Giuseppe Gracia: «Wir brauchen eine Debattenkultur»
Giuseppe Gracia ist Buchautor, NZZ-Kolumnist und Herausgeber des politischen Magazins «Schweizer Monat». Beim Blick auf heutige Auseinandersetzungen plädiert er für ein neues kulturelles Selbstbewusstsein und Sinnorientierung, wie sie vor allem der Glaube geben kann.
Heraus aus den Doppelstandards
Ein zentraler Punkt, den Gracia gleich zu Beginn benennt, ist das, was er als gesellschaftliche «Doppelstandards» im Umgang mit Religionen bezeichnet. Das Christentum werde in der westlichen Gesellschaft «immer schlechtgeredet», direkt sei die Rede von Gewalt, Imperialismus, Hexenverfolgung, Kreuzzügen, Frauenunterdrückung oder Homophobie. Mit all diesen «üblen Sachen in der Geschichte» werde es identifiziert. Im Gegensatz dazu werde zum Beispiel beim Islam stärker zwischen Religion und Extremismus unterschieden. Hier werde der Islam als eher positiv und nur der von ihm abgetrennte Islamismus negativ bewertet. Diese Differenzierung finde so gegenüber dem christlichen Glauben kaum statt.
Gracia wertet diese unterschiedliche Behandlung als Ausdruck eines «gestörten Verhältnisses» des Westens zu seiner eigenen kulturellen Herkunft. Besonders deutlich wird es für ihn daran, dass das Christentum nicht nur kritisiert, sondern auch karikiert werden könne – dies sei beim Islam kaum möglich. Künstliche Intelligenz erstelle problemlos Witze über Jesus, aber verweigere dasselbe bei Mohammed.
Eine neue Debattenkultur
Im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs sieht der Autor zunehmende totalitäre Tendenzen. Die heutige Debattenkultur sei eher von moralischer Etikettierung und gegenseitigem «Bashing» geprägt als von respektvoller und echter Auseinandersetzung mit Argumenten. Als Herausgeber des politischen Magazins «Schweizer Monat» will er solch eine kultivierte Streitkultur wiederherstellen: Positionen sollen zuerst verstanden und fair wiedergegeben werden, bevor sie kritisiert werden. Er führt dafür im Gespräch die Debattenkultur der Scholastik als positives Beispiel an, wo man in Anwesenheit des Andersdenkenden zuerst seine Position so zusammenfassen musste, dass er sich verstanden fühlte, bevor man darauf antworten konnte.
Der moderne Freiheitsbegriff
Auch den modernen Freiheitsbegriff als individuelle Freiheit, maximale Selbstbestimmung und das Offenhalten möglichst vieler Optionen kritisiert Giuseppe Gracia. Er sieht darin ein Versprechen des Zeitgeistes, das er für oberflächlich und «eine riesige Überforderung» hält. Dies sei ein «Schönwetterprogramm», das nur leistbar sei, wenn es einem gut gehe. Für ihn entwickelt sich ein positiver Freiheitsbegriff nicht durch Beliebigkeit und das ständige Definieren der eigenen Identität, sondern durch das Finden des eigenen Platzes und Aufgaben, die zu einem passen, indem man sich als Teil von etwas Grösserem verstehe und Verantwortung übernehme.
Dieses Glück ist für Gracia in erster Linie in der Anbindung an Gott zu finden. Sie verändere auch die grassierende Sinnentleerung der Arbeit, die heute meist auf die Möglichkeit zum Geldverdienen reduziert werde. Typische Faktoren wie Teilzeitarbeit oder frühen Ruhestand bewertet er als gesellschaftlichen Rückzug aus Berufung und Dienst an der Gesellschaft. Gracia setzt dieser Haltung entgegen, dass der Mensch von Gott gewollt sei, eine Aufgabe habe und seine Erfüllung nicht in Selbstoptimierung finde, sondern darin, gebraucht zu werden.
Geistige Offenheit
Im Gespräch unterstreicht Giuseppe Gracia wiederholt, dass er sich mehr geistige Offenheit in der Gesellschaft wünscht und eine echte Debattenkultur anstrebt. Für ihn geschieht dies auf Basis einer starken Verwurzelung in christlichen Traditionen. Christen sollten sich stärker in gesellschaftliche Diskussionen einbringen, ohne sie aggressiv aufzuladen. Stattdessen sollten sie mit Klarheit und Substanz argumentieren. Gracia wirbt für Verantwortung statt Selbstbezogenheit, für eine sinnstiftende Kultur des Miteinanders und nicht zuletzt für Hoffnung als «publizistisches Antidepressivum».
Zum Talk:
Datum: 29.05.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet