Livenet-Talk

Johannes Czwalina: Die Rückkehr des Faschismus

Johannes Czwalina
Johannes Czwalina (74) wuchs in der Nachkriegszeit in Berlin auf. Im Livenet-Talk mit Florian Wüthrich spricht er über aktuelle Entwicklungen und sein Buch dazu: «Die Rückkehr des Faschismus. Alte Dämonen in neuer Zeit».

Johannes Czwalina erlebte die Nachwehen des Nationalsozialismus, den anschliessenden Frieden, aber inzwischen auch ein Erstarken faschistischer Denkmuster. Seit vielen Jahren leitet er die Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen – die einzige ihrer Art in der Schweiz. 

Gegen das Vergessen

In der momentanen gesellschaftlichen und politischen Lage sieht Johannes Czwalina eine gefährliche Entwicklung: Weltweit geraten Demokratien unter Druck, über die Hälfte aller Regierungen sind autoritäre Systeme – und sie gewinnen weiter an Einfluss. Was ihn dabei besonders beunruhigt, ist, dass viele diese Entwicklung unterschätzen, selbst gebildete Kreise oder sogar direkt betroffene Teile jüdischer Gemeinschaften. Er beobachtet die Rückkehr alter Muster wie Nationalismus, Ausgrenzung und Abwertung von Minderheiten. Begleitet wird all das durch Angriffe auf die Pressefreiheit und eine unabhängige Justiz.

Czwalina sieht darin keine abstrakten Warnzeichen, sondern konkrete Anzeichen eines neuen Faschismus. Nicht als Kopie der Vergangenheit, sondern mit «neuem Gesicht»: populistisch, modernisiert und weithin gesellschaftlich akzeptiert.

Der Schatten der Geschichte

Czwalinas Blick ist dabei von der eigenen Biografie geprägt. Er wuchs in der Nachkriegszeit im Berliner Stadtteil Wannsee auf, nur wenige Gehminuten von der Villa der Wannseekonferenz entfernt, wo 1942 die praktische Organisation des Holocaust beschlossen wurde. Die Spuren der NS-Zeit gehören zu seinen Kindheitserlebnissen. Das reichte von Einschusslöchern in den Mauern bis hin zu zurückgelassenen SS-Uniformen im eigenen Keller. Im Haus seiner Eltern lebte vor dem Krieg eine jüdische Familie, die damals verhaftet, deportiert und ermordet wurde. Anschliessend wohnten dort SS-Offiziere. Dieses unmittelbare Nebeneinander von eigenem Alltag und Verbrechen gegen die Menschlichkeit prägte sein Bewusstsein.

Als die NS-Vergangenheit in seinem Schulunterricht thematisiert wurde, blieb ihm der Satz eines Lehrers besonders in Erinnerung: «Wir lernen aus der Geschichte, dass wir aus der Geschichte nichts lernen.» Der Lehrer prophezeite damit ein Wiedererstarken des Faschismus in den nächsten Jahrzehnten. Heute sieht Czwalina diese Warnung bestätigt.

Vom Erleben zur Berufung

Aus diesen diffusen Kindheitsängsten und frühen Eindrücken entwickelte sich im Laufe der Zeit ein eigener Auftrag, eine Berufung. Aus dem Eindruck «Nie wieder!», den er aus seiner Berliner Zeit mitnahm, wurde nach seinem Umzug in die Schweiz das konkrete Engagement für Bedürftige, für Demokratie und seit 2011 in der Gedenkstätte für zumeist jüdische Flüchtlinge in der Grenzstadt Riehen ein warnendes Informieren über den Faschismus und seine Mechanismen.

Sein aktuelles Buch «Die Rückkehr des Faschismus» entstand während einer schweren Krankheitsphase (worüber er in einem früheren Livenet-Talk berichtete) als Versuch, die Sorgen, die ihn seit Jahren begleiteten, in Worte zu fassen. Einerseits war das Schreiben für ihn Entlastung, andererseits auch Pflicht: Er kann nicht schweigen, wenn demokratische Grundwerte erodieren.

Für die Demokratie

In seinem Buch, aber auch im Gespräch kritisiert Czwalina, dass sich Europa an Frieden, Reisefreiheit und Wohlstand gewöhnt hat. Dabei gerät in Vergessenheit, dass diese Ordnung fragil ist. Trotz aller Schwierigkeiten und einer überbordenden Bürokratie versteht er die Europäische Union als gelungenes Friedensprojekt: Die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit hat für ihn Kriege verhindert. Der neue Nationalismus – von «America first» bis zu «Ungarn first» – bedroht dieses Prinzip. Wenn sich Staaten durch Abgrenzung voneinander definierten, wächst die Gefahr von Konflikten. Für Czwalina ist das kein theoretisches Szenario, sondern ein Prozess, der bereits begonnen hat.

Glaube, aber ohne Machtanspruch

In diesem Zusammenhang ist der christliche Glaube für den Theologen ein geeignetes Korrektiv, der Christen davor warnt, sich von nationalistischen oder machtpolitischen Bewegungen vereinnahmen zu lassen. Dabei verweist er besonders auf die Aussage von Jesus Christus: «Mein Königreich gehört nicht zu dieser Welt.» (Johannes, Kapitel 18, Vers 36) Besonders in Teilen der USA, aber auch in Europa sieht Czwalina in evangelikalen Strömungen die Gefahr, dass Religion zum politischen Machtmittel wird. Das hält er für gefährlich. Er betont stattdessen, dass Christen nicht dazu berufen sind, einen Gottesstaat zu errichten, sondern als «Schafe mitten unter die Wölfe» zu gehen, also ohne Herrschaftsanspruch und in der Bereitschaft, auch Nachteile zu tragen.

Worum es im Buch geht

«Die Rückkehr des Faschismus» ist kein Geschichtsbuch, sondern eine Streitschrift. Darin beschreibt Johannes Czwalina verdrängte Traumata nach dem Nationalsozialismus, dem Kommunismus oder anderen Gewalterfahrungen, die einfach weiterwirken und eine neue Radikalisierung nähren. Er verbindet dabei politische Analyse mit persönlicher Erfahrung und kommt zu dem Schluss, dass Frieden nicht durch Vergessen entsteht, sondern durch ehrliche Aufarbeitung. Wer historische Schuld, kollektive Verletzungen und ideologische Altlasten nicht benennt, schafft den Boden, auf dem alte Dämonen wieder wachsen. Darin sieht Czwalina die entscheidende Aufgabe seiner Generation: Erinnerung wachhalten, bevor «Nie wieder!» zu einer leeren Formel wird.

Wir verlosen viermal das Buch «Die Rückkehr des Faschismus. Alte Dämonen in neuer Zeit» von Johannes Czwalina. Schreibe uns bis zum 31. August 2026 eine E-Mail mit deinem Namen und deiner Adresse an redaktion@livenet.ch – und mit etwas Glück gehört eines der Bücher bald dir.

Zum Talk:

Datum: 17.07.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung