Nigeria: Doppelt so viele Christen wie Muslime getötet
Eine neue Untersuchung der Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika (ORFA) ergab, dass zwischen 2020 und 2025 in Nigeria 79'323 Menschen getötet wurden, was einem Durchschnitt von sieben Angriffen pro Tag entspricht. Mehr als 42'000 der Getöteten waren Zivilisten. Nach der Studie wurden in diesem Zeitraum 28'551 Christen getötet, verglichen mit 13'224 Muslimen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung werden Christen gar 4,4-mal häufiger getötet als Muslime.
Etwa gleich viele Entführungen, aber…
Die Untersuchung ergab auch, dass in diesem Zeitraum von sechs Jahren 34'773 Zivilisten entführt wurden, wobei die überwiegende Mehrheit bei bewaffneten Überfällen auf ihre Häuser verschleppt wurde. Die Zahl der Entführungen von Christen belief sich auf 15'932, verglichen mit 15'272 Muslimen. Aussagen von Überlebenden mehrerer Entführungsfälle zeigen jedoch, dass hinter den Entführungen eine tiefere religiöse Dynamik steht. So werden für christliche Geiseln höhere Lösegeldsummen gefordert, die Verhandlungsphasen dauern länger, sie sind stärkerer Gewalt ausgesetzt und werden häufiger hingerichtet, selbst nachdem ihre Familien das Lösegeld bezahlt haben. Christliche Frauen und Mädchen sind zudem extremer sexueller Gewalt, Zwangskonvertierungen und Zwangsheirat ausgesetzt.
Religiöse Dimension nicht zu ignorieren
Während bei Berichterstattungen im Westen immer wieder die soziale Komponente in den Vordergrund geschoben wird, zeigt die neue Untersuchung klar die religiöse Dimension der Gewalttaten. Steven Kefas, leitender Forschungsanalyst, erklärte: «Die Feldforschung zeigt, dass einem christlichen Leben ein geringerer Wert beigemessen wird. Vom Moment ihrer Gefangennahme an geraten muslimische und christliche Geiseln in unterschiedliche Realitäten. Es geht nicht um einzelne Entführer. Es handelt sich um ein System, das sich über mehrere Staaten, bewaffnete Gruppen und jahrelange Zeugenaussagen von Überlebenden hinweg durchzieht.»
ORFA fordert Regierungen und internationale Gremien auf, sich intensiv mit den Daten auseinanderzusetzen, denn «ohne eine umfassende Betrachtung der religiösen Dimensionen der Gewalt in Nigeria bleiben Lösungsversuche unvollständig».
Fulani-Terrornetzwerk
Viermal so viele Morde wurden von Milizen begangen, die als «Fulani-Terrorgruppen» eingestuft wurden; auf sie entfielen 44 Prozent aller zivilen Opfer. Auf Boko Haram entfielen 8 Prozent, auf die «Islamic State West Africa Province» (ISWAP) 4 Prozent der Angriffe.
Dem Bericht zufolge zeige dies, dass die «Fokussierung des Westens auf Boko Haram bestenfalls irreführend» sei. Frans Vierhout, leitender Forschungsanalyst bei ORFA, sagte: «Angesichts dieser Daten lässt sich das kaum ignorieren. Wir haben untersucht, wie es zu Tötungen kommt, wer ins Visier genommen wird, wo Angriffe stattfinden und welche saisonalen Schwankungen bei der Gewalt zu beobachten sind – und die Beweislage deutet eindeutig in eine Richtung: Die Gewalt der Fulani-Milizen ist die Hauptursache für die hohe Zahl der Todesopfer in Nigeria.»
Dem Experten zufolge operieren die Fulani-Extremisten strukturiert, verfügen über bundesstaatenübergreifende Logistik und in einigen Fällen über Verbindungen zu dschihadistischen Netzwerken. Es gehe nicht nur um gewöhnliche Bandenkriminalität oder Konflikte zwischen Bauern und Hirten. Nach Vierhout ist Nigeria damit Brutstätte eines Terrornetzwerks, das die Weltgemeinschaft bisher nicht anerkannt habe und das auch bei den nigerianischen Sicherheitskräften kaum auf Widerstand stosse.
Die Studie achtet sorgfältig darauf, zwischen bewaffneten Fulani-Terrorgruppen und dem Volk der Fulani als Ganzes zu unterscheiden, von dem die überwiegende Mehrheit nicht an Gewalttaten beteiligt ist.
Zum Autor: Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 21 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europo und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.
Datum: 04.07.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet / Premier Christian News / kathpress