Die aktuelle Lage in Nahost
Jonas Woiwode, Israels Luftwaffe hat Ziele in Iran angegriffen. Das teilte das Militär in den frühen Morgenstunden mit. Der Angriff folgte auf iranische Raketenangriffe auf Israel am Sonntagabend – die ersten seit zwei Monaten. Davor wiederum hatte Israel erstmals seit Wochen Libanons Hauptstadt Beirut bombardiert. Warst du überrascht von dieser neuen Eskalation zum jetzigen Zeitpunkt?
Jonas Woiwode: Die Waffenruhe, die seit zwei Monaten in Kraft ist, war stets fragil und wie wir in den Medien mitverfolgen konnten, ist seither auch kein Durchbruch in den Verhandlungen um ein längerfristiges Abkommen gelungen. Insofern kommt diese neueste Eskalation für mich nicht aus heiterem Himmel. Überrascht hat mich aber der Fakt, dass es wieder zu direktem Beschuss zwischen Israel und dem Iran gekommen ist und der Krieg nicht ausschliesslich über die stellvertretenden Milizen weitergeführt wird.
US-Präsident Donald Trump wollte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu von dem Vergeltungsangriff abhalten. Seine Friedensbemühungen erleiden nun einen starken Rückschlag. Wie schätzt du die Perspektive ein, stehen die Zeichen eher auf weitere Eskalation oder baldige Rückkehr zu einer Waffenruhe?
Solche Einschätzungen sind spekulativ und die letzten Monate wenn nicht Jahre seit dem Oktober 2023 haben uns gezeigt, dass die Dynamik rund um die kriegerischen Ereignisse im Nahen Osten für niemanden vorhersehbar sind und sich viele Politiker wie auch Kennerinnen der Region oftmals getäuscht haben. Ich persönlich glaube aber, dass sich trotz der aktuellen Rückschläge, stabilisierende Kräfte durchsetzen werden und man sich zumindest auf einen längerfristigen Waffenstillstand einigen wird.
Was braucht es aus deiner Sicht, damit die Friedensgespräche erfolgreich sind und sich die Situation zwischen Israel und Iran entschärft?
Das ist eine sehr schwierige Frage und wenn es eine einfache Lösung gäbe, hätten wir diese wohl längst auf dem Tisch. Persönlich glaube ich, dass der Ansatz einer Entwaffnung der libanesischen Terrorgruppe Hizbullah und die regionale Eindämmung weiterer Verbündeter Irans richtig und wichtig ist. Den Sicherheitsbedenken Israels muss Beachtung geschenkt und die akuten Bedrohungen in der unmittelbaren Nachbarschaft möglichst eingedämmt werden. Ein Regimewechsel im Iran würde ich aus Sicht des iranischen Volkes, welches enorm unter dem Regime leidet, und auch von Seiten Israels begrüssen. Aber ob sich der Sturz des Regimes von aussen erzwingen lässt, bezweifle ich.
Die USA waren zunächst massgeblich am Krieg selbst und hinterher an den Friedensgesprächen beteiligt. Aktuell haben sie keine weitere kriegerische Unterstützung angekündigt und möchten so schnell wie möglich zurück an den Verhandlungstisch. Brauchen die Länder der Nahost-Region «Hilfe von aussen» für ein Friedensabkommen, seien das die USA, Russland oder Europa?
Russland fällt als glaubwürdiger Vermittler aus, Europa fehlt der Hebel. Die USA hatten sicherlich mit einer schnelleren Beendigung des Konflikts gerechnet. Wie das Kalkül genau war, lässt sich von aussen nicht beurteilen, aber infolge des Unmuts in der eigenen Bevölkerung und der Überdehnung ihrer Streitkräfte rund um den Globus drängen die USA auf eine schnelle Lösung. Auch andere Vermittler vertreten eigene Interessen und das verkompliziert die Lösungsfindung. Jedoch glaube ich nicht, dass es ganz ohne Vermittler zu einer tragfähigen Lösung kommt. Vor allem weil die Kommunikationskanäle ohne Vermittler wohl gar nicht offen wären.
Du hast ja viel Kontakt nach Israel. Für die Menschen in Israel werden die Bomben und Sirenen nun wieder zum Begleiter im Alltag. Wie schätzt du die Moral im Volk ein? Wieder eine neue Welle des Kriegs…
Die Israelis sind sehr resilient. In den letzten Monaten habe ich immer wieder gehört, dass sie das Leben geniessen, feiern und sich draussen treffen. Schliesslich weiss man nie, wann der nächste Krieg kommt. Das hat sich nun leider bewahrheitet. Auch wenn sie das Beste aus der Situation machen, ist die aktuelle Lage selbstverständlich eine grosse Belastung für die Bevölkerung: wenig Schlaf durch Sirenen, Angst um das eigene Leben oder die Sicherheit der Kinder und vieles mehr. Wir können uns hier gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, in dieser Realität zu leben. Für viele Israelis ist es aber Alltag und die Bedrohung von aussen Teil ihres Lebens. Das hat unweigerlich auch negative und langfristige Konsequenzen, die in Israel gerade diskutiert werden. Beispielsweise: Welchen Einfluss hat eine permanente Bedrohung von aussen auf das Verhalten gegenüber «Fremden»?
Wie geht ihr als Reiseveranstalter mit der aktuellen Situation um? Kann man derzeit nach Israel reisen?
Wir haben aktuell keine Reisegäste im Land. Unsere nächsten Reisen sind für den Herbst geplant und entsprechend werden wir vorerst die weitere Entwicklung abwarten. Klar ist, dass die Sicherheit unserer Gäste für uns immer oberste Priorität hat. Entsprechend hatten wir auch unsere Reisen im Frühling schweren Herzens abgesagt. Da die Dynamiken sich schnell ändern können, wir über viel Erfahrung und verlässliche Kontakte in Israel verfügen, entscheiden wir jeweils umsichtig und ca. drei bis vier Wochen vor Abreise, ob eine Reise durchgeführt werden kann oder nicht. Israel bleibt für uns eine der wichtigsten Reisedestinationen und wir freuen uns darauf, unsere Gäste wieder sicher dorthin begleiten zu können. Das Land der Bibel vor Ort zu erleben ist definitiv eine Reise wert und hoffentlich bald wieder unbeschwert möglich.
Vielen Dank für das Gespräch!
Jonas Woiwode leitet beim christlichen Reiseveranstalter Surprise Kultour das Produkt Management und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Er hat Israel mehrfach bereist und verfügt über zahlreiche persönliche Kontakte vor Ort.
Datum: 08.06.2026
Autor:
Florian Wüthrich / Rebekka Schmidt
Quelle:
Livenet