Allah ist gross – und die Verantwortung klein?
Mehrere Zeitungen vom Sonntag berichteten über den Messerangriff eines türkisch-schweizerischen Mannes, der am Donnerstag mit «Allahu Akbar» in Winterthur drei Menschen verletzte. Er gehörte zum Kern der Szene von mindestens 50 Islamisten, die bereits vor zehn Jahren in der «sichersten Grossstadt der Schweiz» von sich reden machten. Die Sonntagszeitung verliert sich dabei in der Frage, ob Ärzte mehr Einsicht in Daten von «Personen mit terroristischem Gefährdungspotenzial» bräuchten, das heisst, ob der extreme Datenschutz in der Schweiz die rechtzeitige Erkennung von Gefahren verhindert. Und sie beschreibt die neue Doppelgefahr von Tätern: «radikalisiert und psychisch krank». Die NZZ am Sonntag diskutiert, warum in der Schweiz die «Risikoabklärung bei Terrorgefahr» in der Akutpsychiatrie nicht üblich ist – der Täter wurde erst kurz vorher aus der psychiatrischen Klinik entlassen.
«Blick»-Chefredaktor Reza Rafi schliesslich wendet sich im Sonntagsblick dagegen, dass die Schuld bei religiösen Radikalisierungen immer wieder auf das «persönliche Umfeld», die Gesellschaft, das soziale Biotop geschoben wird: «Die Verantwortung des Einzelnen wird zur Nebensache, wenn einer «Allahu Akbar» rufend zur Waffe greift. Das erstaunt in einer digitalisierten Ego-Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung den Ton angeben. Wir tappen in die Falle des Kollektivismus, der Klammer aller extremen Ideologien.»
Die Antwort auf die Frage nach der Verantwortung «könnte unbequem sein: Vielleicht ist es der Mann, der mit dem Messer in der Hand durch Winterthur rannte und `Allahu Akbar` schrie. Nicht seine Einsamkeit. Nicht sein Umfeld. Nicht die Gesellschaft. Er.» Zur Erinnerung: Im Kern der westlichen Kultur und der protestantischen Ethik steht unter anderem die Erkenntnis, dass der Mensch als verantwortliches Individuum vor Gott steht.
Philosophische Antworten und die Frage nach Gott
In einer ganz anderen Thematik brachte die NZZ am Sonntag vom vergangenen Wochenende zudem ein Interview mit Wolfram Eilenberger, «Deutschlands scharfsinnigstem Philosophen». Philosophie ist ein Mittel, den grossen Fragen des Lebens systematisch auf den Grund zu gehen, Themen zu benennen. Auf die Frage, wie Philosophie gegen die Angst helfen könne, stellt er Eilenberger fest, dass sie uns «klarer machen kann, was uns beunruhigt»: dass nämlich jede Angst letztlich irgendwie mit dem Tod zusammenhängt.
Dieses Thema bringt die Frage nach Gott ins Spiel. Und hier macht Eilenberger eine geradezu evangelisch klare Aussage: Wenn man Gottes Existenz beweisen wolle, werde das leicht zu einem «Scheinproblem». Was einen gläubigen Menschen mit Gott verbinde, sei nicht «beweisbar», sondern eine Beziehungssache: «Wenn ein Vater seinem Sohn vor der Prüfung 'Ich glaube an dich' sagt, bedeutet das nicht, dass der Vater glaubt, dass der Sohn eine gute Note schreiben wird. Nein, der Vater sagt mit diesem Satz etwas ganz anderes. Er positioniert sich in seiner Beziehung zu seinem Sohn. Ein analoges Verhältnis besteht zwischen einem Gläubigen und Gott.»
Im weiteren Gespräch bringt Eilenberger viele philosophische Antworten auf Fragen nach Freiheit, Liebe und das Kinderhaben – und zeigt damit schön die Denkmöglichkeiten, aber auch die Grenzen der Philosophie auf. Wenn es um den Sinn des Lebens geht, kann die Philosophie nur sagen: «Es gibt ihn. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, worin er liegt. (…) Wenn es den Sinn des Lebens gäbe und wir sagen könnten, das ist er, wäre das eine totalitäre Antwort und würde jegliche Freiheit und Kultur ersticken.»
Zum Autor: Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 21 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europo und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.
Datum: 01.06.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet