«Ohne Visionen verkommt ein Volk»
«Ohne Visionen verkommt ein Volk.
Wenn es sich an Gottes Gebote hält,
ist es glücklich zu schätzen.»
Sprüche 29,18 / BasisBibel
Eigentlich erstaunlich, dass ich erst in meinem insgesamt 25. Impuls aus dem Buch der Sprichwörter diesen vielzitierten Vers zu den fehlenden Visionen ins Zentrum stelle (alle vorherigen Impulse sind übrigens hier im Dossier gesammelt). Ob im persönlichen Leben, in der kleinen Zelle einer Familie oder in grossen Unternehmen oder Staatswesen: Überall steht die simple Wahrheit am Anfang, dass ohne gemeinsame Vision nichts Starkes, Schönes und Tragfähiges entstehen kann.
«Menschen vermissen eine positive Zukunftsvision»
Eine positive Zukunftsvision sei das, was in Deutschland schmerzlich vermisst werde, sagt Katja Hoyer. Die Historikerin, die selbst in der DDR aufwuchs und den Bestseller «Diesseits der Mauer» geschrieben hat, sieht die AfD als einzige Partei, die das ostdeutsche Lebensgefühl positiv genutzt hat und jene realen Probleme anspricht, die von anderen Parteien ignoriert werden.
Im NZZ-Feuilleton vom 12. September gibt sie ein konkretes Beispiel: «Im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt gibt es einen langen Abschnitt über die niedrige Geburtenrate, und wie die Partei diese mit ihrer Familienpolitik erhöhen will – die in weiten Teilen auch krass anmutet. Die anderen Parteien sagen einfach, die demografische Entwicklung ist so, wie sie ist, das einzige Mittel gegen die Entvölkerung ist die Einwanderung.» Sie sage damit nicht, dass die AfD mit ihren Lösungen richtig liege, so Hoyer weiter, aber die AfD spreche als einzige Partei das Thema an, das die Menschen im völlig überalterten Bundesland sehr beschäftige.
Politikwissenschaftler Jacob Ross, der zu Rechtspopulismus in Europa forscht, macht sich Sorgen über das Auseinanderdriften nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa: Er hält es für nicht ausgeschlossen, «dass in fünf Jahren Le Pen, Meloni und Weidel Schlüsselpositionen in Europa innehaben», wie er im SonntagsBlick vom 13. September zu Protokoll gab.
Gute oder schlechte Hirten
In Deutschland scheint sich das Volk einig darüber zu sein, dass die aktuell Regierenden wenig auf die Reihe kriegen. Dafür steht das Erstarken der «Alternative für Deutschland», die auch am Sonntag bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin mit Spitzenergebnissen rechnen kann; dafür stehen auch Umfragewerte: Nur acht Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit von Friedrich Merz zufrieden. Für Historikerin Katja Hoyer ist offensichtlich, dass die Menschen ihren Zukunftsoptimismus verloren haben – in Deutschland mehr als in vielen anderen Ländern.
Die Angst geht um, dass dieses Vakuum von extremen, diktatorischen Figuren genutzt werden könnte, wie damals Anfang der 1930er Jahre in der Weimarer Republik. Katja Hoyer glaubt aber, dass wir noch ein grosses Stück von diesen Zuständen entfernt sind. Ich zitiere nochmals einen Teil aus dem NZZ-Interview vom 12. September: «Es heisst, Hitler sei an die Macht gewählt worden. Das stimmt in der Hinsicht, dass er die grösste Partei angeführt hat – die allerdings bei den freien Wahlen bis einschliesslich 1932 weniger Stimmen hatte als die AfD in Sachsen-Anhalt. Die Wählerstimmen allein haben nicht ausgereicht, um die Weimarer Republik in eine Diktatur zu verwandeln. Dazu brauchte es Gewalt. Hitler hatte Hunderttausende Männer hinter sich, die die ganze KPD ausgeschaltet und für Terror auf den Strassen gesorgt haben. Eine solche Kampftruppe hat die AfD nicht, auch die anderen Rechtsparteien in Europa haben das nicht.» Die heutigen wirtschaftlichen Probleme seien zudem nicht mit der damaligen Weltwirtschaftskrise zu vergleichen. Heute hätten nicht Millionen von Leuten Angst vor der Obdachlosigkeit.
Als weiteren hoffnungsvollen Punkt hebt die Historikerin hervor, dass auch charismatische Demokraten den Menschen wieder Hoffnung geben könnten. So habe zur gleichen Zeit Roosevelt in den USA die Wahl gewonnen – und etwas später Churchill in Grossbritannien.
Das Kapitel 34 im Buch des Propheten Hesekiel bietet viel Anschauungsunterricht über schlechte und gute Hirten. Die einen sind korrupt und scheren sich weder um Gott noch um sein Volk. Die anderen führen ihre Schafe umsichtig, gerecht und liebevoll. Ab Vers 11 stellt sich Gott selbst als guten Hirten vor, der sich um seine Herde kümmern will und stimmt ein wunderschönes Loblied auf den kommenden Messias an.
Die schönste Vision wurde schon geschrieben
Wenn’s ums Thema Vision geht, denke ich oft an den Weltbestseller «Leben mit Vision» von Rick Warren, den ich als junger Christ gelesen habe. Das Buch beginnt mit dem einfachen Satz «Es geht nicht um Sie.» Wie sehr wünschte ich mir, dass auch heutige Politiker diese höhere Vision entdecken dürften. Denn die grösste Erlösungsgeschichte wurde bereits geschrieben!
Aber es scheint, dass kaum jemand dem Vorbild und der immer noch hörbaren Stimme des Guten Hirten (Johannes 10,27) Aufmerksamkeit schenken möchte. Dies ist das zentrale Versäumnis, das zum Verwildern oder zur Zügellosigkeit eines Volkes führt. Ohne Gottes Weisung oder Offenbarung kann ein Volk nicht aufblühen (Sprüche 28,18 nach Hoffnung für alle).
Auch die Schweiz hat Hausaufgaben zu machen
Auch dem Schweizer Volk drohen Solidarität und Zusammenhalt zunehmend abhandenzukommen. Die Fragmentierung befeuert egoistisches Handeln. Die Vereinzelung lässt viele Jugendliche – und auch Erwachsene – den Bezug zu einer gemeinsamen Welt verlieren. Durch Social-Media-Algorithmen wird oft ein Weltbild vermittelt, das nur auf Status, Macht und rasche Selbstbereicherung setzt. Politisches oder soziales Engagement oder Handeln ohne unmittelbaren Eigennutz wird vor allem von Jüngeren als naiv abgetan.
Hinzu kommt, dass die meisten den Glauben an einen Gott, der Hirten einsetzt, denen er gute Visionen schenken kann, ohnehin aufgegeben haben. So werden am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag nur wenige Romantiker (wir Christen) daran festhalten, dass es auf Gottes Gnade ankommt, dass er sich unverdienterweise einem Volk zuwendet.
Auch wir Schweizer sollten uns zum Eidgenössischen Dank-, Buss und Bettag zwingend Fragen zu unserer gemeinsamen Vision gefallen lassen. Pfarrer Bernhard Rothen betont im aktuellen Livenet-Talk zurecht, dass Eidgenossen von aktiven Staatsbürgern mehr und mehr zu Konsumenten verkommen, die nicht bereit sind, sich dem Druck eines öffentlichen Amts auszusetzen (hier geht’s zum Gespräch mit Pfarrer Rothen). Werden wir uns aufwecken lassen und geprägt vom Vorbild des Guten Hirten mutig die Gesellschaft mitprägen?
Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er liebt es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren und als Brückenbauer in der christlichen Szene zu wirken. Flo ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus zu Livenet. 2023 hat er die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Als Talkmaster, Redaktor und Redaktionsleiter Hope Schweiz bringt er seine Stimme jedoch weiterhin auf allen Livenet-Portalen ein.
Datum: 18.09.2026
Autor:
Florian Wüthrich
Quelle:
Livenet