«Nicht möglichst laut, sondern gut»
Mit der Firma MixArt AG will Michael Tschannen gemeinsam mit Lukas Baumann, Marc Steiner und Matthias Wisler den Menschen dienen. Zwischen Schlagzeug, Bass und leiser Violine sorgt der Tontechniker dafür, dass jedes Instrument seinen Platz findet und hörbar wird. Vielleicht ist das auch ein gutes Bild für sein Leben: Wie hört man inmitten von Lärm, Leistungsdruck und Alltag die leise Stimme Gottes?
Im Gespräch erzählt der Veranstaltungs- und Tontechniker sowie Unternehmer, wie sein Glaube seine Arbeit prägt, warum er auch einmal bewusst auf Erfolg verzichtet, was er aus persönlichen Krisen gelernt hat und weshalb die Lautesten nicht immer die Besten sind. Im Interview mit Livenet-Redaktor Daniel Gerber spricht er über Glauben, Scheitern, Verantwortung und darüber, was Erfolg wirklich bedeutet.
Michael Tschannen, hört ein Sound-Techniker die Stimme Gottes besser?
Michael Tschannen: In einem grossen Konzert mische ich ganz viele Instrumente. Das Ziel ist, dass der Zuhörer jedes Instrument hört, auch die leise Violine neben dem Schlagzeug. Das ist vergleichbar mit dem hektischen Alltag, die Stimme von Gott daraus herauszuhören. Aber um die Frage direkt zu beantworten: Ich denke nicht.
Wie hat dein persönlicher Glaube deinen Berufsalltag geprägt?
Ein grosser Teil davon ist, dass der Glaube nicht nur die Arbeit, sondern auch das Leben prägt und ein Stück weit auch die Einstellung. Was ich auf meinen Weg mitbekommen habe und die Dinge, die ich erlebt habe, prägen mich: Wie gehe ich mit Menschen, mit Zeit und mit Ressourcen um? Ich hatte gute und schlechte Zeiten im Glauben, aber er ist gleichzeitig auch eine Lebenseinstellung.
Etwas vom Wichtigsten ist das, was Jesus einmal gesagt hat … und das gilt auch für jene, die man nicht so toll findet: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Dieser Satz beinhaltet ganz viel.
Wie triffst du schwierige Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen Erfolg und biblischen Werten?
Es gehört zusammen. Ich glaube, wenn wir die biblischen Werte leben und entsprechend handeln, werden wir erfolgreich sein. Auch wenn das heisst, etwas nicht zu tun, was im ersten Augenblick erfolgversprechend wäre, aber beim genaueren Hinsehen vielleicht nicht der richtige Weg ist. Dann nimmt man besser den Weg, der weniger Erfolg verspricht.
Ich bin Veranstaltungs- und Tontechniker und mache auch Festinstallationen. Ich habe klare Vorstellungen, wie Konzerte aus tontechnischer Sicht sein sollen. Dafür stehe ich. Nicht möglichst laut, sondern gut. Lauter ist nicht immer besser – wie im Leben: Die Lautesten sind nicht immer die Besten. Auch der Schutz ist wichtig. Ich mache viele Kinderkonzerte, und da ist der Hörschutz etwas sehr Wichtiges. Es gehört dazu, einem Veranstalter oder Künstler auch mal zu sagen, dass etwas nicht unbedingt «the way to go» ist. Und wenn ich deswegen nicht mehr gebucht werde, muss ich damit leben.
Wenn schwierige oder mühsame Dinge anstehen, gehe ich während der Arbeit ins Gebet oder hole mir Gebetsunterstützung. Ich hatte schon Grossevents mit 25'000 Leuten. Einmal funktionierte die Technik eine halbe Stunde vor der Show nicht mehr. Wir waren acht Leute, die intensiv nach dem Problem gesucht haben. Es gab zwei Möglichkeiten: Es geht oder es geht nicht… Einer der involvierten Techniker war ebenfalls Christ. Ich funkte ihn an und fragte, ob wir beten wollen – was wir auch getan haben. Schlussendlich hat es funktioniert. Wir waren alle ziemlich an unsere Grenzen gekommen…
Gab es eine Entscheidung, bei der du bewusst «gegen den Strom» gehandelt hast?
In einem Fall habe ich meiner Gesundheit und meiner Familie zuliebe eine gute Stelle gekündigt. In Bezug auf Erfolg und finanzielle Sicherheit war es sicher nicht die intelligenteste Lösung. Rückblickend war es dennoch eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.
Erzähle von einem persönlichen Scheitern; was hast du daraus gelernt – und was können wir daraus lernen?
Ich wuchs behütet auf, hatte eine schöne Kindheit, tolle Freunde und wir lebten in einem Haus. Gegen Ende der Ausbildung geriet ich in eine schwierige Phase. Die Beziehung mit meiner damaligen Freundin war herausfordernd, und mein Grossvater, zu dem ich eine enge Beziehung hatte, lag im Spital. Gleichzeitig kam bei der Arbeit die Frage auf: Was machst du nach der Ausbildung? Die Erwartung war, dass ich den Meister mache. Die ganze Situation warf mich ziemlich aus der Bahn. Man definierte mein Befinden als Erschöpfungsdepression. Nach bestandener Prüfung ging es einfach nicht mehr. Ich stellte mir die Frage: «Wer bist du, und warum geht es dir schlecht?» Ich habe relativ viel Alkohol getrunken. Wenn ich heute zurückschaue, habe ich das Gefühl, dass Gott mich durchgetragen hat. Ich glaube, dass aus jedem Erlebnis etwas entstehen kann – auch wenn es im ersten Moment schlecht scheint – wenn man sich helfen lässt, aus diesen Dingen lernt und einen Schritt zurückgeht. Das kann einen auch stärken.
Persönliches oder berufliches Scheitern kann förderlich für die persönliche und berufliche Entwicklung sein. Man muss nicht scheitern, um weiterzukommen. Aber wenn man scheitert, sollte man ein Fazit ziehen und sich die Sache anschauen und sagen: «Das war es, das gehört zu mir, das habe ich getan. Was mache ich daraus, und was lerne ich daraus?»
Wie baust du als christlicher Unternehmer durch deine Arbeit Reich Gottes?
Eine Firmenphilosophie von MixArt lautet, dass wir Reich Gottes bauen wollen. Wir unterstützen viele Menschen, unter anderem Kirchen und Gemeinden, mit Wissen, Know-how oder Material. Wir können dort eine Lücke füllen. Vieles läuft in den Gemeinden auf freiwilliger Basis und es gibt nicht viele Gemeinden, die eigene ausgebildete Tontechniker haben. Alle anderen Volontäre machen das gut, anhand von dem, was sie wissen und können. Wo sie nicht mehr weiter wissen, können wir helfen – von ganz vorne im Raum bis ganz hinten, zum Beispiel bei Installationen für Kirchgemeinden. Oder auch, wenn eine Gemeinde einen Song aufnehmen möchte, stehen wir gerne zur Seite.
Aber auch im säkularen Bereich, zum Beispiel mit Bandbegleitung. Es geht darum, ein Licht zu sein für andere und das, was man macht, gut zu machen. Irgendwann entsteht dann vielleicht eine Frage oder ein Gespräch, und dann geht es um Gott. Was sie daraus machen, ist ihnen überlassen. Ich bin da sehr offen, aber es liegt mir fern, jemanden irgendwohin zu drängen.
Wie verstehst du deine Berufung im Kontext deiner Arbeit?
Ich bin da, um Menschen zu helfen, die etwas weniger gut können als ich. Das Thema oder Wort «Berufung» finde ich etwas schwierig. Ich habe sehr viel erlebt, und manchmal habe ich das Gefühl, dass für viele fast das Wichtigste die Frage nach der Berufung ist.
Welche Entwicklung – sei es international oder ganz in deinem nahen Umfeld – beschäftigt dich im Moment?
Der internationale Rechtsrutsch macht mir Sorgen. Was mich aber wirklich beschäftigt, ist mein berufliches Umfeld. In unserer Live-Branche wird unglaublich viel gearbeitet und geleistet. Gleichzeitig schaut man unglaublich schlecht zu sich selber. An Festivals existiert keine 9-to-5-Arbeitszeit. Wenn man ins Gespräch kommt und es tiefer geht als nur «Hoi, wie geht es?», und man wirklich in die Leute hineinhört, habe ich in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren eine gewisse Müdigkeit gespürt. «Man muss einfach», lautet der Tenor. Alle machen ihren Job grundsätzlich gerne. Aber man ist müde. Man macht es, weil man es macht und muss. Da könnten noch ganz viele Menschen mehr auf sich und ihre Gesundheit acht geben. Körperlich, seelisch, auf die mentale Gesundheit und darauf, was ihr Leben verbessern würde. Und am Ende des Tages sollte man sich fragen, was einem wirklich guttut.
Hast du noch einen Gedanken, den du als Tontechniker und Unternehmer loswerden möchtest?
Erfolg definiert sich im Leben als Ganzes, nicht nur beruflich. Wenn beruflich alles super läuft, aber in der Familie alle unglücklich sind, weil du beruflich so viel investierst, warst du vielleicht gar nicht so erfolgreich. Das habe ich selbst auch lernen müssen.
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 03.10.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet