«Es geht um viel mehr als Lebensmittel»
«Ganz am Anfang – vor mehr als zehn Jahren – erhielten wir einen Anruf, ob wir am Rennweg in Zürich am Abend in einer grossen Bäckerei unverkaufte Waren abholen wollen», rekapituliert Josua Eugster die Frühgeschichte des «LebensMittelPunkt» der Oberdorfkirche «Auerehuus».
Die Gemeinde sagte zu. «Wir erhielten alles am Mittwochabend und gaben es am Donnerstagmorgen gratis weiter. Sehr schnell waren dann auch eine lokale Bäckerei und kleine Lebensmittelläden dabei.» Mit der Zeit gestaltete sich die Abholung in Zürich als geografisch gesehen zu weit. Bald waren aber auch die «Schweizer-Tafeln» und «Aldi» sowie «Lidl» mit an Bord.
«Unglaublich schöne Momente»
Kernstück vom LebensMIttelPunkt ist es, Zeit mit den Leuten zu haben und mit ihnen einen Kaffee zu trinken. «Die zwei Franken, die pro Person zu vergüten sind, sind für die Arbeit, die Raummiete und die Transportkosten.» Die volle Tüte mit den Lebensmitteln sowie der Kaffee sind kostenlos.
«Es sind unglaublich schöne Momente. Es kommen viele Flüchtlinge, manche können nicht einmal unsere Sprache. Wir versuchen sie dann mit anderen Menschen aus ihrer Kultur zu verbinden. Wenn sie zum Beispiel nur türkisch sprechen, versuchen wir sie im Kaffee-Betrieb mit anderen zu vernetzen, die ihre Sprache sprechen.»
Mittlerweile 100 Säcke pro Woche
Vor Ort ist die Gemeinde gut vernetzt. «Das Einwohneramt Wädenswil gibt unsere Adresse weiter und manchmal verbringt auch jemand vom Sozialamt den Morgen bei uns. Die Mitarbeiterin ist gut vernetzt und sie schätzt, dass wir da sind.»
Lange Zeit wurden zwischen 40 und 50 volle Einkaufstüten weitergegeben, inzwischen sind es nicht weniger als 100 pro Donnerstagmorgen. «Das hat auch mit dem Ukraine-Krieg zu tun.»
Von 10 bis 11 Uhr sind alle Kulturen vertreten, Schweizer, Syrer, Perser und viele mehr. Und von 11 bis 12 Uhr folgen die Ukrainer. «Wenn jemand drei Wochen auf der Flucht war und plötzlich einen Sack voll Gemüse, Früchte und Brot hat, dann hat er etwas zum weiter verschenken. Die Gäste tauschen dann gleich vor Ort unter sich, wenn sie zum Beispiel etwas Überflüssiges haben.»
«Starker Sinn, gelebte Liebe»
Das Team zählt rund 15 Leute. «Von 8.30 bis kurz vor 10 Uhr gilt es, auszusortieren und die Tüten zu füllen. Laufend kommen noch Waren herein, manchmal bringen auch lokale Bauern noch Sachen wie Eier oder Früchte.» Um 9.50 Uhr wird aufgeräumt «und um 9.55 Uhr folgten die wichtigsten fünf Minuten: Die Absprache, ein Wort aus der Bibel lesen und beten.»
Namentlich auch Jungsenioren packen mit an. «Wenn heute eine Person mit 65 Jahren pensioniert wird, ist dieses Wirken für sie ein riesiger Wert, es gibt ihr einen starken Sinn, es ist gelebte Liebe.»
Der christliche Glauben werde den Besuchern nicht übergestülpt. «Wir bieten aber Gebet für diejenigen an, die es wollen.» Auch der LebensMittelPunkt ist gelebte Kirche, bilanziert Josua Eugster. «Auch Muslime helfen mit, weil sie es eine gute Sache finden. Sie hören dann das Wort und Gebet, wir leben den Glauben und beten: ‘Herr, wir wollen so dienen, wie wenn du hier wärst’»
30 bis 40 Meter Warteschlange
Vor der Türöffnung um 10 Uhr bildet sich jeweils auf dem Trottoir eine Warteschlange von 30 bis 40 Meter.
Der Einsatz spiegelt sich auch in der Gemeinde generell wider: «Ganz neu wurde ein ukrainischer Gottesdienst gestartet, von Ukrainern für Ukrainer. Manche sind schon gläubig gekommen, und andere haben hier zum Glauben gefunden; rund vier Ukrainer und ein bis zwei Syrer.»
Einmal im Jahr organisiert die Gemeinde einen kulturellen Gottesdienst, alle werden gefragt, ob sie ihr Essen mitbringen wollen, was zu einem riesigen kulturellen Buffet führt. Punktuell wird im LebensMittelPunkt auch eine Botschaft weitergegeben, zum Beispiel zu Ostern oder Weihnachten.
Kleiner Puffer aufgebaut
Anders als an anderen Orten muss man beim LebensMittelPunkt keinen Sozialbezüger-Ausweis vorweisen. «Bei uns soll jeder kommen können. Das bringt mit sich, dass sich auch Mal jemand unter die Leute mischt, der gut betucht ist; aber das soll uns nicht stören.»
Einher mit dem wachsenden Dienstzweig ging das Einrichten eines kleinen Lagers, das auch als Puffer dient. «Darin können wir die Dinge nach Datum ordnen und überbrücken, wenn einmal etwas fehlt.»
«Ein unglaubliches Wunder»
Ein Gast mit traditionellem Hintergrund sagte kürzlich im Kaffee, dass er bereits öfters Gebet empfangen habe und es immer besser ging. «Er war froh, dass wir beteten und es wurde besser. Ich fragte ihn: ‘Hast du Jesus in dein Leben aufgenommen?’ Da wollte er wissen: ‘Kann man das jetzt machen?’ Ich bejahte und er übergab sein Leben Jesus. Danach freute er sich: ‘Es fühlt sich jetzt alles so leicht an.’ Das war etwas unglaublich Schönes. Wir pushen das nicht, aber in diesem Augenblick war der Moment da.»
Manchmal kann das Team auch Blumen weitergeben, wenn es diese von den Geschäften erhält. «Wo hat man Orte, bei denen jemand einen umarmt? Da geht es um viel mehr als Lebensmittel abgeben.»
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas.
Datum: 02.06.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet