Linde-Treff: Ein Zuhause in Zürich
Ursula Ambühl, was muss man über den Linde-Treff wissen, wie «funktioniert» er?
Ursula Ambühl: Der Linde-Treff befindet sich mitten im Kreis 3, wo Menschen von über 111 Nationen nebeneinander leben. «Die Linde», wie wir diesen Ort gerne nennen, soll ein Ort sein, an dem sich Menschen aus den verschiedenen Kulturen begegnen und wo alle von Herzen willkommen sind. Es gibt dienstags immer einen offenen Treff mit Kaffee und Kuchen und anschliessendem Abendessen. An diesem Nachmittag ist ein Kommen und Gehen. Oft trifft man dieselben Personen. Manchmal gibt es ein Spiel. Einige schätzen, dass es die beste Atmosphäre ist, sein Deutsch auszuprobieren. Einzelne suchen Rat und Hilfestellungen zu konkreten Fragen der Integration und mit den Ämtern. Andere schätzen es, dass sie hier Beziehungen knüpfen können zu Menschen mit einer ähnlichen Geschichte und vielleicht derselben Muttersprache. Dank unseres treuen und herzlichen Teams von Freiwilligen sehen wir auch die Personen, die zum ersten Mal kommen. Unser Anliegen ist es, dass wir an diesen Nachmittagen einen kleinen Teil des Lebens mit denjenigen teilen dürfen, die sich nach Heimat sehnen, aber hier fremd sind.
Ursprünglich war «Die Linde» an der Zurlindenstrasse 119 ein zweiter Standort der Viva Kirche Zürich. Nach deren Zusammenlegung beschloss die Gemeinde, hier eine sozialdiakonische Arbeit zu ermöglichen mit Schwerpunkt Begegnung und Migration, welche im Jahr 2012 startete. Am Mittwochnachmittag bieten wir Lernhilfe an. Dies ist ein Angebot für Schulkinder von der Primar- bis Oberstufe, sowie für Deutschlernende. Wir führen keine Sprachkurse durch, doch helfen wir gerne bei den Hausaufgaben oder dem Repetieren und wir wenden die deutsche Sprache vor allem im Gespräch an. Immer am Mittwochabend gibt es Bibel lesen in verschiedenen Sprachen. Es ist ein riesiges Geschenk, dass wir hier dank freiwilligen Übersetzern über Sprach- und Kulturgrenzen hinaus den Glauben teilen und voneinander lernen dürfen! Jeweils am ersten Samstag im Monat feiern wir einen Hoffnungsabend. Mit Musik, Pantomime, biblischen Geschichten, feinem Essen, Kinderprogramm, Austausch und Übersetzungen. Hier bekommen wir jeweils einen Vorgeschmack darauf, dass Gott alle Völker an seinen Tisch einlädt. Für diesen Abend reisen Menschen auch von anderen Orten und Kantonen an.
Wer besucht den Linde-Treff und was verbindet die Menschen?
Die meisten sind Personen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung. Oft solche, die erst kürzlich hier in Zürich angekommen sind und mit der Sprache und der ganzen Situation mehr als nur herausgefordert sind. Sie haben zwar Länder- und Kulturgrenzen überschritten, sind aber in unserer Gesellschaft doch weiterhin ausgegrenzt. Hier trifft man auch Menschen aus der Stadt, die gerne an einen Ort kommen, wo sie gesehen werden und das Essen warm ist.
Wie erleben Gäste die Gemeinschaft?
Wir dürfen öfters hören, dass die Gäste sich hier angenommen und willkommen fühlen. Sie dürfen sein, wie sie sind. Diejenigen, die über längere Zeit, ja sogar Jahre hier ein und ausgehen, sprechen von einem zweiten Zuhause und auch davon, wieviel Ermutigung sie jeweils fürs Weitergehen und Weiterhoffen bekommen haben.
Was bedeutet es konkret, Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzubringen?
Dies betrifft verschiedene Dimensionen: Es ist Herzensschulung für alle. «Das Fremde» ist jedem fremd. So wie die fremde Kultur uns fremd ist, sind auch wir für sie Fremde. Solange, bis wir entdecken, was wir als Personen gemeinsam haben, wo es bereichernd ist von anderen zu lernen, wo Unterschiede «normal» werden, weil man Vertrauen gewinnt. Oft braucht es dazu nicht mehr als einen Ort der regelmässigen und herzlichen Begegnung. Manchmal braucht es aber auch das Vermitteln von Verständnis füreinander. Vergebung und Heilung wünschen wir uns immer wieder. Wir als Team versuchen, jeden Menschen mit den Augen von Jesus zu sehen. Wir wissen, wie sehr Gott die Völker und Nationen liebt. Auch wenn wir bei den meisten Begegnungen nicht über die christlichen Werte sprechen, prägt diese Wahrnehmung die Atmosphäre. Wir sind dankbar, dass Jesus von dem Frieden spricht, den die Welt nicht kennt, den er uns aber geben will.
Ihr helft auch beim Deutschlernen und mit Formularen. Wie sieht das im Alltag aus?
Das geschieht an den Dienstag- und Mittwochnachmittagen. Wir bieten weder Deutschkurse an, noch sind wir eine offizielle Beratungs- oder Anlaufstelle. Wir helfen, wo wir können und nach vorhandener Kapazität. Manchmal können wir Eins-zu-Eins Gespräche führen und konkrete individuelle Deutsch-Anwendung trainieren, bei Bewerbungen helfen oder durch das Labyrinth von Formularfluten helfen. Doch es gibt keinen Anspruch darauf. Was wir immer können, ist, an geeignete Stellen zu vermitteln.
Gibt es Momente oder Begegnungen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ich arbeite seit Oktober 2024 in der Linde. In diesen eineinhalb Jahren gab es unzählige solcher Momente und Begegnungen. Ich bin oft zutiefst berührt davon, was Menschen aushalten müssen. Davon, wie gross ihre Hoffnung manchmal sein kann. Davon, wie wenig es manchmal braucht, damit Menschen wieder aufstehen, aber auch die vielen Momente der Hilflosigkeit, wenn wir einfach eingestehen müssen, dass wir an schwierigen Situationen auch nichts ändern können.
Welche Bedeutung hat Zuhören in eurer Arbeit?
Es ist unser wichtigstes Werkzeug: Interesse zu haben und zu hören, wer der andere ist.
Was überrascht Menschen, wenn sie den Linde-Treff kennenlernen?
Viele überrascht die herzliche und friedvolle Stimmung, die man in den ersten Momenten in der Linde zu spüren bekommt. Auf den zweiten Blick überrascht es wohl einige, dass diese sozialdiakonische Arbeit von einer Freikirche geleistet wird.
Gibt es etwas, das sonst noch wichtig zu erwähnen wäre?
Zwei Schlüsselbegriffe, die wir in der Linde – Mitarbeitende und Gäste – üben, heissen: Begegnen und Teilen. Wir sind überzeugt, dass jeder von uns etwas zu geben hat und auch etwas von anderen empfangen kann. Sei dies Zeit, ein erzähltes Erlebnis oder Lebensgeschichte, ein mitgebrachter Kuchen zum Teilen, Mithilfe beim Abwaschen oder Kochen des gemeinsamen Essens, ein Gebet, ein offenes Ohr. Wir üben eine Kultur von «Geben und Nehmen». Denn dies gehört zur Würde von uns Menschen. Wir sind immer Empfangende und haben auch immer etwas zu geben.
Kannst du kurz einen Überblick über die Viva-Gemeinde geben?
Die Viva Kirche Zürich hat ihren Standort in der Nähe des Hottingerplatzes im Kreis 7 in der über 125-jährigen Bethel-Kapelle. Wir sind eine lebendige, familienfreundliche Gemeinde für Menschen aller Generationen. Wir lieben es, Gemeinschaft zu haben. Ob in den Gottesdiensten oder den Kinder-, Teens-, Jugend-, Senioren-, Worship- und Lebensgruppen: Bei uns steht Jesus im Zentrum. Wir freuen uns über neue Begegnungen und laden daher gerne Gäste zu unseren Gottesdiensten und besonderen Anlässen wie Brunch und «Scho mal überleit?» ein. Vier-, fünfmal im Jahr kannst du uns auch in der Stadt begegnen; dann fragen wir bei Menschen nach, ob sie Jesus kennen oder wir feiern einen hörbaren Openair-Gottesdienst. Wir freuen uns daran, dass auch an diesem Standort viele Sprachen übersetzt werden und wir trainieren auch hier, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen. Die Viva Kirche Zürich ist zusammen mit anderen 90 Viva Kirchen Teil des Vereins Viva Kirche Schweiz. Jede dieser Kirchen ist lokal verankert und einzigartig.
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 30.06.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet