Sterben lernen heisst, bewusster zu leben
Florian Wüthrich trifft sich draussen im Grünen mit dem Theologenehepaar zum Livenet-Talk. In dieser freundlichen Umgebung nehmen sie sich ein schweres Thema vor: den Tod. Lea Schweyer arbeitet als Heimseelsorgerin im Pflegeheim St. Chrischona, Stefan Schweyer ist dort als Pfarrer tätig. In ihrer Arbeit gehört das Sterben als Normalität dazu. Deshalb verfassten sie das Buch «Sterben in christlicher Hoffnung» (erschienen im mosaicstones Verlag), erzählen im Interview von ihrer Sicht auf Leben und Tod und geben auch praktische Tipps.
Nur nicht verdrängen
Lea Schweyer zitiert Martin Luther, als sie dazu einlädt, sich idealerweise bereits mit dem Sterben zu beschäftigen, wenn noch keine akute Krise besteht. «Wenn man im Leben steht, muss man sich mit dem Sterben befassen. Und wenn man im Sterben liegt, muss man ganz aufs Leben schauen», soll der Reformator geraten haben. Die Idee dabei: Wer sich zeitig mit dem Thema auseinandersetzt, kann es anschliessend zur Seite legen und das Leben geniessen.
Ihr Mann beobachtet, dass dies besonders in unserer Gesellschaft wichtig ist, die inzwischen zwar freier über Sexualität reden kann, aber dafür den Tod tabuisiert. Frühere Generationen erlebten Sterben und Abschied selbstverständlich mit, heute herrscht eine «Professionalisierung der Todeskultur. […] Das heisst, alles passiert hinter verschlossenen Türen.»
Wertvoll bis zuletzt
Im Gespräch kritisieren Schweyers den allgemeinen Fokus auf Gesundheit, Jugend und Leistungsfähigkeit. Gerade Lea Schweyer als Heimseelsorgerin erlebt es täglich, dass Menschen das Gefühl haben, nicht mehr wertvoll zu sein, weil sie kaum noch etwas leisten können. Dem hält sie die christliche Perspektive entgegen: «Dass Alter einen Wert hat, dass man eine Würde hat bis zum letzten Atemzug im Leben, das sind keine Werte, die gross verkündet werden in unserer Gesellschaft. Aber so ist es von Gott her.»
Hoffnung verändert die Blickrichtung
Auch Stefan Schweyer betont diese Sicht des Glaubens. Er ermöglicht für ihn eine tragfähige Hoffnungsperspektive. Wer glaubt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, kann ihm anders begegnen. «Der christliche Glaube gibt uns eine super Grundlage, um normal und angstfrei über den Tod zu reden», hält er fest. Diese Hoffnung soll auch bei Trauerfeiern sichtbar werden. Hier kann die Kirche Trost spenden, aber vor allem die Auferstehung Jesu als Grundlage der christlichen Hoffnung benennen. Seiner Erfahrung nach nehmen dies auch Menschen ohne persönlichen Glauben dankbar an.
Den Abschied gestalten und vorbereiten
Im Buch gehen die Autoren auf viele praktische Fragen rund ums Sterben und die Bestattung ein. Sie plädieren zum Beispiel dafür, Abschiedsfeiern nicht im Stillen stattfinden zu lassen, sondern einen öffentlichen Rahmen dafür zu wählen. Jeder Mensch verdient einen würdigen Abschied, der zeigt: Dieses Leben war wichtig. Hilfsmittel dabei sind aus ihrer Sicht gemeinsame Aussegnungen und Kondolenzbücher für Freunde und Angehörige, aber auch für Mitbewohner und Mitarbeitende im Pflegeheim. Alles zusammen ermöglicht einen Prozess, der Trauer zulässt und gleichzeitig Hoffnung vermittelt.
Damit dies im Sterbefall gut möglich ist, empfehlen sie, persönliche Wünsche frühzeitig festzuhalten und vor allem mit den Angehörigen darüber zu reden. Einen roten Faden bilden dabei drei Ratschläge Martin Luthers: «die Beziehung zu Gott klären, die Beziehung zu Mitmenschen klären und die irdischen Angelegenheiten regeln». Konkret helfen dabei Patientenverfügung, Testament oder Wünsche für die eigene Bestattung ebenso wie versöhnende Gespräche innerhalb der Familie.
Hoffnung bis zuletzt
In ihrer Arbeit als Heimseelsorgerin erlebt Lea Schweyer immer wieder, dass sich Menschen am Lebensende für Fragen nach Gott öffnen. Im Gespräch geht es ihr dann nicht um moralischen Druck, sondern darum, ihnen Gottes Liebe anzubieten. Sie selbst hat dazu wenig Erfahrungen beizutragen, aber «Jesus ist der einzige Experte in puncto Sterben, weil er selber da durch ist», stellt sie klar. Ihr Beitrag ist das Singen oder Beten mit den Menschen und kleine Gesten der Fürsorge – gerade in den letzten Stunden.
Es geht ums Leben
Zum Abschluss betont Stefan Schweyer noch: «Der christliche Glaube ist nicht eine Kultur des Todes, sondern eine Kultur des Lebens.» Deshalb bieten christliche Beerdigungen zwar Raum für Trauer, sind aber gleichzeitig von Hoffnung geprägt. Diese Hoffnung gilt für die beiden unabhängig davon, wie «gläubig» ein Mensch war. Lea Schweyer meint dazu: «Unsere Aufgabe ist, dieser Person Adieu zu sagen und die christliche Hoffnung weiterzugeben. Das kann man immer. Und Menschen trösten. Wir brauchen alle Trost, wenn jemand gegangen ist.» In diesem Sinne verstehen die Autoren die Beschäftigung mit dem Sterben letztlich als Einladung zu einem bewussteren Leben. Denn wer sich seiner Endlichkeit stellt, entdeckt dabei neu den Wert jedes einzelnen Tages und gewinnt eine Hoffnung, die über den Tod hinausreicht.
Wir verlosen viermal das Buch «Sterben in christlicher Hoffnung» von Lea und Stefan Schweyer! Schreibe uns bis zum 31. August 2026 eine E-Mail mit deinem Namen und deiner Adresse an redaktion@livenet.ch – und mit etwas Glück gehört eines der Bücher bald dir.
Zum Talk:
Datum: 24.07.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet