Impuls aus den Sprüchen

Gutes tun, ohne zu verhätscheln

Wie vergisst man sich selber nicht, wenn man dauernd beschäftigt ist, anderen zu helfen?
«Enthalte Gutes dem nicht vor, dem es gebührt», rät uns Salomo in Sprüche 3,27. Nur: Wem gebührt es? Und in welchem Fall ist es falsch oder sogar schädlich für die Entwicklung eines Menschen, wenn man ihm hilft?

«Weigere dich nicht,
dem Bedürftigen Gutes zu tun,
wenn deine Hand es vermag.»
Sprüche 3,27 / BasisBibel

Welches sind denn «die Bedürftigen»? Wie kann ich die Balance finden, meinem Glauben auch Taten der Nächstenliebe folgen zu lassen, ohne mich komplett auszupowern? Diese Fragen können wir auf den innersten Kreis, unsere eigene Person, genauso wie auf die Familie, die Arbeit und grosse politische Herausforderungen wie die Migration anwenden. Mich fasziniert immer wieder, diesen Dynamiken auf den Grund zu gehen. Erstaunlich ist: Die Mechanismen bleiben immer gleich.

Urkräfte, die uns in Bewegung bringen

Grundsätzlich kann man sagen, dass wir uns gut fühlen, wenn wir Gutes tun. Und es ist ein tolles Gefühl, anderen Menschen durch einen Liebesdienst zu helfen. Wahr ist auch, dass keine Kraft einen Menschen so tief im Innersten verändern kann wie die Liebe.

Wenn wir echte Liebe an der Arbeit sehen, können äussere Kräfte wie Zwang, Geld oder Druck glatt einpacken. Dale Carnegie schrieb in «Wie man Freunde gewinnt», vermutlich einem der erstaunlichsten Longseller der Geschichte (natürlich meilenweit hinter der Bibel):

«Solange das Herz eines Menschen mit Zwietracht und Feindschaft erfüllt ist, kann man es mit aller Logik der Welt nicht bekehren. Scheltende Eltern, tyrannische Vorgesetzte und Ehemänner sowie nörgelnde Ehefrauen sollten sich merken, dass man niemandem mit Gewalt zu einer Überzeugung zwingen kann. Möglicherweise kann man ihn aber mit Sanftmut und Freundlichkeit dazu bringen.»

Es gibt aber weitere Urkräfte, die in uns wirken und uns antreiben, etwa unser Drang nach Autonomie. Wer Kinder erzieht oder Menschen führt, weiss haargenau, dass echtes Wachstum nur dort eintritt, wo man das natürliche Bedürfnis nach Selbstbestimmung ernstnimmt. Wo dieser Drang aktiviert wird, entsteht eine unbändige Bewegung nach vorn. Ich spreche deshalb gerne von der «Würde der Autonomie». Man kann keinem Menschen vorschreiben, durch welche Geschichten, Vorbilder oder Musik er inspiriert sein soll. Jede Person hat die Freiheit, die bisweilen überfordernd sein kann, selbst einen Weg zu finden, intrinsisch motiviert zu sein. Für gläubige Menschen können selbstverständlich Gotteserfahrungen wie Berufungsmomente, tiefe Herzensberührungen, Prophetien usw. eine entscheidende Rolle spielen.

Gute oder gut gemeinte Fürsorge?

Als mich neulich TBN Deutsch zu einem Talk über die Sprichwörter der Bibel einlud (Video hier), sprachen wir über eine Erziehung, die nach dem Weisheitslehrer Salomo gesund wäre. Da traf Moderator Michaja Ruch einen Punkt, bei dem ich sehr leidenschaftlich bin. Eine übermässige Fürsorge für Kinder sehe ich als problematisch. Viele Eltern räumen ihren Kindern jeden Stein aus dem Weg und berauben ihre Kinder dadurch der Chance, selbst eine Lösung zu finden. Wir sollten unsere Kinder stärken und nicht überbehüten.

Im Beruf kommt dieselbe Dynamik zum Tragen: Natürlich neigen auch Erwachsene dazu, die Verantwortung abzuschieben, wenn’s brenzlig wird. Genau dort ist für mich als Leiter entscheidend, eine angemessene Grenze zu ziehen. Ich biete zwar meine Unterstützung an, nehme der Person aber nicht die Verantwortung ab, dieses Problem zu lösen oder die Aufgabe zu Ende zu bringen. So fördere ich Selbstverantwortung und trage dazu bei, dass Mitarbeitende selbst das Glück einer gemeisterten (schweren) Herausforderung erleben können!

Ein weiterer Vorteil dieser klaren Zuweisung von Verantwortung: Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter wiederholt unter- oder überfordert ist mit einer Aufgaben, gibt mir das wichtige Informationen für das künftige Tätigkeitsfeld dieser Person.

Nicht jeder verdient meine Hilfe

Das Buch «Nein sagen ohne Schuldgefühle»

Meine Erfahrung in verschiedenen Führungsaufgaben hat mich eine wichtige Sache gelehrt: Nicht jeder Mensch verdient meine Fürsorge – und schon gar nicht zu jeder Zeit. Mit den Worten von Paulus im 2. Thessalonicher-Brief klingt es noch deutlich schroffer: «Nun höre ich, dass es einige unter euch gibt, die ein ungeregeltes Leben führen. Sie arbeiten nicht, sondern treiben sich unnütz herum. Ich ermahne sie im Namen des Herrn Jesus Christus mit allem Nachdruck, dass sie einer geregelten Arbeit nachgehen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.» (2. Thessalonicher 3,11-12 NeÜ)

Wo bleibt denn hier die christliche Nächstenliebe? Alles hat seine Grenzen, würde ich darauf erwidern. Henry Cloud und John Townsend schreiben in ihrem genialen Buch «Nein sagen ohne Schuldgefühle» über die Unfähigkeit, angemessene Grenzen zu ziehen. Klare Grenzen seien wichtig, um ein ausgewogenes Leben zu führen. «Grenzen definieren, wer wir sind und wer wir nicht sind.» Es sei eines der ernsthaftesten Probleme von Christen heute, weil sie denken, sie dürfen nicht nein sagen.

Gesunde Grenzen setzen

Da ich selbst kein Psychologe oder Familientherapeut bin, schätze ich umso mehr die Weisheit, die ich aus solchen Büchern lernen kann. Deshalb lasst uns einen kurzen Exkurs in dieses Buch wagen, wenn die beiden Experten Cloud und Townsend über das Thema «Verantwortlichkeit» schreiben (S. 90):

«Probleme entstehen dann, wenn Verwirrung über die Grenzen herrscht, was Verantwortung betrifft. Wir sollen einander lieben, nicht einander ersetzen. Ich kann seine Gefühle nicht für ihn fühlen. Ich kann nicht für ihn denken. Ich kann nicht für ihn handeln… Kurzgesagt, kann ich nicht für einen anderen Menschen wachsen wollen; das kann nur er selbst. Genauso kann nicht ein anderer für mich reifen.»

Ein weiterer Aspekt in der Gegenseitigkeit von Verantwortung, den Cloud und Townsend betonen, liegt darin, dem destruktiven Verhalten eines anderen Grenzen zu setzen. Es sei nicht gut, jemanden vor den Konsequenzen seiner Sünde zu erretten oder ihn vor den Konsequenzen zu bewahren. Damit würden wir die destruktiven Muster nur erhärten, wie es in Sprüche 19,19 steht: «Wer im Jähzorn handelt, muss bestraft werden. Denn wenn du ihn schonst, wird’s nur schlimmer.»

Es sei dieselbe Grenze, die in Bezug zu Erziehung zu beachten sei. «Es ist schlecht, keine Grenzen mit anderen zu haben. Es führt sie ins Verderben (Sprüche 23,13-14).

Bin ich dann noch «Täter des Worts»?

Mit dem Wissen um diese Grenzen, die uns im Zusammenleben schützen und gesund halten, kann es uns gelingen, Täter des Worts zu sein, ohne in ein Helfersyndrom zu verfallen. Unsere Ressourcen und Möglichkeiten sind nun mal nicht unbegrenzt. In diesem Licht sollten wir die Verse wie Jakobus 2,15-17 oder Sprüche 3,27 lesen. Bei Sprüche 3,27 sollten wir den ganzen Vers betrachten: «Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag.» Kann es sein, dass dieser zweite Teil, «wenn deine Hand es vermag» ein Hinweis auf unsere eigene aktuelle Konstitution und unsere aktuellen Prioritäten (Grenzen!) darstellt? Ist diese Not eines Mitmenschen eine berechtigte Unterbrechung, auf die ich eingehen und mit Hilfsbereitschaft reagieren sollte? Oder ist vielleicht jetzt vielmehr dran, ohne Schuldgefühle nein zu sagen, um meine Kräfte für die Sache einsetzen zu können, die mir Gott für die jetzige Lebensphase aufgetragen hat?

Wir sollten nicht vergessen, dass auch Jesus gesunde Grenzen gezogen hat. Manchmal war es einfach genug. Die Not schrie zwar immer noch, doch Jesus zog sich an einen stillen Ort zurück, um zu beten und sich zu regenerieren.

Bleiben wir vorsichtig, dass wir vor lauter Nächstenliebe unsere Mitmenschen nicht verhätscheln. Vielmehr sollen sie in ihrer Würde der Autonomie gestärkt werden und nur dann Hilfe erhalten, wenn sie wirklich nötig ist. Möge der Herr dir und mir am heutigen Tag die Weisheit geben, in unserem Liebesdienst am Nächsten richtig zu entscheiden!

Mehr zum ganzen Themenbereich von Resilienz und Überbehütung hier im Video von TBN Deutsch:

Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er liebt es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren und als Brückenbauer in der christlichen Szene zu wirken. Flo ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus zu Livenet. 2023 hat er die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Als Talkmaster, Redaktor und Redaktionsleiter Hope Schweiz bringt er seine Stimme jedoch weiterhin auf allen Livenet-Portalen ein. 

Datum: 25.09.2026
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

Publireportage
Werbung
Livenet Service
Werbung