Sozial wirksam

Das Leben kann verändert werden

Steve Volke
Veränderte Menschen verändern ihre Welt – das ist Steve Volkes Devise. Und genau das hat der Leiter von Compassion Deutschland unzählige Male erlebt. Heute berichtet er von zwei Beispielen.

Veränderung muss konkret werden, es reicht nicht, nur über sie zu reden. Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Diskussion mit einem politischen Würdenträger, der auf eine unserer Infobroschüren etwas allergisch reagierte. Stand auf der Titelseite doch tatsächlich über dem Bild eines armen Kindes: «Verändere mich, und ich verändere meine Welt!». Das sah er völlig anders. Er war der Meinung, wir müssten die äusseren Gegebenheiten verändern, um die Menschen zu verändern. Ich weiss nicht mehr, ob ich ihn überzeugen konnte, aber meine Argumentation war: «Veränderte Menschen verändern ihre Umwelt.»

Kinder sind die wahren «Helden des Alltags» und ihre Geschichten sind echte Augenöffner. Und diese Art der Veränderung geschieht an vielen Orten weltweit millionenfach. Deshalb sollen in diesem Kapitel exemplarisch einige «Weltveränderer» ins Rampenlicht gestellt werden. Kinder, die aus ärmsten Verhältnissen kamen, die sich verändert haben und heute als Erwachsene das Leben von anderen verändern. Ich lade dich ein, ein Kapitel lang am Leben von Frida und Satish teilzunehmen. Sie haben mir ihre Geschichten selbst erzählt. Und ich erzähle sie dir gerne weiter, weil es Geschichten des Segens sind. Übrigens hat der Sehendmacher sich um beide in einem Compassion Kinderzentrum gekümmert und sie zu dem werden lassen, von dem diese Geschichten erzählen:

Frida

Frida lernte, dass nach Krisen auch Wendepunkte kommen (Symbolbild)

Hätte sie früher jemand gefragt, was ihr grösster Wunsch wäre, hätte sie wahrscheinlich sofort geantwortet: «Ich möchte gesehen werden! Ich möchte endlich dazu gehören! Ich möchte endlich das Gefühl loswerden, verlassen zu sein!»

Frida wurde in einem armen Stadtteil nahe der Stadt Arusha in Tansania in eine Familie mit fünf Kindern hineingeboren. Kurz nach ihrer Geburt starb ihre Mutter. Ihr Vater fühlte sich mit den Kindern völlig überfordert und verliess eines Nachts die Familie. Die Kinder sollten nie mehr etwas von ihm hören. Die kleine Frida und ihre Geschwister blieben bei der alkoholkranken Grossmutter zurück. Wenn ihre Oma mal etwas Geld bekam, setzte sie das direkt in Alkohol um. Es war ihre Art, die Armut zu vergessen. Für Frida war es allerdings die Umgebung für eine düstere und wirklich schwere Kindheit.

Eines Tages muss ihre Oma aber einen wirklich hellen Moment gehabt haben, denn sie brachte Frida zu einer evangelischen Kirche, die durch ein Patenschaftsprogramm armen Kindern eine Perspektive ermöglicht. Und das Wunder geschah: Frida lernte dort, dass Gott ein besonderes Herz für die Armen hat, für die Vernachlässigten, für die, die keine Lobby haben – für die «geknickten Rohre und glimmenden Dochte», die es heute millionenfach gibt. In Jesaja 42,3 verspricht Gott: «Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus» (LÜ).

Frida lernte dort in der Kirche einen Gott kennen, der sich um sie kümmert. Und begeistert wie sie war, erzählte sie ihrer Grossmutter davon. Auch sie hat daraufhin den Kontakt zu den Christen aufgesucht und erlebte Veränderung. Ihr Leben bekam eine positive Richtung. Mithilfe anderer und finanzieller Unterstützung aus dem Programm baute sie einen kleinen Obststand und Gemüseladen auf. Nach kurzer Zeit besass sie ein eigenes Einkommen, womit sie die Kinder selbst versorgen konnte – und durch diese Veränderung hatte sie keinen Grund mehr zum Trinken. Frida erfuhr ausserdem in der Kirche mehr über ihre Begabungen, entwickelte sie und begann schliesslich als 18-Jährige an der Universität ein Medizinstudium.

Geknickte Rohre müssen nicht absterben. Sie können aufgerichtet werden, gestärkt werden und wieder zu Kräften kommen. Und manchmal sieht man später nicht einmal, dass sie geknickt waren.

Satish

Satish gelang es aus den ärmsten Verhältnissen auszubrechen (Symbolbild)

Jeden Tag war es das gleiche Spiel. Satish und seine drei älteren Geschwister aus Bangalore, Indien sahen sich in einem permanenten Ausnahmezustand, der für sie aber der Normalzustand war. Wer denkt, Haiti würde ganz oben in der Liste der ärmsten Flecken der Welt stehen, der war noch nicht in Bangalore. 40 Prozent aller armen Menschen der Welt leben in Indien. Es gibt Millionen Schicksale wie das von Satish Kumar – und Gott sei Dank verlaufen einige positiv, so auch das von Satish.

Als Vierjähriger hatte Satish bereits jeden Tag um 4 Uhr morgens aufzustehen, um mit seinem Vater auf einem Gemüsemarkt die Ware für den Tag einzukaufen. Die wurde anschliessend verladen, aber nicht auf einen LKW, sondern auf einen kleinen Karren, der per Hand anschliessend durchs Stadtgebiet gezogen wurde. «Meine Kindheit bestand eigentlich nur aus dem Verkauf von Gemüse. Ich musste immer bei den Leuten an die Tür klopfen und irgendwie versuchen, ihnen etwas für den Tag zu verkaufen», erinnert sich Satish. «Während andere Kinder später in die Schule gehen konnten, gab es für mich nur einen Lebensinhalt: mit meinem Vater Gemüse verkaufen.»

Aber noch eine andere Routine setzte sich in seinem Leben fest. Jeden Abend bekam er als Dank von seinem Vater einen Riegel Schokolade und die Anweisung, vor dem Eingang zu einem Park zu warten. Wenn sein Vater dann nach einigen Stunden aus dem Park zurückkam, sah er völlig verändert aus. Seine Augen waren rot unterlaufen, er wurde aggressiv und torkelte. Zu Hause dann die nächste Routine: Er schlug seine Frau blutig und auch die anderen Geschwister heftig. «Ich wusste gar nicht, was in dem Park vor sich ging, später erst bekam ich mit, dass Alkohol der Grund für die starke Veränderung meines Vaters war.» Satish wurde selten geschlagen, und er dachte deshalb, dass sein Vater ihn wirklich liebte. Aber die Familie hatte keine gute Zukunft. Jeden Abend gingen seine Geschwister und Mutter weinend zu Bett. «Es war schrecklich, meine Mutter bluten zu sehen. Sie schrie jedes Mal um Hilfe, aber keiner der Nachbarn nahm irgendeine Notiz davon.» Ohnehin schien die unmittelbare Umgebung nicht sehr hilfsbereit zu sein: «Die hätten eher einem herumstreunenden Hund etwas zu essen gegeben als uns Kindern. Man achtete nicht aufeinander. Wenn zum Beispiel Kinder aus unserer Gegend verschwanden, weil sie entführt wurden, interessierte das niemanden.»

Zu essen gab es für Satishs Familie jeden Tag nur die Reste, die nicht verkauft wurden. Und das nicht jeden Tag und normalerweise meist die verfaulten Stücke. Oft musste sich die komplette Familie hungrig schlafen legen.

In der Nähe des Armenviertels gab es eine christliche Gemeinde, die sich um arme Kinder kümmerte. Oft stand Satish dort am Zaun und blickte auf das Gelände. Irgendetwas schien anders zu sein für die Kinder, die auf dem Hof spielten. Sie waren fröhlich, hatten keine dreckigen Kleider an, sie besassen sogar Schuhe! Eines Tages luden die Mitarbeiter Satish auf ihr Gelände ein. «Ich traute dem Ganzen nicht so richtig. Ich dachte, die wollen mich nur verprügeln. Aber ich hoffte, danach vielleicht etwas Brot zu bekommen.» Doch es sollte ganz anders kommen. Er war herzlich willkommen und wurde in ein Patenschaftsprogramm aufgenommen. «Ich durfte mir den Magen vollschlagen und bekam auch später regelmässig zu essen. Auch sorgten sie dafür, dass ich zur Schule gehen konnte.» Satish erinnert sich noch heute daran, wie er im Alter von neun Jahren die ersten Schuhe seines Lebens bekam. «Das war unglaublich. Ich habe mich damit schlafen gelegt! Und beim Einschlafen habe ich immer die Decke etwas nach oben gezogen und nachgeschaut, ob die Schuhe noch an meinen Füssen waren.»

Und etwas anderes half ihm aus der vorherigen Ausweglosigkeit: «Ich hörte das erste Mal in meinem Leben von Jesus. Wir haben im Hinduismus über 330 Millionen Götter. Jeder ist für etwas anderes zuständig. Jesus schien für alles zuständig zu sein und deshalb interessierte ich mich für ihn.»

Der göttliche Halt war auch notwendig, denn eines Tages brannte ihre Hütte. Im Delirium hatte sich sein Vater in der eigenen Hütte angezündet. Er beging Selbstmord. Es brannte alles nieder, nichts blieb mehr übrig.

Auch in dieser Situation halfen die Christen und die Paten, sodass die Familie nach dem ersten Schock wieder langsam Fuss fassen konnte. Satish fand Halt in seinem Glauben an den einzig wahren Gott, wie er erkannte, und konnte auch seine Mutter und Geschwister aufbauen. «Ich hatte das Glück, durch die Unterstützung aus der Patenschaft meine Schule zu beenden.» Und mehr noch: Er setzte sich in einem Bewerbungsverfahren durch und erhielt ein Stipendium für die Universität in Bangalore. «Zuerst wollte ich wie alle Kinder Doktor werden. Aber schliesslich entschied ich mich für ein Wirtschaftsstudium.» Mit Erfolg, denn am Ende des Studiums stand eine Stelle als Manager beim Computerriesen IBM.

Heute ist Satish selbstständig und betreibt eine Eventmanagementagentur. Er hat sechs Angestellte, für deren Einkommen er sorgt. Übrigens: Alles ehemalige Kinder aus ärmsten Verhältnissen wie er selbst. Seine Veränderung setzt sich fort.

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 22.07.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

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