Pessimismus ist wie Gift
Wer sich die Medien vom Wochenende anschaut, findet darin viel Fussball – kurz vor dem Ende der WM ist das auch kein Wunder. Natürlich ist von den erneuten Kämpfen im Iran die Rede, von parlamentarischen Entscheidungen kurz vor der Sommerpause und von den Zerfallserscheinungen unserer Demokratie. Mittendrin interviewen Philipp Vetter und Carsten Dierig den Unternehmer Michael Otto (83), der ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke des Versandhandelskonzerns Otto bestimmte. «Wir tendieren zum Pessimismus» behauptet dieser im Wirtschaftsteil der WELT am Sonntag und zeigt Denkmuster auf, die viel weiter reichen. Sie umfassen die gesamte Gesellschaft.
Fussball-Aus – alles aus?
Besonders deutlich wird der umfassende Pessimismus beim Fussball (den Otto nicht erwähnt). Nach den schlechten Ergebnissen der letzten Jahre flog die deutsche Nationalmannschaft mit gemischten Gefühlen in die USA. 83 Millionen Bundestrainer forderten Siege und redeten gleichzeitig vom Verlieren-Müssen. Das hier ist nicht der Platz für eine spielerische Analyse, aber nach einem kurzen Auftrieb und schön anzuschauenden Spielen mussten sich die deutschen Spieler Ecuador und Paraguay geschlagen geben. Sie waren nicht wesentlich schlechter – sie waren nur auch nicht besser. Der Frust war gross. Moment: War er das? Eigentlich nicht, denn irgendwie hatte man ja schon damit gerechnet. So verloren die Autos über Nacht ihre Deutschlandfähnchen und Julian Nagelsmann seinen Job. Alles war erwartungsgemäss fürchterlich verlaufen.
Im Gegensatz dazu schlug sich die Schweizer Nati erstaunlich gut. Sie waren nicht ganz so überfrachtet mit Befürchtungen und Erwartungen, sie spielten sehenswerten Fussball und erhielten viel Lob dafür. Inzwischen sind ebenfalls auf dem Heimweg, denn im Viertelfinale unterlagen sie Argentinien. Auch hier hört man wenig Begeisterung für das beste(!) WM-Ergebnis eines Schweizer Teams. Auch kein anerkennendes: «Die bessere Mannschaft hat gewonnen.» Stattdessen ist die beherrschende Vokabel «unfair». Erstaunlicherweise wird damit öfter der Schiedsrichter oder eine neue Regelung bezeichnet als Breel Embolo, der nach einer unnötigen «Schwalbe» vom Platz flog und die Niederlage mit verantwortet. Die Nachrichtenseite watson.ch ordnet dies beinahe biblisch ein, wenn sie kommentiert: «So musste Embolo am eigenen Leib erfahren: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.» Viele gefallen sich allerdings im Glauben an eine Fussballverschwörung oder jammern schlicht darüber, dass ein Schiedsrichter nach den Regeln pfeift. So weit so normal.
Teures Benzin, Ende der Demokratie und der Weltuntergang
In seiner Analyse bezieht sich Michael Otto nicht auf Fussball, doch er zeigt, dass ähnliche Denkansätze auch im gesellschaftlichen Bereich gelten. Philipp Vetter und Carsten Dierig befragen ihn, ob die Demokratie in Deutschland in Gefahr sei, warum Menschen gerade anfällig für extremes Denken seien und wie ein Umgang mit der AfD aussehen könnte. Otto, der nicht mehr aktiv in der Unternehmensleitung der Otto Group agiert, sondern sich verschiedenen Stiftungen widmet, antwortet staatsmännisch, verbindend, ohne direkte Schuldzuweisungen. Dabei verweigert er sich irgendwelchen Kurzschlussreaktionen: «Die Parteien am politischen Rand versprechen einfache Lösungen, das Problem ist nur: Es gibt keine einfachen Lösungen.» Gleichzeitig betont er die Wichtigkeit, endlich ins Handeln zu kommen. Bei allen Kritikpunkten oder Verbesserungsvorschlägen lobt er das Signal, das von den deutschen Reformansätzen ausgeht: «Das darf jetzt nicht wieder kleingeredet werden.» Damit stellt sich Otto gegen die breite mediale Mehrheit, die Sparsamkeit will – bei den anderen. Die «Reförmchen» kritisiert (wie der Focus), statt erste Schritte von Reformen zu erkennen. Die Weltuntergang sieht statt Entwicklung.
Reden und tun statt Freude am Jammern
Die Herausforderungen unserer Zeit sind gross. Keine Frage. Doch Otto zeigt, was ihn als Unternehmer ausmacht: Er unternimmt etwas. Im Rahmen einer Studie seiner Stiftung «Cociety» liess er 100 sehr unterschiedliche Menschen über gesellschaftliche Fragen miteinander reden. Was sich sehr unspektakulär anhört, zeigt allerdings in diesem «Mikrokosmos unserer Gesellschaft», dass offenes Gespräch zu wachsender Verantwortungsbereitschaft führt. So wächst gesellschaftliche Resilienz; so finden Menschen heraus aus Passivität und Opferdenken, aus der Haltung, dass sich «ja doch nie was ändert» und dem Pessimismus, der das gesamte Leben vergiftet.
Eine Frage der Perspektive
Die Schweizer und die deutschen Fussballchancen sind erst einmal vorbei. Die Strasse von Hormus scheint wieder dicht zu sein. Tanken wird immer teurer. Demokratie scheint bestenfalls anstrengend zu sein, aber nicht zukunftsweisend. «Es war noch nie so schlimm wie heute», ist zu hören. Doch! Das war es. Aber ist die aktuelle Lage ein Grund, im Pessimismus zu versinken? Otto resümiert am Ende: «Ja, wir tendieren in Deutschland zum Pessimismus.» Gerade mit Blick auf Afrika, wo er regelässig für seine Stiftungen unterwegs ist, und einer fröhlicheren Einstellung zum Leben begegnet, hält er fest, dass «es wichtig [ist], auch mal positive Beispiele zu sehen und zu zeigen, was machbar und möglich ist, um dann auch die Kräfte dafür zu gewinnen».
Es geht nicht darum, Dinge schönzureden, sondern ins Handeln zu kommen. Dafür sind Menschen nötig, die tatsächliche von herbeigeredeten Krisen unterscheiden können. Menschen, die auch das Gute erkennen und feiern. Vor allem aber Menschen, die Hoffnung haben und diese dem Pessimismus der Welt entgegensetzen. Ist das nicht Utopie? Ja, aber eine zutiefst biblische, denn schon dem Propheten Jeremia sagt Gott mitten in die Krisen seiner Zeit hinein zu: «Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt!» (Jeremia, Kapitel 29, Vers 11) Die Herausforderung damals war ähnlich wie heute: Will ich Pessimist sein oder Hoffnungsmensch?
Zum zitierten Interview:
WELT am Sonntag vom 12.7.26, Philipp Vetter, Carsten Dierig: «Wir tendieren zum Pessimismus»
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.
Datum: 13.07.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet