir (Reykjavik) weist darauf hin, dass die Bedeutung des Geldes allgemein überschätzt wird: «Es macht nur 4 Prozent des Glücks aus und nicht 70 Prozent, wie manche Menschen denken.»
Genauso sieht das der italienische Professor für Volkswirtschaft, Leonardo Becchetti (Rom). Ihm zufolge leben grosszügigere Menschen glücklicher. Sein Fazit: «Es erhöht das Glück der Menschen, zum sozialen Wohlergehen anderer beizutragen, selbst wenn dies ihren individuellen monetären Verdienst schmälert.» Nun, das hätten beide Glücksforscher auch in der Bibel finden können. Der Apostel Paulus sagt es nämlich deutlich kürzer: «Geben ist seliger als nehmen», (Apostelgeschichte 20,35; LÜ)
Mehrere Forscher haben sich mit der Bedeutung von Geld und Reichtum auseinandergesetzt: «Je materialistischer wir sind, desto weniger zufrieden sind wir mit unserem Leben», schreibt beispielsweise die tschechische Gesundheitsforscherin Helena Hnilicova (Prag). Doch auch auf diesen Zusammenhang macht bereits das alttestamentliche Buch Prediger aufmerksam: «Wer geldgierig ist, bekommt nie genug, und wer den Luxus liebt, hat immer zu wenig – auch das ist völlig sinnlos!» (5,9; Hfa)
Der von den Glücksforschern am häufigsten gegebene Rat betrifft den Umgang mit dem Nächsten. «Suchen Sie das Glück nicht in sich selbst, sondern in Ihren Beziehungen zu anderen», empfiehlt etwa der Psychologieprofessor Christopher Peterson (Michigan/USA), der als einer der Gründungsväter der «Positiven Psychologie» gilt. «Lieben und ehren Sie die Menschen, die Ihnen wichtig sind: Ihre Eltern, Lehrer, Familienmitglieder, Kollegen und Freunde.»
Ganz ähnlich heisst es im Römerbrief: «Seid in herzlicher Liebe miteinander verbunden, gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen» (12,10; Hfa).
Kann man Glück kaufen?
Auf den Zusammenhang zwischen Selbst- und Nächstenliebe weist der spanische Psychologieprofessor José L. Zaccagnini (Madrid) hin: «Um glücklich zu sein, … rate ich Ihnen, ausserhalb Ihrer selbst zu suchen, weil wir heute auch wissen, dass der beste Weg zum Glück darin liegt, sich den Menschen um einen herum zu widmen.» Bibelkenner denken dabei unweigerlich an Jesu Rat in Matthäus, 22,39: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Oder mit den Worten des Galaterbriefes, Kapitel 6, Vers 2: «Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen» (LÜ)
Stellt sich jetzt noch eine Frage: Kann man Glück kaufen? – «Ja», antworten die Wissenschaftler dieser Welt! Der Glücksforscher Christopher Peterson gibt den Rat: «Glück kann man kaufen – wenn man sein Geld für andere ausgibt.»
Auch dieser Rat findet sich mehrfach in der Bibel, zum Beispiel im Lukasevangelium Kapitel 12, Vers 33, wo Jesus sagt: « Verkauft euren Besitz und gebt das Geld den Armen! Schafft euch Geldbeutel an, die nicht löchrig werden und legt euch einen unerschöpflichen Reichtum im Himmel an, wo kein Dieb ihn findet und keine Motten ihn fressen» (NGÜ).
Diese Zitate zum Thema «Lebensglück» führen zu einer Erkenntnis, die ein echter Augenöffner sein kann. Das Schlüsselwort ist: Liebe. Ich gehe davon aus, dass wir uns einig sind, dass wir Liebe für einen der wichtigsten Faktoren in unserem Leben halten. Ich behaupte, dass 99 Prozent aller Menschen vor allem eins wollen: geliebt werden. Eine gute Familie, in der wir aufgewachsen sind, kann uns glücklich machen. Ein Beruf, der uns zufriedenstellt, kann ein Segen für uns sein. Ziele zu erreichen und Aufgaben zu bewältigen, können uns glücklich machen. Das Zusammensein mit guten Freunden kann uns glücklich machen. Aber all das ist nichts gegen das Gefühl, das uns überkommt, wenn wir spüren: Wir werden geliebt!
Und an dieser Stelle kommen die verschiedenen Punkte jetzt zusammen. «Selbst gesegnet sein, um andere zu segnen» und «mit dem Herzen die Welt anschauen». Der schottische Theologe Henry Drummond hat einmal geschrieben: «Wenn du auf dein Leben zurückblickst, dann wirst du merken, dass gewisse Augenblicke herausstechen, Augenblicke, in denen du wirklich gelebt hast – und das sind die Momente, in denen du aus dem Geist der Liebe heraus gehandelt hast. Alles andere hat nur kurzfristige Bedeutung. Die Taten der Liebe aber, von denen kein Mensch je erfahren hat oder erfahren wird, sie bleiben bestehen.»
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 29.07.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»