Sozial wirksam

Wenn Kirchen und Gemeinden tätig werden

Die Gemeinde Jesu hat eine besondere Macht
Wir müssen im Kampf gegen die Armut nicht allein bleiben. Es gibt andere, mit denen wir gemeinsam kämpfen und etwas verändern könne.. Dazu müssen wir aber die Stärken als weltweite Gemeinschaft der Christen erkennen. Gedanken von Steve Volke.

Wir leben in einer Informationsgesellschaft, in der jeden Tag Tausende von Informationen, Ratschlägen, Hinweisen, Berichten, Vorträgen und auch Predigten auf uns herniederprasseln. Da verwundert es nicht, dass viele Informationen verloren gehen, nicht mehr wahrgenommen werden oder einfach durch das Raster fallen. Selbst wichtige Dinge, die wir uns unbedingt merken wollen, verblassen innerhalb von Minuten, wenn der nächste verbale Impuls gesetzt ist und unsere Gedanken bereits bei einem anderen Thema sind.

Was wir uns aber merken, ist, wo uns jemand geholfen hat. Wir vergessen es nicht so schnell, wenn uns jemand in einer schwierigen Phase, egal ob nun wirtschaftlich, seelisch oder gesundheitlich,) zur Seite gestanden hat. Echte Freundschaften werden in solchen Krisenzeiten geschlossen. Warum? Weil Taten mehr bewirken als Worte. Und hier haben Gemeinden ein breites Wirkungsfeld.

Was würde deiner Stadt fehlen?

«Was würde deiner Stadt eigentlich fehlen, wenn es deine Gemeinde nicht mehr gäbe?», diese Frage hat mich einmal zur Weissglut gebracht. Der Fragesteller hatte die Frechheit besessen, mir ganz kräftig auf den Nerv zu treten. Ich habe mich damals nicht getraut, sie wahrheitsgemäss zu beantworten. Die Antwort wäre nämlich relativ einfach gewesen: Nichts.

Interessanterweise konzentrieren sich viele Gemeinden in Deutschland auf die rein verbale Verkündigung und nicht auf die «Diakonie», den Dienst am Menschen aus der Gemeinschaft der Gläubigen heraus, der dann tatsächlich in «Stadt und Land» hineinwirken würde. In Deutschland passiert es, dass selbst ansonsten ernstzunehmende Christen sagen: «Für das Soziale ist doch der Staat zuständig. Wir sind für die Verkündigung des Evangeliums da.» In dieser Hinsicht ist aber eine Neuorientierung dringend angesagt. Die Sozialsysteme werden in der bisherigen Form nicht mehr lange durchhalten, und dann wird die Frage auch den Christen im Lande gestellt: «Was habt Ihr jetzt anzubieten?». Und in neuester Zeit sind uns durch weltweite Flüchtlingsströme Aufgabenfelder entstanden, in denen wir Christen in Deutschland tatsächlich mal zeigen können, wie viel wir vom Evangelium verstanden haben.

Von Jesus lernen

Ein Blick auf den Sehendmacher reicht da schon aus. Von Jesus können wir dieses soziale Handeln, den Dienst am Nächsten lernen, wie ich in den Kapiteln am Anfang deutlich gemacht habe. Er hat sich um die Witwen und Waisen gekümmert, er hat den Armen geholfen, er hat die Schwachen, Ausgegrenzten und Unterdrückten im Blick gehabt – und er hat sich vor allem um die Kinder in besonderer Weise gekümmert.

In der Bibel gibt es über 3000 Stellen, die sich mit Armut und Gerechtigkeit beschäftigen. Vor einigen Jahren erschien in Deutschland die sogenannte «Gerechtigkeitsbibel». Dort sind alle diese Verse farbig unterlegt. Viele davon haben wir schon erwähnt. Das macht deutlich, dass es sich dabei nicht um ein Randthema des Glaubens handelt für sozial-grün-umweltvernarrte-Öko-Christen. Es ist vielmehr ein Kernthema des christlichen Glaubens.

Der US-amerikanische Pastor und Präsidentenberater, Jim Wallis, berichtete einmal, wie er als Theologiestudent alle Verse, in denen es um Armut und Gerechtigkeit ging, aus seiner Bibel rausgeschnitten hat. Nach langem Schnibbeln und Schneiden sei seine Bibel fast auseinandergefallen. Wallis‘ Fazit lautete: «Ohne Gerechtigkeit hat meine Bibel Löcher. Ohne Gerechtigkeit fällt die biblische Botschaft auseinander. Ohne Gerechtigkeit ist das Evangelium zerfleddert.»

Im Neuen Testament formuliert Jesus selbst ein «Manifest der Liebe». Es besagt, dass wir den Nächsten lieben sollen, wie wir uns selbst lieben. Das hat nicht nur etwas mit punktueller Hilfe bei Naturkatastrophen wie dem Erdbeben auf Haiti oder dem Tsunami in Südostasien zu tun. Es geht vielmehr um weltweite, strukturelle Hilfe, mit Chancengleichheit, mit Bildung, medizinischer Versorgung und wirtschaftlicher Fairness. Vor allem aber hat es zu tun mit unserer Herzenshaltung und unserem Lebensstil.

Auswirkungen des Heiligen Geistes

Dass der Heilige Geist wie in Apostelgeschichte 2 beschrieben auf die Nachfolger Jesu gekommen ist, hatte unmittelbare Auswirkungen auf ihr Leben, ihren Lebensstil, ihre Sicht auf sich selbst – und daraus folgend auf ihre Taten sowie ihren Blick auf andere und ihre unmittelbare Umgebung. Aber mehr noch: Wir wären in Europa heute keine Christen, wenn die Jünger damals nicht einen Weltblick gehabt hätten.

Ausschlaggebend dafür waren die Kennzeichen der ersten Christen: Sie hatten eine hohe Sensibilität für Berufung und Entschlossenheit; sie entwickelten eine grosse Liebe zueinander und für die Menschen um sie herum und sie waren grosszügig. Liebe bestimmte ihr Handeln durch und durch, sodass über ihre Gemeinschaft gesagt werden konnte: «Keinem in der Gemeinde fehlte etwas, denn wer Häuser oder Äcker besass, verkaufte seinen Besitz und übergab das Geld den Aposteln. Die verteilten es an die Bedürftigen» (Apostelgeschichte. 4,34–35; HFA).

Das galt übrigens nicht nur die Leute aus dem eigenen Stall. Es gibt einen Zeitzeugen, den römischen Herrscher Julian, der die Christen damals gut beobachtete. Er schrieb über sie: «Diese Christen geben nicht nur ihren eigenen Leuten Nahrung, sondern helfen auch unseren Armen. Sie heissen sie herzlich willkommen, zeigen ihre Liebe, und sind so attraktiv, wie es für Kinder attraktiv ist, wenn man ihnen Kuchen gibt.»

Die Einheit unter den Christen besass Ausstrahlung und war anziehend und ihr gelebtes Zeugnis ging einher mit Zeichen und Wundern. Die Menschen schauten auf die Gemeinde mit Respekt, Bewunderung und Ehrfurcht. Vom ersten Tag an, war die Gemeinde eine dynamische Bewegung und Gemeinschaft. In Apostelgeschichte 1 wird berichtet, dass Jesus nach seiner Auferstehung noch vierzig Tage bei verschiedenen Gelegenheiten den Jüngern begegnet ist und (Vers 3) er mit ihnen über das Reich Gottes sprach. Und bei dieser Gelegenheit hat er mit Sicherheit auch über den «grossen Auftrag» gesprochen, sein Manifest, sein Vermächtnisfür alle seine Nachfolger, zu allen Zeiten, an allen Plätzen der Welt: «Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.»  (Matthäus 28,18–20 LUT).

Kernauftrag ist Jüngerschaft

Bevor falsche Schlüsse gezogen werden. Der Auftrag von Jesus an seine Nachfolger lautete weder «Beendet die Armut!» noch «Sorgt für Gerechtigkeit!». Nein, der Kern der Botschaft ist bis heute: «Macht sie zu Jüngern!» Übrigens an dieser Stelle ist es das einzige Mal, dass dieses «Macht» als Befehl, als Imperativ im Neuen Testament verwendet wird. Jesus fordert keinen blinden Gehorsam, sondern er will uns sehend machen, indem er uns an seinem Tun beteiligt. Es geht bei diesem Auftrag um sehr aktives Handeln: «gehen», «taufen» und «lehren».

Jüngerschaft ist ein lebensverändernder Prozess, der nicht mit der Bekehrung abgeschlossen ist, sondern dann erst richtig beginnt. Denn die Beziehungen zu Gott, zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Umwelt werden langsam wiederhergestellt. Und das ist so, als wenn wir langsam immer mehr von einem Bild sehen, das uns bisher verborgen war oder das wir nur hinter einem Schleier unscharf erkennen konnten.

Vor einigen Jahren traf ich in Kalkutta eine alte Frau, die sich dort um obdachlose Kinder kümmert. Sie holt sie gemeinsam mit Mitarbeitern abends aus den Bahnhöfen, wo diese Kinder verwahrlost zu überleben versuchen, und versorgt sie mit allem, was sie brauchen. Ich fragte sie, was sie denn «wiederherstellen» würden. Die Antwort kam überlegt und doch sehr schnell: «Wiederherstellen kann man ja nur etwas, was entweder einmal dagewesen ist oder was da sein sollte. Was wir im Leben dieser Kinder wiederherstellen, ist ihre Kindheit! Denn Gott möchte, dass Kinder als Kinder aufwachsen dürfen und nicht schon Erwachsene sein müssen. Daher stellen wir die Kindheit bei diesen Kindern wieder her.»

«Machet zu Jüngern», zielt auf eine dauerhafte, lebenslange, ganzheitliche Beziehung zu Jesus Christus ab. Es geht dabei darum, in einem fortlaufenden Veränderungsprozess Jesus immer ähnlicher zu werden. «Jüngerschaft» ist daher ein dynamischer Prozess. Sie ist eine Reise zu ganzheitlichem Wachstum im Verständnis, was das Reich Gottes bedeutet und in welchem Kontext es sich heute weltweit darstellt – mit dem Ziel, die Herrschaft Gottes im Leben einzelner Menschen und gesamter Gemeinschaften zu erkennen und anzuerkennen.

Herrschaft Gottes vs. finstere Mächte

Steve Volke

Die Ortsgemeinde ist das Zeichen, dass diese Herrschaft Gottes angebrochen ist. Und wenn wir dazu gehören (wollen), dann sind wir Weltveränderer – oder um es wieder an die Ortsgemeinde zu koppeln: Diener, Motivatoren, Helfer, Versorger und Menschen, die helfen, diese Welt wirklich besser zu machen. Die Gemeinde Jesu ist eine nicht aufhaltbare Kraft! «Nicht einmal die Macht des Todes (der Hölle) wird sie vernichten können (Matthäus 16,18; GNB). Was Petrus verheissen wurde, gilt auch heute noch. Wir müssen es nur wieder neu in den Blick bekommen und damit arbeiten.

Wer einmal wirklich finsteren Mächten begegnen will, der sollte nach Haiti fliegen. Der Inselstaat war schon immer ein «Kampfplatz der Religionen». Der Grund dafür liegt in der Geschichte des Landes: Im Jahr 1791 hatte ein Voodoopriester viele andere Voodoopriester um sich versammelt, ihre Nation dem Teufel zu weihen. Ist es bloss Zufall, dass die einzige Nation, die einst dem Teufel geweiht wurde, heute die ärmste Nation der westlichen Welt ist? Erstaunlich, oder? Im Jahr 2003 machte der damalige Präsident und Voodooanhänger Aristide Voodoo zur Staatsreligion und wollte den satanischen Bund von einst erneuern. Dafür hatte er 400 Voodoopriester eingeladen. Doch es sollte anders kommen. Viele christliche Kirchen und Gemeinden stemmten sich dagegen und Tausende Christen beteten, fasteten und demonstrierten. So hatte Aristide keinen Erfolg mit seinem teuflischen Plan, denn als die Voodoopriester zu ihrem Kultplatz gehen wollten, blieben sie in einer menschlichen Mauer aus Tausenden Christen stecken und mussten ihren Weg abbrechen. Die Gemeinde Jesu hat eine besondere Macht.

Zu solch einer Gemeinschaft möchte ich gerne dazu gehören. Da will ich gerne mitmachen. Aber wenn wir glauben, Projekte und Aktionen tun zu können, ohne das Ganze mit Blick auf die Gemeinde zu verankern und zu ihr hin zu führen, laufen wir Gefahr, im «Gutmenschentum» stecken zu bleiben, ohne den Menschen in unserer Umgebung wirklich geholfen zu haben.

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 01.07.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

Werbung
Livenet Service
Werbung