Die Frau, die der Schweiz Mut machte
Am 1. August feiern wir die Schweiz. Wir erinnern uns an Wilhelm Tell, an den Rütlischwur und an die Männer, die in den Gründungsgeschichten unseres Landes eine zentrale Rolle spielen. Doch eine Frau wird dabei oft übersehen.
Wer das Bundeshaus betritt, begegnet zunächst den grossen Gründergestalten der Eidgenossenschaft. Mächtige Männerfiguren aus Stein prägen den Eingangsbereich und erinnern an die Anfänge unseres Landes. Erst später begegnet man einer Frau. Es ist die Stauffacherin – die Frau von Werner Stauffacher.
Während viele andere Frauenfiguren im Bundeshaus symbolisch für Werte wie Wahrheit, Gerechtigkeit oder Wohltätigkeit stehen, erinnert die Stauffacherin an eine Gestalt aus der Gründungserzählung der Schweiz. Ob sie genau so gelebt hat, wie die Überlieferung erzählt, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen. Doch ihre Botschaft hat die Schweiz über Generationen hinweg geprägt.
«Sieh vorwärts, Werner»
Der Überlieferung nach war Werner Stauffacher angesichts der politischen Bedrohung verunsichert. Er sah die Gefahr, die Risiken und die möglichen Folgen.
Seine Frau sah etwas anderes. Sie sah Verantwortung. Sie sah Möglichkeiten. Sie sah Zukunft. Der berühmte Satz, den Friedrich Schiller ihr in seinem Drama «Wilhelm Tell» in den Mund legt, lautet: «Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.»
Vielleicht liegt gerade darin ihre bleibende Bedeutung. Denn jede Generation steht vor der Versuchung, zurückzuschauen. Auf das, was wir verloren haben. Auf Fehler, Krisen und Unsicherheiten. Auf all das, was Angst macht.
Die Stauffacherin erinnert uns daran, dass Hoffnung immer mit einem Blick nach vorne beginnt.
Mut entsteht selten allein
Auch persönlich kennen wir solche Momente. Wir alle erleben Zeiten, in denen wir zögern. Entscheidungen, die wir aufschieben. Herausforderungen, die grösser erscheinen als unsere Möglichkeiten. Situationen, in denen wir nicht wissen, welchen Schritt wir als Nächstes gehen sollen.
Oft brauchen wir dann jemanden, der uns daran erinnert, was wir selbst aus den Augen verloren haben. Jemanden, der nicht unsere Angst verstärkt, sondern unseren Mut. Jemanden, der uns nicht kleinredet, sondern an unsere Verantwortung erinnert. Jemanden, der uns hilft, wieder nach vorne zu schauen.
Die Kraft der Ermutiger
Die Bibel kennt viele solcher Menschen. Nicht alle standen im Rampenlicht. Nicht alle führten Völker oder vollbrachten grosse Taten. Doch sie stärkten andere, machten Mut und halfen mit, dass Gottes Geschichte weiterging.
Da ist Debora, die ihrem Volk Orientierung gab. Da ist Maria, die Gottes Ruf vertraute. Oder Barnabas, den die Apostel «Sohn der Ermutigung» nannten. Sie alle erinnern uns an eine einfache Wahrheit: Mut entsteht selten allein. Oft braucht es einen Menschen, der ihn in uns weckt.
Eine Botschaft für die Schweiz von heute
Vielleicht ist das auch eine Botschaft für die Schweiz von heute. Menschen aller Generationen kennen Zeiten der Verunsicherung. Auch heute suchen viele nach Orientierung, Hoffnung und einem Weg nach vorne. Die Herausforderungen sind vielfältig, die Meinungen oft laut und die Zukunft erscheint nicht immer leicht überschaubar.
Umso mehr braucht unser Land Menschen, die Hoffnung stiften statt Angst zu verbreiten. Menschen, die verbinden statt spalten. Menschen, die ermutigen statt entmutigen. Menschen wie die Stauffacherin. Menschen, die den Blick heben. Menschen, die anderen helfen, den nächsten Schritt zu wagen.
Am Nationalfeiertag feiern wir die Freiheit, die Geschichte und die Werte unseres Landes. Vielleicht lohnt es sich dabei auch, an jene zu denken, die oft im Hintergrund bleiben. An die Ermutiger. An die Hoffnungsstifter. An die Menschen, die andere daran erinnern, dass die Zukunft nicht denen gehört, die sich von der Angst leiten lassen, sondern denen, die den Mut finden, vorwärtszugehen.
Denn manchmal verändert ein Mensch die Geschichte nicht durch eine grosse Tat. Sondern durch ein einziges Wort, das einem anderen Menschen Mut macht.
Zum Autor: Markus Hänni ist Coach, Autor und Referent. Er begleitet Menschen in Veränderungs- und Krisenzeiten und schreibt regelmässig über Lebensfragen, Glauben, Resilienz und Hoffnung. Aufgrund der genetischen Erkrankung Cystische Fibrose (CF) verbrachte er in jungen Jahren mehrere Jahre im Spital. Eine Zeit ohne Smartphone und Internet, die nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kreativität geprägt hat.
Datum: 01.08.2026
Autor:
Markus Hänni
Quelle:
Livenet