Ergänzen statt Seilziehen
Dem Buch ging ein Wachstumsprozess voraus, erinnert sich die Theologin und Autorin Debora Sommer: «Zunächst habe ich das Buch ‘Die leisen Weltveränderer’ über introvertierte Christen geschrieben.» Ein Verlag gab dem Werk keine grosse Chancen. «Man dachte: ‘Wen interessiert das schon?’» Doch die Resonanz überraschte, so die Autorin im Talk mit Livenet-CEO Flo Wüthrich.
«Wir merkten, dass das wirklich ein Thema ist, das nicht nur uns, sondern viele beschäftigt. Wir stiegen in einen Prozess ein und waren auch mit Paaren unterwegs. Dabei entstand der Wunsch, dass wir von dem, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, auch anderen Mut machen können. Dass Unterschiedlichkeit nicht bedeutet, dass es schwierig ist und immer anstrengend bleiben muss. Sondern dass man eine andere Perspektive gewinnen kann. Es liegt auch ein Megaschatz in der Ergänzung. Aber es braucht einen Weg dorthin.» Diesen beschreibt das Paar im gemeinsamen Werk «Intro liebt Extro».
Ein Auftrag entsteht
Sie habe nicht danach gesucht, Menschen zu begleiten. «Dann wurde die Resonanz so gross, dass ich gemerkt habe, dass offenbar ein Auftrag da ist.» Als besonders schön empfindet sie Beratungen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Rolf durchführt. Rolf Sommer erklärt:
«Das ist ein grosser Schatz, den wir gewonnen haben. Das Wissen, das wir uns angeeignet haben, und dass wir das in der Familie bewusst wahrgenommen haben, uns dort entdeckt haben, die Ergänzung gesucht und gefunden haben und auch die Stärken miteinander multiplizieren konnten, hat uns natürlich einen grossen Fundus gegeben.»
Der Schlüssel
Rolf Sommer wirft die Frage auf, wie man Energie tankt. Ob im Alleinsein oder in der Interaktion mit anderen. «Darin liegt der Schlüssel. Wenn man das verstanden hat, kann man viele Reaktionen und Bedürfnisse des Partners ganz neutral einordnen und muss es nicht immer als Affront oder Provokation oder Desinteresse verstehen.» Man stelle vielmehr fest, dass jeder ein Bedürfnis hat, das der Persönlichkeit entspricht. «Das muss gegeben sein, sonst funktioniert dieser Mensch nicht richtig.»
Debora und Rolf Sommer sind «eigentlich auch aus dieser Verzweiflung heraus an den Punkt gekommen. Weil wir gemerkt haben, dass es schwierig ist. Aber wir konnten es auch nicht in Worte fassen.» Es habe sich angefühlt, als wäre sie, Debora, das Problem. «Und weil ich so einen schlechten Selbstwert hatte, habe ich das auch effektiv geglaubt. Ich habe wirklich immer gedacht, es wäre schon einfacher, wenn ich hier nicht so kompliziert wäre.»
Sie sei überfordert gewesen. «Dann kam die Anfrage des Verlages an mich. Sie haben jemanden gesucht, der über das Thema Introversion aus christlicher Perspektive schreibt.»
Plötzlich neue Seite entdeckt
Das Buch brachte auch dem Paar neue Erkenntnisse. «Ich habe vorher immer gedacht, dass es auch dem geschuldet ist, dass ich acht Jahre älter bin als meine Frau.» Sie wäre noch jung, müsse noch mehr ins Leben hineinwachsen und reifer werden. Sie würden sich mit der Zeit ähnlicher und solche Sachen würden weniger ein Thema sein.
Als Erstleser erkannte er in den Zeilen plötzlich eine neue Seite, «die ich bis dahin überhaupt nicht richtig wahrgenommen habe. Wir waren 20 Jahre verheiratet. Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich gemerkt habe, dass hier eine grosse Not ist, die ich nie gesehen habe. Das hat mich berührt. Und was ganz wichtig war, und das war ein ganz entscheidender Moment, dass ich realisiert habe, dass es neben meiner Lebensrealität noch eine andere gibt.»
Den vollständigen Talk gibt es hier:
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 15.09.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet