Nachgefragt

Beim Erfinder Jesus gibt’s Lösungen

Anita Panzer sieht im Rückblick, dass sie manchmal mehr Führung von Gott erlebt hat, als sie erkannt hat.
Die vielseitig engagierte Kommunikations-Expertin verliess das Bündnerland und wurde im Solothurnischen heimisch. Heute gibt Anita Panzer von ihrem reichen Schatz an Erfahrungen aus Politik und Kommunikation auch in Beratungen weiter.

Krisenkommunikation, Workshops und Moderationen plus professionelle Wanderleitung sowie Verwaltungsrats- und Stiftungsmandate sind Felder, in denen Anita Panzer wirkt. Dabei drückt ihr Herz für Menschen immer wieder durch.

Im Livenet-Interview berichtet sie von einem Trick beim Hüte-Jonglieren, Brückenbauen bei Kirche und Politik und Gottes Unterstützung im Rückspiegel. Damals selber in einer Jugendgruppe gefördert, hat die 55-Jährige auch Ideen, wie man Junge in Engagements einbeziehen kann.

«Ich war mir nie zu schade, mich nach Chancen zu bücken»

Als ehemalige Gemeindepräsidentin von Feldbrunnen-St. Niklaus war Anita Panzer an diversen Schnittstellen tätig, hatte jedoch immer den Menschen im Fokus. Es freut sie auch, dass Wertschätzung der Politik gegenüber den Kirchen zum Ausdruck kam, indem sie wiederum Gelder in Millionenhöhe für die drei Solothurner Landeskirchen gesprochen hat. Roland Streit war für Livenet mit der aktiven Brückenbauerin im persönlichen Austausch.

Wie hat sich dein neuer Mix von Arbeitsbereichen eingependelt und was ist dein Trick, diverse Hüte gut zu jonglieren?
Anita Panzer:
Eigentlich erstaunlich gut. Mein berufliches Leben ist heute ein bunter Strauss: Kommunikationsberatung, Krisenkommunikation, Workshops und Moderationen mit «apacom», dazu Wanderleiterin mit «apatrek» sowie Verwaltungsrats- und Stiftungsmandate. Diese Vielfalt entspricht mir, und es wird mir garantiert nicht langweilig. 

Der Trick beim Jonglieren ist wahrscheinlich, dass die Hüte gar nicht so verschieden sind. Im Kern geht es fast überall um Menschen: zuhören, verstehen, vermitteln und Verantwortung übernehmen. Früher dachte ich oft: Eine spannende Chance? Packen! Heute frage ich stärker: Passt das zu meinen Werten? Macht es mir Freude? Mein Vorsatz mit 55 war: Lebensqualität vor materiellen Werten und weniger ist oft mehr. Das gelingt mir noch nicht perfekt – aber die Richtung stimmt.

Wie siehst du das Zusammenspiel von Kirche, Politik und Gesellschaft – wie kann das gelingen?
Für mich haben alle drei letztlich dieselbe Aufgabe: Sie sollen den Menschen dienen – nicht umgekehrt. Ich habe in der Politik immer versucht, zuzuhören und pragmatische Lösungen zu suchen, unabhängig davon, aus welcher Partei eine gute Idee kam. Dasselbe wünsche ich mir von der Kirche. Sie sollte weniger um ihre Strukturen kreisen und stärker fragen: Wo werden wir heute gebraucht? Wo sind Menschen einsam, überfordert oder auf der Suche nach Orientierung?

Dabei hilft mir der Gedanke «zurück zum Erfinder»: Wie hat Jesus gelebt? Er ist auf Menschen zugegangen, gerade auf jene am Rand der Gesellschaft. Wenn Kirche diese Haltung lebt und eine Sprache findet, die heutige Menschen verstehen, kann sie eine wichtige Brückenbauerin in unserer Gesellschaft sein. Die Politik hat sie überzeugt: Der Kantonsrat hat Ende Juni die zehn Millionen Franken jährlich aus dem Finanzausgleich für die drei Landeskirchen wieder zugesprochen, weil er die Wichtigkeit der gesamtgesellschaftlichen Leistungen der Kirchen sieht.

«Vielleicht täte uns sogar die alte rotarische Vier-Fragen-Probe gut: Ist es wahr? Ist es fair? Fördert es Freundschaft? Dient es dem Wohl aller? Wenn wir vor dem nächsten gehässigen Kommentar kurz darüber nachdenken würden, wäre schon einiges gewonnen.»

Wie könnte die Polarisierung in Gesellschaft und Politik und damit der teils aggressive Ton wieder gemässigter werden?
Indem wir wieder lernen, hart in der Sache und respektvoll mit den Menschen zu sein. Heute stecken wir einander unglaublich schnell in Schubladen und glauben dann bereits zu wissen, wie jemand denkt. Das verhindert echte Gespräche. Ich habe in meiner politischen Zeit bewusst nie auf Personen gezielt und gute Ideen nicht danach beurteilt, von welcher Partei sie kamen. Wir müssten wieder neugieriger werden: Warum denkt jemand anders als ich? Welche Erfahrung steckt dahinter? Ich muss die Meinung danach nicht teilen – aber ich kann den Menschen respektieren. Vielleicht täte uns sogar die alte rotarische Vier-Fragen-Probe gut: Ist es wahr? Ist es fair? Fördert es Freundschaft? Dient es dem Wohl aller? Wenn wir vor dem nächsten gehässigen Kommentar kurz darüber nachdenken würden, wäre schon einiges gewonnen.

Wie können Weichen für Freiwilligenarbeit gestellt werden, damit die junge Generation mitgenommen wird?
Ich glaube, wir müssen akzeptieren, dass sich junge Menschen oft anders engagieren wollen. Das klassische Modell – zuerst jahrelang mitlaufen und irgendwann ein Amt übernehmen – funktioniert immer weniger. Viele möchten Verantwortung übernehmen, aber projektbezogener und mit mehr Gestaltungsspielraum. Darauf müssen sich Vereine, Kirchen und Parteien einstellen: Aufgaben überschaubar machen, Verantwortung wirklich übertragen und nicht erwarten, dass alles zuerst «wie früher» gelernt wird. Ich habe selbst in einer christlichen Jugendgruppe erlebt, wie prägend das sein kann. Dort durfte ich debattieren, organisieren und Verantwortung übernehmen. Vieles, was mich später beruflich und politisch getragen hat, habe ich dort gelernt. Junge Menschen wollen nicht nur helfen – sie wollen mitgestalten.

Hast du zwei, drei Beispiele, wie du Gottes Führung oder Unterstützung im Alltag erlebt hast?
Letzthin habe ich in Saas Fee einen mir bekannten jungen Bergführer getroffen. Wir stiegen am selben Tag zum gleichen Zeitpunkt in dasselbe Bähnli. So ein Zufall. Er hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass der Weg, den ich mit meiner Gruppe nehmen wollte, wegen Steinschlaggefahr gesperrt sei. Das war auf der digitalen Karte so nicht eingetragen. Ich bin überzeugt, dass es eben nicht Zufall war, dass wir zum selben Zeitpunkt am selben Ort waren. Sonst bin ich zurückhaltend mit der Aussage: «Das hat Gott jetzt so gemacht.» Aber im Rückblick gibt es Momente, in denen ich denke: Vielleicht war da mehr Führung drin, als ich damals erkannt habe.

Ein Beispiel ist mein Scheitern bei der Regierungsratsnomination 2017. Damals brach für mich eine Welt zusammen. Heute sage ich: Zum Glück ist es anders gekommen. Ich hätte vieles aufgeben müssen – meine Kommunikationsfirma, meine Tätigkeit als Wanderleiterin. Aus der damaligen Niederlage sind Freiheiten entstanden, für die ich heute dankbar bin. Hier liess Gott wohl einen Kelch an mir vorübergehen.

Ein weiteres Beispiel sind Menschen, die im richtigen Moment auftauchen, Türen öffnen oder mir etwas zutrauen. Vieles in meinem Leben war nie minutiös geplant. Ich war mir aber auch nie zu schade, mich nach Chancen zu bücken. Und schliesslich erlebe ich Gottes Nähe oft in den Bergen. Dort werde ich stiller, Probleme rücken in die richtige Perspektive, und ich spüre Dankbarkeit und Ehrfurcht. Ich glaube an einen Gott, der mich begleitet, mir Menschen und Möglichkeiten auf den Weg gibt – und dessen Führung ich manchmal erst Jahre später im Rückspiegel erkenne.

Zur Webseite:
Apatrek
Apacom

Zum Autor: Roland Streit liebt Wort-Spielereien und -Schöpfungen. Er sieht es als Privileg beruflich mit Sprache arbeiten zu können. Als Verkäufer hatte er meist persönlich und mündlich gewirkt, später in der Jugendarbeit kam noch mehr Schriftliches dazu. So fand er im Radio die journalistische Kombination und seit rund zehn Jahren bei Livenet die nächste Station (nicht Radio-Station). 

Datum: 14.09.2026
Autor: Roland Streit
Quelle: Livenet

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