Zuhören schafft Begegnung
«Frau Napiwotzki, haben Sie mal eine Minute?» Mit diesem Satz beginnt meistens eine typische Situation in meinem Berufsalltag. Oder so: «Nicole, hast du mal einen Augenblick?» Was dann folgt, dauert in der Regel länger als 60 Sekunden. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und auch Eltern haben Anliegen. Sie wollen sich beschweren, neue Ideen einbringen, ihr Herz ausschütten, Kritik üben, ihre Sorgen zum Ausdruck bringen…
Worum geht es eigentlich?
Die Gespräche sind ganz unterschiedlich, auch in ihrer Emotionalität. In meinem Kopf begleitet mich dabei immer die Frage: Worum geht es hier eigentlich? Nicht immer ist das direkt zu erkennen. Auch wenn vielleicht ein Thema klar benannt wird, kann es um bestimmte Wünsche und Bedürfnisse gehen, die nicht direkt offensichtlich sind.
Deshalb ist mir eine zweite Frage genauso wichtig: Habe ich wirklich verstanden, was mein Gegenüber mir sagen will? Es geht also zuallererst ums Zuhören und Verstehen und darum, einen Raum zu schaffen, in dem dies möglich ist.
Zuhören schafft Begegnung
Zuhören und zuhören können sind wichtig, um wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen, einander zu begegnen. Nur dann kann ich den anderen verstehen lernen, mit ihm auch um Haltungen und Positionen ringen und – wenn es glückt – neue gemeinsame Wege gehen.
Schaue ich in unsere Gesellschaft, dann habe ich den Eindruck, dass wir gerade das Zuhören verlernen. In vielen politischen Talkrunden werden sich Aussagen gegenseitig an den Kopf geschmissen, lässt man sich nicht ausreden, werden Fragen gestellt, um das Gegenüber zu kritisieren oder es blosszustellen. Um wirkliches Zuhören und Verstehen geht es in diesen Formaten nur selten.
Raus aus meiner Echokammer
Natürlich können wir uns auch selbst fragen, inwieweit wir Gespräche nur noch mit z. B. politisch Gleichgesinnten führen, in denen wir uns gegenseitig über die anderen, die Politiker oder den Staat empören, aber die Auseinandersetzung über gesellschaftliche Themen mit Andersdenkenden nicht mehr suchen.
In den sozialen Medien nimmt man diese Entwicklung noch verschärfter wahr. Kommentare haben häufig nur den Zweck, sich zu einer Gruppe zugehörig zu zeigen und sich «von den anderen» abzugrenzen, sich zu empören, Menschen zu labeln und zu polarisieren – nur wirkliche Diskussionen, in denen moralische und politische Fragen ausgehandelt werden, auch wenn dies vorgegeben wird, werden nicht geführt. Frustriert ziehen sich diejenigen zurück, die sich nicht dieser Polarisierung unterwerfen möchten.
Wird der FeG-Ton rauer?
Als Christinnen und Christen im Bund Freier evangelischer Gemeinden sind wir nicht frei von diesen gesellschaftlichen Entwicklungen. Ich stelle fest, dass auch bei uns der Ton «rauer» geworden ist, schnell mit Worten reagiert wird und es wichtiger geworden zu sein scheint, sich als einer Gruppe zugehörig zu positionieren.
In den ersten Gemeinden ist das wohl nicht anders gewesen. Im Jakobusbrief werden die Gläubigen daran erinnert, wie sie miteinander umgehen sollen. «Denkt daran, meine lieben Geschwister: Jeder sei schnell bereit zu hören, aber jeder lasse sich Zeit, ehe er redet, und erst recht, ehe er zornig wird.» (Jakobus 1,19 | NGÜ). In unserem Hören aufeinander und Reden miteinander soll sich Gottes Wirken zeigen. Vielleicht müssen auch wir das im Umgang miteinander neu hören, wenn wir um theologische Fragen ringen?
Zuhören lernen und praktizieren
Ich bin Gott sehr dankbar, dass wir das Zuhören noch nicht verlernt haben. Es gelingt uns, Räume zu schaffen, in denen wir uns begegnen, zuhören und verstehen lernen. Ein gutes Beispiel ist für mich die FeG-Regionaltagung West im Rahmen unseres Gesprächsprozesses zur Handlungsempfehlung im Umgang mit Homosexualität, die damals in Solingen-Aufderhöhe im April 2023 stattgefunden hat. Wir waren an diesem Tag über 100 Personen. Über den Tag verteilt haben wir immer wieder in neuen, zufällig zusammengesetzten Runden von ca. zehn bis zwölf Personen miteinander diskutiert. Da trafen die unterschiedlichsten Konstellationen aufeinander und nicht immer war es einfach, ins Gespräch zu kommen, weil man doch sehr weit theologisch auseinanderlag. Aber in den einzelnen Gruppen wurde sich an diesem Tag zugehört, jeder konnte seine Argumente sagen und man konnte nachfragen.
Es waren keine erhitzten Debatten, sondern Gespräche, bei denen man sich gegenseitig in die Augen schaute, auch Befürchtungen und Sorgen ausgesprochen werden konnten. Am Ende des Tages waren wir uns in den Positionen nicht einig. Aber ich hatte den Eindruck, dass das Verständnis füreinander gewachsen war und auch der Wille, bei einander zu bleiben und einen gemeinsamen Weg zu gehen.
Räume zum Zuhören schaffen
Warum war diese Veranstaltung aus meiner Sicht so gelungen? Was lässt sich daraus ableiten, wenn wir unsere Fähigkeiten des Zuhörens verbessern wollen? Zum Erfolg der Regionaltagung hat das Setting der «rollierenden Kleingruppen» beigetragen. Es gab eine klare Struktur, Gesprächsregeln und einen Konsens über das Ziel dieses Treffens. Das schuf Sicherheit. Für mich folgt daraus, dass wir Räume und Formate brauchen, in denen man miteinander reden und sich gegenseitig in die Augen schauen kann. Eine vertrauensvolle Atmosphäre ist wichtig, damit man sich öffnen und ehrlich sein kann, sich traut, zu erzählen und nachzufragen.
Ich möchte gerade die hören, die nicht unbedingt von sich aus direkt das Wort ergreifen und sich eher scheuen, vor versammelter Menge zu sprechen. Ich erlebe häufig, dass sie noch mal andere Perspektiven einbringen. Das gelingt allerdings nicht in grossen Gruppen, in denen ich für eine Wortmeldung erst aufstehen muss, um an ein Mikrofon zu gehen. Kleine Gruppen, in denen man sich in die Augen schauen kann, sind da besser. Vielleicht müssen wir noch mal darüber nachdenken, wie wir in Grossveranstaltungen das Zuhören und miteinander Reden mit einem passenden Format fördern können.
Zuhören mit Haltung
Noch entscheidender für den Verlauf der Regionaltagung war aus meiner Sicht allerdings die Haltung der Beteiligten, die ich an diesem Tag erlebt habe. Wir waren bereit, uns aufeinander einzulassen und einander zuzuhören. Es wurde viel diskutiert und gerungen. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es darum ging, recht zu haben und zu «gewinnen».
Nicht immer ist es einfach, solch eine Haltung des Zuhörens einzunehmen und sie zu bewahren. Ein Fehler, der mir immer wieder passiert, ist, dass ich vorschnell denke, dass ich den anderen verstehe, und weiss, was er meint. Das liegt dann meistens daran, dass ich Begriffe und Schlagworte meines Gegenübers mit meinem eigenen Verständnis, meinen eigenen Gedankenkonzepten verstehe und nicht mehr nachfrage, was mein Gegenüber denn wirklich damit meint. Was wird z. B. unter Begriffen wie «Gerechtigkeit», «liberal» oder «konservativ» verstanden? Meine eigenen Interpretationen stehen mir dann im Weg. Häufig reagiere ich dann auch voreilig, ohne wirklich begriffen zu haben. Deshalb ist mir die Nachfrage: «Habe ich das richtig verstanden?» wichtig.
Und natürlich gibt es auch die Personen, mit denen man nicht zum ersten Mal diskutiert und bei denen man schon weiss, was kommt. Ich versuche, mich trotzdem darauf einzulassen, mir meiner Vorurteile, die ein Zuhören erschweren, bewusst zu werden und sie beiseitezustellen. Dabei versuche ich mir eine Haltung zu bewahren, die davon ausgeht, dass mein Gegenüber mir meine eigenen blinden Flecken deutlich machen kann. Er oder sie mir also etwas mitteilen kann, was ich selbst nicht erkenne. Mir hat dies schon das ein oder andere Mal einen neuen Zugang zu einem Mitmenschen eröffnet, selbst wenn ich seine Argumentation auch weiterhin nicht teile.
Wer zuhört, geht gemeinsame Wege
Eine Haltung, die anderen signalisiert, ich höre dir zu und ich will dich verstehen, kommt eher leise daher. Sie kann in schwierigen Situationen eine Basis schaffen, Vertrauen herstellen, um gemeinsam zu diskutieren, zu ringen, aber auch gemeinsam nach weiteren Schritten zu suchen.
In der Schule bin ich dankbar, wenn zum Beispiel Schülerinnen und Schüler das zum Ausdruck bringen: «Danke, dass Sie mir zugehört haben!» oder Eltern sagen: «Danke, dass Sie mich verstehen!» Es ist für mich ein gutes Zeichen, dass wir gemeinsam auf dem Weg sind.
Zur Autorin: Nicole Napiwotzki ist Studiendirektorin und Teil der Schulleitung des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal. Ehrenamtlich engagiert sie sich in der FeG-Bundesleitung, wo sie sich auch für die Belange von Frauen in Leitungspositionen einsetzt.
Datum: 12.10.2026
Autor:
Nicole Napiwotzki
Quelle:
Magazin Christsein heute 10/2026, SCM Bundes-Verlag