Die Zukunft hat begonnen
Als die Leiter und Würdenträger der Weltweiten Evangelischen Allianz zur dritten Lausanner Konferenz 2010 im südafrikanischen Kapstadt zusammensassen, diskutierten sie auch die weltweite Situation von Kindern. In der Abschlusserklärung heisst es: «Alle Kinder sind gefährdet! Wir haben zwei Milliarden Kinder weltweit und die Hälfte davon ist von Armut bedroht beziehungsweise muss in Armut leben. Kinder und Jugendliche sind die Kirche von heute, nicht die von morgen. Junge Menschen haben ein grosses Potenzial, aktive Vertreter von Gottes Reich zu sein.»
Es ist noch so viel zu tun. Für jeden, der sich für Arme engagieren will, gibt es einen Platz. Und am sinnvollsten fangen wir mit den Kindern an, damit diese wiederum, ihr Potenzial entfalten können. Die verheerenden Zahlen und Fakten über die Situation armer Kinder weltweit lassen sich sehr leicht im Internet finden. Deshalb möchte ich an dieser Stelle exemplarisch nur eine Tatsache herausgreifen:
Rund 400 Millionen Kinder leben ohne sauberes Wasser und 500 Millionen Kinder können keine sanitären Einrichtungen benutzen. Welche Auswirkung allein diese grossen Zahlen auf einem kleineren Raum haben, durfte ich bei einem Besuch im indischen Slum von Chennai fühlen beziehungsweise riechen. Für 5.000 Menschen, die auf engstem Raum in zusammengezimmerten Hütten lebten, gab es genau fünf Toiletten. Das, was dort hineinkam, kam auch direkt wieder heraus – und so war die Strasse mit Tretminen aller Art übersät. Direkt an der Strasse, wo sich die braune Sosse wie ein mittelgrosser Fluss ihren Weg bahnte, stand ein kleines indisches Mädchen in buntem Kleid barfuss in der – ja genau! – und zapfte aus einem Wasserohr, das ebenfalls von dem flüssigen Gemisch umspült wurde, Wasser. Es stank unglaublich!
Irgendwie hatten diese Menschen es aber noch besser als ihre Leidensgenossen in Kibera, dem wie bereits gesagt grössten Slums Afrikas mitten im kenianischen Nairobi. Dort gab es bis vor Kurzem gar keine Toiletten. Und das bei ca. 500’000 Menschen. Plastiktüten als Dixi-Klos. Und nachts wurden dann die Wurfgeschosse über die Zäune geworfen.
Ein Leben mit mehr Tiefenschärfe
Und nun? Wollen wir einfach weiterblättern oder noch einigen weiteren Tatsachen ins Auge blicken? Ich sag dir ganz ehrlich: Vor zehn Jahren hätte ich solche Fakten mit einem beeindruckenden Kopfnicken zur Kenntnis genommen, hätte mich beruhigt mit dem Spruch «Ja, ja, die Welt ist schlecht!» begnügt und hätte mich an den Mittagstisch gesetzt und auf den Schreck erst mal gut gegessen. Dann hätte ich mir gesagt, dass die Zahlen ja unvorstellbar hoch seien, und ich ohnehin nichts daran ändern könne. Danach wären mir viele Menschen eingefallen, deren Aufgabe es ist, dagegen etwas zu unternehmen: die Regierungen zuerst, dann die Weltgemeinschaft, dann die vielen Hilfswerke, die UN, UNICEF, die Kindernothilfe, World Vision und Compassion. Und dann? Dann wäre ich fertig gewesen mit dem Thema.
Es mag dich vielleicht schockieren, aber das Thema wäre tatsächlich nicht nah genug an mich herangekommen. «Was gibt’s eigentlich heute Abend im Fernsehen, im Kino oder sollen wir mal wieder essen oder in ein Konzert gehen?». Seien wir ehrlich, das sind die Themen, die uns beschäftigen. Und manchmal sind es unsere Fluchttüren, um das Elend dieser Welt nicht an uns herankommen zu lassen. Um es noch einmal mit einem Begriff aus der Fotografie zu sagen: Unser Leben braucht mehr Tiefenschärfe!
In unserer Welt leben Millionen Kinder in extremer Armut. Sie sind verstossen, versteckt, missbraucht, auf sich allein gestellt, ihrer Rechte und vor allem ihrer Kindheit beraubt. Sie leiden besonders unter menschenunwürdigen Bedingungen. Arme Kinder sind extrem verletzlich, zum Beispiel die AIDS-Waisen. Sie sind bösen Menschen hilflos ausgeliefert, wenn sie nicht gute Menschen haben, die sich um sie kümmern. 150 Millionen Kinder weltweit wachsen als Waisen auf und laufen Gefahr, versklavt, missbraucht und betrogen zu werden. Wer kümmert sich zum Beispiel um den Besitz einer Familie, wenn beide Eltern gestorben sind und nur noch die Kinder überleben?
Es ist möglich
In Äthiopien habe ich bei einer Begegnung Selamawit kennengelernt. Damals war sie 15 Jahre alt und lebte allein mit ihrem jüngeren Bruder in einer armseligen Behausung am Rand eines Slums. Ihre Geschichte war unglaublich und doch so hoffnungsvoll, dass sie ein gutes Beispiel dafür ist, wie Hilfe funktionieren kann.
Im Alter von acht und fünf Jahren hatten die beiden Kinder ihre Eltern an AIDS verloren. Mithilfe einer christlichen Gemeinde und Paten aus dem Ausland war es möglich, dass Selamawit und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Nahum in ihrer Hütte wohnen bleiben konnten – in ihrem Umfeld, in der Nachbarschaft, in der sie auch geboren und bisher aufgewachsen waren.
Es hat geklappt, weil sich Christen vor Ort um sie gekümmert haben, ihnen geholfen haben, durchzuhalten und zu überleben. Einige Jahre später traf ich die beiden wieder. Eine gestandene, junge Frau mit einem gewachsenen Selbstwertgefühl und ein inzwischen achtzehnjähriger Junge, der mich fröhlich anlächelte. Selamawit hatte inzwischen eine Ausbildung begonnen und Nahum hatte gerade sein Abitur gemacht, als Bester der Stadt Addis Abeba. (…)
Was können wir tun?
Wie können wir nun vorgehen, wenn Kinder die Gegenwart sind und wir ihnen eine sichere, gesunde und in allen Belangen wertvolle Zukunft ermöglichen wollen? In diesem Punkt können wir tatsächlich viel von Christen aus den ärmsten Ländern der Welt lernen. Zum Beispiel von einer Gemeinde in Cebu auf den Philippinen, die ich 2012 besucht habe. Das Gemeindehaus liegt mitten im Rotlichtviertel. Etwa 600 Kinder kommen in das von Compassion durch Patenschaften geförderte Kinderzentrum. Die Mütter dieser Kinder sitzen überwiegend im Gefängnis als Kleinkriminelle oder Drogendealer. Die Väter haben sich meistens schon vor vielen Jahren aus dem Staub gemacht oder sind die Unterdrücker der eigenen Familien. Doch ihre Kinder haben die Chance, dass ihr Leben anders verläuft. Sie nehmen täglich an einem Programm in einem geschützten Setting teil, das ihnen Wertschätzung, Bildung, Überlebenstraining und Gemeinschaftssinn vermittelt. Für die verschiedenen Altersgruppen wird ein individuelles Programm angeboten, das sowohl Spiele, Gemeinschaftsaktionen, Unterstützung in der Schule, Bildung, Gesundheitsversorgung und Förderung der individuellen Talente beinhaltet. Durch Selbsterfahrungsübungen lernen zum Beispiel die Mädchen, Nein zu sagen und klare Grenzen zu setzen. Die Jungen lernen Verantwortungsgefühl zu entwickeln und für andere da zu sein. Ausserdem erleben die Kinder und Jugendlichen durch die Mitarbeiter glaubwürdige Christen in ihrem Einsatz für die Armen.
Als ich die Leiterin des Zentrums fragte, wie viele der Mädchen des Projekts später vielleicht doch als Prostituierte arbeiten würden, da das direkte Umfeld ja auch prägt, kam es aus ihr herausgeschossen: «Kein einziges!» Kurz bevor ich das Haus verliess, fielen mir im Eingangsbereich zwei Schilder ins Auge, die einen klaren Wegweiser aufzeigten:
Missionstatement 1: «Bring Christ to the Community!»
Missionstatement 2: «Bring the Community to Christ!»
(«Bringe Christus in die Gegend» – «Bringe die Gegend zu Christus»).
Wie Kinder die Welt verändern
In Ecuador habe ich einmal an einem Gottesdienst teilgenommen, der mich sehr ins Nachdenken gebracht hat: Diese Gemeinde hatte nämlich nur Gottesdienste für Kinder! Die Kinder durften ihre Eltern mitbringen, aber nach ca. zehn Minuten wurden die Eltern in ihr eigenes Programm geschickt – und dann ging im Gottesdienst mit den Kindern richtig die Post ab.
In Indien habe ich vor einigen Jahren in einem Slum ebenfalls einen Gottesdienst nur für Kinder miterlebt. Mitten im Gottesdienst forderte der Pastor die Kinder auf, von vorne zu erzählen, was sie in der letzten Woche mit Jesus erlebt hätten. Er betonte aber mehrmals, dass sie nur Erlebnisse aus der letzten Woche erzählen dürften, nichts, was länger zurück läge. Die Schlange vor dem Mikrofon nahm kein Ende. Und dann stand da dieses kleine zehnjährige, etwas schüchterne Mädchen vor dem Mikrofon und sagte: «Letzten Sonntag haben wir dafür gebetet, dass mein Vater vom Alkohol los kommt. Ich möchte euch sagen: In dieser Woche hat er keinen Tropfen getrunken!». Die etwa 300 Kinder sprangen spontan auf, klatschten und tanzten – und lobten Gott! Durch Erlebnisse wie diese hat der Sehendmacher meine innere Sehkraft gestärkt.
«Warum sind Kinder so wichtig, wenn es darum geht, die Welt zu verändern?», habe ich am Anfang dieses Kapitels gefragt. Die Antwort ist: Weil ihr Leben eine unglaubliche Auswirkung auf andere hat! Wenn wir uns um das Überleben der Kinder kümmern (z. B. durch Impfschutz, gute Ernährung und Zugang zu guter Bildung), dann hat das Auswirkungen auf ihre Familien. Und wenn wir für widerstandsfähige Familien sorgen und ihnen eine stabile Zukunft ermöglichen, wenn wir ihnen Zugang zu sauberem Wasser, guter Ernährung und medizinischer Versorgung ermöglichen, dann werden ganze Nachbarschaften verändert.
Starke Kinder verändern ihre Familien, starke Familien verändern ihre Nachbarschaft, und durch diese veränderten Menschen werden ganze Dörfer verändert – und vielleicht sogar die Situation eines ganzen Landes. In Deutschland und auf der ganzen Welt.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 15.07.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»