Sozial wirksam

Lichtbrechung: Schwarz-Weiss-Sehen ist nicht genug…

In die Grauzonen dieser Welt kann nur Gottes Liebe Farbe bringen
Gottes Welt hat viele Facetten, sie ist bunt. Aber es ist einfach, beim Thema Armut in das typische «schwarz-weiss»-Sehen zu verfallen. Steve Volke, Leiter des Hilfswerks Compassion Deutschland, berichtet, wie Jesus ihn aus seinen Stereotypen holte.

Als ich meinen Weg zu den Armen begann, sass ich in einer Beiratssitzung eines grossen evangelischen Medienwerks und wurde auf einmal mit der Aussage konfrontiert: «Na, ja, Steve, du bist ja jetzt auch ein Linker!» – Wie bitte? Ich konnte mit dieser Aussage überhaupt nichts anfangen. Ich hatte in meinem bisherigen Leben überwiegend die Volksparteien gewählt, und galt plötzlich als ein Linker, nur weil sich mein Blick für die Armen in der Welt öffnete.

Ich habe schnell realisiert, dass «links» oder «rechts» keine Kategorien sind, in denen ich denken möchte. Sie führen auf ein völlig falsches Gleis. Selbst jegliche, klar definierten Farbeinordnungen sind nicht wirklich hilfreich.

Im grössten Rotlichtviertel von Kalkutta

Die für mich eindrücklichste Begegnung mit Armut hatte ich im grössten Rotlichtviertel Kalkuttas. Ich hatte davon in dem sehenswerten Film «58» gehört und wollte es mir einfach mal antun, an diesem aus meiner Sicht hoffnungslosen Platz zu sein. «Sonagachi» ist ein Fleck, der als Vorhof zur Hölle bezeichnet werden kann. Mindestens 10‘000 Prostituierte arbeiten dort. Dieses Viertel wird von Gewalt, Unterdrückung und Unmenschlichkeit regiert. Es macht den Eindruck, als habe jede Gasse einen anderen Boss. Menschen nehmen sich einfach, was sie wollen. Die Polizei gehört mit zum System und macht beide Augen zu. In Indien werden ca. 90 Prozent aller Hochzeiten arrangiert, die Ehen dienen oft nur dem Kinderkriegen. Daher holen sich die Männer ihren Spass in Bordellen. Und die finden sie reichlich in Vierteln wie Sonagachi.

Die Mitarbeiter von Compassion Indien warnten mich im Vorfeld. Diese Gegend sei viel zu gefährlich, sagten sie. Ich bin mit einigen Kollegen trotzdem hingegangen. Und ich bin sehr dankbar, dass ich es getan habe. «Wir können dort aber nicht ohne Security hingehen», sagten sie mir. Als wir dann aus dem Van in der Nähe des Viertels stiegen, stellten sie uns die Security vor: zwei alte Damen, die eine 70 und die andere ca. 60 Jahre alt. «Wie bitte?», fragte ich. «Die beiden arbeiteten hier viele Jahre als Sozialarbeiter. Sie gründeten eine christliche Schule, etablierten eine Gemeinde und bauten einen Kreis von vielen ehrenamtlichen Helfern auf, die sich bis heute um die Kinder der Prostituierten kümmern, während diese Mütter zur Arbeit gezwungen werden», wurde mir erzählt. Wir gingen also in Begleitung dieser alten Damen ins Viertel.

Als ich die Welt von Sonagachi betrete, stockt mir der Atem. Nicht nur wegen der bedrückenden Atmosphäre, sondern ich traue meinen Augen nicht. Wir stehen in einer etwa 500 Meter langen Strasse, recht und links Hütten dicht an dicht. Auf beiden Seiten stehen Mädchen und Frauen, die auf ihre Freier warten. Einige Meter dahinter wie ein Schatten ihre «Besitzer», die darauf achten, dass «ihr» Geschäft auch ertragreich läuft.

Was mich zutiefst erschüttert, ist das Alter der Prostituierten. Überwiegend junge Mädchen, Kinder und Teenager. Ich kann es nicht fassen! Hätte man mir das nur erzählt, ich hätte es nicht geglaubt. Und dann geschieht folgendes: Wir sind mit unseren Security-Seniorinnen kaum um die erste Ecke, als in die aufgereihten Linien Bewegung kommt. Fast jedes dritte oder vierte Mädchen verlässt den Strassenrand und läuft auf uns zu. Die beiden Omas werden umarmt und herzlich begrüsst. Es wird geweint und das Willkommen nimmt kaum ein Ende.

Diese beiden betagten Christinnen scheinen hier nicht nur einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, sondern tatsächlich den entscheidenden Unterschied ausgemacht zu haben. Offensichtlich hatten sie mitten in der Hölle ein Hoffnungszeichen setzen können.

Eine Christin im Bordell

Eine halbe Stunde später führen sie mich in einen Hinterhof, wo wir über eine schmale Treppe hinauf in den ersten Stock eines Hauses gehen. Es ist ein Betonbau mit einer Art «Lobby» von der mit Holzverschlägen abgetrennte Räume abgehen. Wieder traue ich meinen Augen nicht, denn sie haben mich in ein Bordell gebracht.

Eine der Prostituierten lädt uns in ihr Zimmer ein. Lalita (geänderter Name) ist mit den alten Damen befreundet und bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Sie packt den ganzen Schmerz ihres Lebens vor uns aus. Sie erzählt davon, wie sie als Mutter von zwei Kindern durch einen Unfall ihres Mannes gezwungen war, für das Einkommen der Familie zu sorgen. Wie sie eine Frau kennengelernt hat, die sehr freundlich zu ihr war und ihr einen Job als Aushilfe in einem sehr guten Hotel gab. Dort erhielt sie nicht nur gutes Essen, sondern auch ein gutes Gehalt, Wertschätzung und Anerkennung. Von Prostitution, Gewalt oder Vergewaltigung keine Spur. Doch das änderte sich nach einem halben Jahr. Die freundliche Arbeitgeberin brachte Lalita eines Tages ohne Vorwarnung in das Rotlichtviertel und sagte ihr, das sei ihr neuer Arbeitsplatz. Es gab für die junge Mutter kein Entrinnen, denn sie war bereits in ein System gepresst, aus dem sie nicht mehr herauskam.

Lalitas Geschichte ist eine sehr, sehr traurige Geschichte. Doch der Hammerschlag traf mich erst gegen Ende unserer Begegnung, als mir die beiden Security-Omas sagen, dass Lalita Christin ist und mich fragen, ob ich für sie beten würde.

Wie bitte? Eine Christin in einem Bordell? Habe ich das richtig gehört? Ich spüre förmlich, wie in diesem Moment mein Welt- und Gottesbild Gefahr laufen, schwer beschädigt zu werden, und ich sage zu Lalita: «Als Christin solltest du nicht an einem solchen Platz arbeiten.» Ihre Antwort auf meinen Vorwurf ist schockierend: «Steve, das hier ist der sicherste Platz der Welt für mich. Hier kann ich mir die Freier aussuchen und werde nicht einfach von jedem Mann, der mich sieht, vergewaltigt.» Ich bin sprachlos, aber sie setzt noch ein Argument oben drauf: «Wenn du dafür sorgst, dass meine Kinder und ich bis zum Lebensende finanziell versorgt sind, höre ich sofort auf, hier zu arbeiten.»

Schwarz, weiss und viel grau

Ich wusste in diesem Moment, dieses Versprechen kann ich Lalita nicht geben. Vor allem nicht alleine. Das Schwierige an dieser Situation war, Lalita ist nur eine von Tausenden, vielleicht sogar Millionen, die dieses Schicksal erleiden. Als Sklavin gezwungen, ein Leben in Prostitution zu führen. Und wahrscheinlich hielt nur der Glaube an einen liebenden Gott und die Verantwortung für ihre beiden kleinen Kinder sie davon ab, sich umzubringen.

Ich habe mit ihr und für sie an diesem dunklen Ort in Sonagachi gebetet. Und ich bin dankbar für die Christen vor Ort, die sich um Menschen wie Lalita und um ihre Kinder kümmern.

Bei dieser Begegnung ist mir einmal mehr bewusst geworden: Es gibt kein schwarz oder weiss, sondern es gibt auch grau. Es gibt viele Fragen, auf die wir keine Antwort haben, und es gibt viele Situationen, wo unser erster Gedanke nicht der beste ist, weil er zu keiner nachhaltigen Lösung führt.

Der Schlüssel: die Liebe

Steve Volke

Am Tag nach dieser Begegnung besuche ich noch ein Kinderzentrum etwa drei Stunden von Kalkutta entfernt. Die letzten Kilometer in einer Rikscha, weil es keine Strasse dorthin gibt. Die Mitarbeiter der Gemeinde erzählen mir, dass die grösste Gefahr für die Kinder von Tigern, Schlangen und Krokodilen ausgeht. Ich habe das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Wir besuchen zwei Familien in ihren Hütten. Mir wird berichtet, dass eine der Familien Muslime seien, die andere Hindus. Daher staune ich nicht schlecht, als ich von der muslimischen Familie am Ende des Besuchs gebeten werde, mit ihnen zu beten. Gleiches passiert auch bei der Hindu-Familie. Ich bin zunächst etwas erstaunt und sage dann, dass ich gerne zu Jesus, dem Sohn Gottes, beten würde. In beiden Familien werde ich genau darum gebeten.

Der Sehendmacher hielt während diesen Begegnungen Augenöffner für mich bereit. Mein Horizont erweiterte sich. Innerhalb von nur zwei Tagen hatte ich mit einer Prostituierten an ihrem Arbeitsplatz gesessen und eine muslimische und eine hinduistische Familie besucht – und mit ihnen gebetet! Zu Jesus! «Wie geht so etwas?», habe ich mich später oft gefragt. Der Schlüssel zu dieser Frage heisst: Liebe!

Auf die globalen Probleme der Welt sollten Christen mit einer neuen Globalisierung der Liebe antworten. Was mit anderen Worten heisst: neu denken, neu fühlen, neu handeln. Denn in die Grauzonen dieser Welt, kann nur Gottes Liebe Farbe bringen. Und wirkliche Zeichen der Liebe zu setzen, vermögen wir nur dadurch, dass wir Mitgefühl über Rechthaberei setzen.

Selbstverständlich weiss ich theoretisch, was für Lalita das Beste wäre. Aber die daraus zu ziehenden Schlüsse sind viel komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Liebe allerdings zeigt Wege auf, wie wir anderen beistehen und für sie da sein können, ohne kurzfristig sofort eine Lösung zu haben.

Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.

Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.

Datum: 10.06.2026
Autor: Steve Volke
Quelle: Buchauszug «Der Sehendmacher»

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