Sozial wirksam

«Wie wenn ein Adler nur einen Flügel hätte»

Ein Eindruck des Reinigungsteams von «läbeplus»
«läbeplus» begleitet Menschen in schwierigen Lebenslagen und verhilft ihnen mit Arbeit ein Stück weit, finanzielle Freiheit zu erlangen und sie in den primären Arbeitsmarkt zu integrieren. Im letzten Jahr fanden 36 Teilnehmer eine neue Stelle.

«Ein Bild, das ich vom Reich Gottes habe, ist das eines Adlers: Der eine Flügel steht für das Wort Gottes, der andere für die Tat», sagt Tilo Rau, Geschäftsführer von «läbeplus» in St. Gallen. «Eine gesunde Gemeinde lebt beides: Sie unterstützt Menschen ganz praktisch durch diakonisches Handeln und ist zugleich evangelistisch unterwegs. Fehlt eines von beidem, ist es für mich, als hätte ein Adler nur einen Flügel – er würde sich lediglich im Kreis drehen.»

Seit vier Jahren ist Tilo Rau Leiter von läbeplus, der sozialdiakonischen Arbeit der Kirche Bild in St. Gallen. «Wir bieten viele Dienstleistungen rund um Immobilien an. Hauswartung, Gartenunterhalt, Zügelservice, Reinigung. Besonders wichtig ist der Reinigungsdienst. Dieser eignet sich besonders für Frauen mit Migrationshintergrund. Diese sind oft in einer schwachen Position, weil sie von ihren Männern abhängig sind, die lokale Sprache nicht sprechen und oftmals mit Kinderbetreuung ohnehin schon absorbiert sind.»

Wenn der Chef mit anpackt

Tilo Rau geht mit seinen Leuten auch immer wieder an die Einsatzorte und probiert selber aus, was man den Mitarbeitern zumutet. «Einmal war ich Fenster reinigen. Ich war sehr lange mit einem Fenster beschäftigt. Zu lange, wie sich herausstellte. Die Profis kalkulieren für ein grosses Fenster 20 bis 30 Minuten.»

Letztlich muss auch läbeplus eine verlässliche Leistung erbringen, wenn man den Kontrollen der Liegenschaftsverwalter standhalten will. Manchmal kommen die mit den weissen Handschuhen und sie sind gnadenlos, was die Beurteilung des Resultates betrifft.

Die Teilnehmenden beginnen ihre Ausbildung «on the job» bei den Fenstern, dann kommen die Nasszellen hinzu und die Meisterklasse ist die Küche. Küchen sind voller Fett und Verkrustungen und brauchen am meisten Zeit und Energie.

Freiheit zurückgewinnen

Tilo Rau ist Leiter von «läbeplus» und begleitet Menschen mit seiner sozialdiakonischen Arbeit

Frauen aus schwierigen Verhältnissen haben häufig kein eigenes Geld und werden teilweise von ihren Männern finanziell «kontrolliert». Durch die Arbeit bei läbeplus erwerben sie sich eine gewisse Freiheit. «Im letzten Jahr haben 36 Personen, die wir beschäftigt haben, eine Stelle gefunden. Im Schnitt arbeitet eine Person ein halbes Jahr für läbeplus, ehe sie dann eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt findet.»

Nahe an der Gemeinde sein

«Für mich ist die Nähe zur Gemeinde wichtig», betont Tilo Rau. «Drei Leute aus unserem Team besuchen die lokale Gemeinde hier. Es soll kein Projekt sein, das sich verselbstständigt, sondern ein Projekt der Gemeinde. Früher wurden Schulen, Spitäler, ja sogar Banken, von Christen gegründet und aufgebaut. Leider ging der Spirit bei vielen Institutionen verloren und irgendwann sind daraus weltliche 'Maschinen' geworden, bei denen das Geldverdienen im Vordergrund steht.» Dieses Schicksal soll läbeplus erspart bleiben.

Läbeplus hat seine Lokalität im Kirchgemeindehaus. «Früher waren wir extern. Jetzt treffen wir viele Menschen aus der Gemeinde und sind im regelmässigen Austausch mit ihnen. Ab und zu organisieren wir einen Brunch nach dem Gottesdienst und vor allem wissen wir, dass wir im Gebet mitgetragen werden.»

Nicht anmelden, sondern bewerben

Manchmal rufen Leute vom Sozialamt an und fragen, ob sie eine Person, die sie betreuen, bei uns anmelden dürfen. Tilo Rau betont dann jeweils: «Nein, uns kann man keine Problemfälle zuhalten, aber jeder, der willig ist, kann sich bei uns bewerben.» Die Motivation sei entscheidend. Nur wenn jemand wirklich will, ist fast alles möglich. «In diesem Punkt möchten wir uns von anderen sozialen Organisationen, bei denen es auch Zwangszuweisungen gibt, abgrenzen.»

Natürlich verzichtet man dadurch auch auf staatliches Steuergeld – und erhält sich gleichzeitig seine Freiheiten. «Es gibt wenige Sozialfirmen, die praktisch ihre gesamten Kosten durch Eigenleistungen, sprich Dienstleistungen, decken können. Es gab und gibt Jahre, in denen wir die Kosten nicht vollständig decken konnten. Dann helfen Spenden von Menschen oder Firmen, die gut finden, was wir tun. Voilà, das reicht. Bis jetzt ist es auf jeden Fall immer aufgegangen. Die Arbeit unserer Teilnehmenden kann bei läbeplus mit einem branchenüblichen Lohn angemessen entlöhnt werden. Und das ist auch richtig so», meint Tilo Rau.

«Ein Segen, den wir erleben»

«läbeplus» unterstützt mit ihrer Arbeit auch bei Umzügen

Im vergangenen Jahr durfte läbeplus sein 15-jähriges Bestehen feiern und mit Dankbarkeit auf die vergangenen Jahre sowie auf Gottes Führung zurückblicken. «Wir erleben, wie Gott uns immer wieder segnet. Wir haben gelernt zu hören, was dran ist, wir lassen uns durch und mit Gott hin zu guten Lösungen führen und per saldo stimmt die Versorgung.» Tilo Rau trifft sich jeden Monat mit dem Vorstand zum Gebet und mit dem Team jede Woche. «Wir wundern uns nicht, warum es uns gut geht, sondern wir wissen, woher der Segen kommt.»

Eine Frau, die vor langer Zeit aus dem Balkan in die Schweiz immigrierte und sich hier integrierte, stiess vor längerer Zeit zum Team. «Sie war damals arbeitslos. Sie arbeitete in der Administration und wurde mit der Zeit Teil der Gemeinde. Heute ist sie pensioniert, macht aber noch Ferienvertretungen. Ein junger Mann, dessen Eltern gläubig sind, wollte mit dem Glauben nichts zu tun haben. Er flog aus der Lehre und war ziemlich aufgeschmissen. Bei uns konnte er seine Lehre zu Ende führen. Später fand er wieder zum Glauben und konnte bezeugen: ‘Ich habe Jesus in mein Herz aufgenommen.’ Das sind die Ereignisse, die uns letztlich wahre Freude bereiten. Denn ein Leben ohne Gott ist, selbst wenn man Arbeit hat, trostlos.»

Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.

Datum: 21.07.2026
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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