Leiter-Inspiration

Dienende Leiterschaft: Leiten nach dem Vorbild Jesu

Aus der Bibel können wir viele Dinge über Leiterschaft erfahren.
Die Leitenden im Alten und Neuen Testament waren nicht mehr berufen als wir Leitenden heute. Jeder von ihnen war in seinem Leben und Dienst auf unterschiedlichste Weise herausgefordert, angefochten und erlitt Schmerzen. Auch Jesus.

Alles rund um Jesus war von Anbeginn fragwürdig – auf Schmerzen angelegt, könnte man fast sagen. Schon sein Stammbaum enthält. Menschen zweifelhafter Herkunft mit einer  gebrochenen Biografie. Seine Mutter Maria wurde vorehelich und als Jungfrau mit ihm schwanger. Zum Glück erklärte ihr ein Engel diese Situation. Josef wollte sie daraufhin heimlich verlassen, doch auch ihm erschien ein Engel und klärte ihn auf. Gesellschaftlich stand das Paar in grosser Erklärungsnot.

Zur gleichen Zeit mussten aufgrund von einer vom Kaiser angeordneten Volkszählung alle Menschen an ihre Geburtsorte zurückkehren. Damit wurden Josef und Maria obdachlos. Jesus wurde in einem Stall geboren, weil es nirgendwo eine freie Unterkunft in Bethlehem gab. Und später wollte der König Herodes ihn umbringen lassen, weil er sich in seiner Macht bedroht sah. Da flüchtete die junge Familie nach Ägypten. Ein obdachloser Flüchtling, jenseits aller gesellschaftlichen Normen – so hatten die Juden sich das nicht vorgestellt, den Retter der Welt willkommen zu heissen (Lukas 2).

Schon sehr schnell wurde klar, dass Jesus eine Mission hatte, die weder seine Eltern noch Freunde verstanden. Nachdem er seinen Dienst als 30-Jähriger begann, muss seine Familie gedacht haben, er sei verrückt geworden. Er tat mit einem Mal Dinge, die normale Menschen nicht taten. Jesus hatte eine Vollmacht, die die Menschen magisch anzog und die er durch Wunder und Taten demonstrierte.

Ein Leben im Gegenwind

Im Laufe seines dreijährigen Wanderlebens wurde er von den Ausgestossenen geliebt, aber kritisiert und verdammt von denen, die von sich behaupteten, Gott selbst zu repräsentieren. Die kirchliche Obrigkeit sah in Jesus einen Vielfrass und Säufer, der ein Kumpan von Zolleinnehmern und Sündern war. Sie unterstellten ihm, dass er die bösen Geister nur austreiben könne, weil der oberste aller bösen Geister ihm die Macht dazu gegeben habe (Markus 3,22).

Konstant stellten sie ihm Fallen, um Anklagegründe gegen ihn erheben zu können. Öffentliche Anklage war für Jesus ein Dauerzustand. Stellte er sich oder seine Berufung infrage? Nein, Jesus wusste, wer er war und was sein Auftrag war. Er stand sicher. Und er kannte sehr genau die Gesetze und Gebote, aber er legte sie anders aus als die kirchlichen Leitenden. Er kritisierte die, die mit ihrem Gesetzesverständnis die Menschen drangsalierten. Vor Gegenwind hatte er keine Angst – ich würde so weit gehen, zu behaupten: Gegenwind löste bei Jesus nicht einmal Schmerzen aus. Er stand auf der Seite aller Unterdrückten, ob nun Kinder, Frauen oder Männer.

Selbst Freunde stellten sich gegen ihn

Selbst seine engsten Freunde verstanden nicht wirklich, warum Jesus in diese Welt gekommen war. Auch solches permanente Unverständnis könnte jemanden in Leitungsposition in Selbstzweifel ziehen, sogar in innere Not, Unterstützer und Freunde zu verlieren. Aber Jesus gab dieser Angst keinen Raum, er sprach sie klar an (zum Beispiel in Matthäus 16,13-19).

Während Jesus im Garten Gethsemane wusste, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte, bat er seine Freunde, mit ihm zu beten. Er selbst ging mit seinem Schmerz und inneren Druck in das intensive Gespräch mit seinem Vater. Allein hätte er den Schmerz nicht aushalten können. Doch statt mit ihm zu beten, schliefen seine Freunde ein. Jesus benannte direkt seine Enttäuschung, denn dass sie nicht mit ihm wachen konnten, liess ihn nicht kalt (Matthäus 26,36-36). Er musste sich aber nicht nur ihrem körperlichen Einknicken stellen, sondern auch Intrigen, Verleugnen und Verrat. Er wurde sogar verkauft, von einem engen Vertrauten, wie es Prophezeiungen vorausgesagt hatten. Wir alle kennen die Geschichte von Judas, der gegen 30 Silberlinge den Römern zeigte, wen sie festnehmen mussten. Und von Petrus, der in der Nacht der Gefangennahme aus Angst, selbst verhaftet zu werden, verleugnete, Jesus zu kennen. Schmerzte Jesus dieser Verrat? Ja, ich denke schon. Genau wie bei allen anderen Jüngern hatte er an das Veränderungspotenzial in Judas geglaubt.

Obwohl er wusste, dass Judas ein Dieb war (Johannes 12,6), vertraute er ihm zum Beispiel die Kasse an. Er reagierte aber weder im Zorn noch in Verbitterung auf den Kuss, mit dem Judas ihn verriet, oder darauf, dass Petrus sich nicht zu ihm stellte. Er hatte Wahrheit und echtes Mitgefühl für sie. Anstatt sich verletzt gegen seine Freunde und Jünger zu stellen, sie als Versager abzustempeln, reagiert er auf diesen Schmerz mit bedingungsloser Liebe.

Bewusster Gehorsam

Jesus war keine Marionette Gottes. Es war seine eigene Entscheidung, im Gehorsam Gott gegenüber die schlimmste Folter zu ertragen. Was für eine Not muss das gewesen sein, die Jesus hier ausgehalten hat? Eine wunderschöne Prophezeiung über den Messias vom Propheten Jesaja nennt ihn den «Mann der Schmerzen». Hier steht:

«Er wuchs vor ihm auf wie ein Spross; er entsprang wie eine Wurzel aus trockenem, unfruchtbarem Land. Sein Äusseres war weder schön noch majestätisch, er hatte nichts Gewinnendes, das uns gefallen hätte. Er wurde verachtet und von den Menschen abgelehnt – ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut, jemand, vor dem man sein Gesicht verbirgt. Er war verachtet und bedeutete uns nichts. Dennoch: Er nahm unsere Krankheiten auf sich und trug unsere Schmerzen. Und wir dachten, er wäre von Gott geächtet, geschlagen und erniedrigt! Doch wegen unserer Vergehen wurde er durchbohrt, wegen unserer Übertretungen zerschlagen. Er wurde gestraft, damit wir Frieden haben. Durch seine Wun den wurden wir geheilt! Wir alle gingen in die Irre wie Schafe. Jeder ging seinen eigenen Weg. Doch ihn liess der Herr die Schuld von uns allen treffen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt und gab keinen Laut von sich. Wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und wie ein Schaf vor seinem Scherer verstummt, so machte auch er den Mund nicht auf. Er wurde aus der Haft und dem Gericht genommen … Zwar wies man ihm ein Grab unter Sündern zu, doch wurde er in das Grab eines reichen Mannes gelegt, weil er kein Unrecht getan hatte und kein Betrüger war. Doch es war der Wille des Herrn, ihn leiden zu lassen und zu vernichten. Wenn sein Leben jedoch als Opfer für die Sünde dargebracht wird, wird er viele Nachfolger haben. Er wird lange leben und die Absichten des Herrn werden durch seine Hand gedeihen.» Jesaja 53,2-10

Die Sünden der Welt trennten ihn von seinem Vater. Es war seine Aufgabe, uns allen, die wir als Leitende seinem Führungsstil folgen, darin voranzugehen, was es heisst, das eigene Leben aus Liebe hinzugeben. Für die, die wir leiten. In dem Moment, als dieser «Mann der Schmerzen» starb, verdunkelte sich die Welt, und der Vorhang im Tempel zwischen dem Allerheiligsten und dem Rest des Tempels zerriss. Und Gott, der Vater, hielt Wort: Drei Tage später weckte er Jesus von den Toten auf. Dadurch schenkte er uns die Möglichkeit, mit und durch Jesus ewiges Leben zu empfangen und Gott mit unserem Leben und in der Art, wie wir leiten, anzubeten. Das ist die Grundlage, die in Jesus gesetzt ist, die auch für unsere Leiterschaft steht.

In ihm, nicht aus uns

Dienende Leiterschaft in dem Massstab, den Jesus uns gegeben hat, heisst, bereit zu sein, unser Leben für die hinzugeben, die wir leiten (Johannes 15,13). Es heisst, die Schmerzen, die mit unserer hohen Berufung zusammenhängen, ausdauernd liebend auszugleichen, geduldig auszuhalten und nachhaltig klar zu konfrontieren, wo Sünde die Ursache ist.

Es wird offensichtlich, dass wir diesem Massstab von Leiterschaft aus uns heraus nie gerecht werden können. Deswegen ist es so entscheidend, dass wir »in ihm« bleiben – wie Jesus es seinen Jüngern und uns immer wieder einschärft. Sonst reagieren wir eben «aus uns» auf Hindernisse, Nöte, Ungerechtigkeiten und Schmerzen. Zum Beispiel so: Während ich mich mit etlichen Leitenden aus der Bibel beschäftige, allen voran Jesus, juckt es mich in den Fingern, diese Menschen aus ihrer Not zu befreien. Schon früher einzugreifen, um Leid zu beenden und sie zu »beschützen« – vor sich selbst und vor anderen. In diesem Zusammenhang schreibt die amerikanische Bloggerin Kimberly Henderson so treffend:

«Ich hätte Josef herausgeholt. Aus dieser Höhle. Aus dem Gefängnis. Aus seinem Schmerz. Ich wäre Gott damit in die Quere gekommen, der das Volk vor der Hungersnot retten würde.

Ich hätte David herausgeholt. Aus der Gegenwart des speerwerfenden Sauls. Aus den Höhlen, wo er sich verstecken musste. Aus dem Schmerz der Zurückweisung. Aber ich wäre Gott in die Quere gekommen, hier einen König nach dem Herzen Gottes zu formen.

Ich hätte Ester herausgeholt. Aus dem Umstand, dass sie nicht als Einzige von ihrer Familie getrennt worden wäre. Aus ihrer Position, die sie sich nicht selbst ausgesucht hatte. Aus dem Weg des bösen Feindes. Aber ich hätte damit Gott die Möglichkeit genommen, durch eine Frau viele Leben zu retten.

Ich hätte Jesus befreit. Vom Kreuz. Vom Weg, der zum Leiden und Schmerz führte. Vom Weg, der Schläge, Nägel und Dornen bedeutete. Aber ich hätte damit der Welt ihren Retter genommen. Die Erlösung. Eine Ewigkeit ohne Leiden und Schmerzen.

Und ich würde dich, Freund und Freundin, am liebsten aus allem Schweren herausholen, das du gerade erlebst. Ich möchte deinen Weg ändern. Ich möchte deinen Schmerz beenden. Aber genau jetzt wäre es genau das Falsche, das ich machen könnte. Es ist nicht meine Aufgabe. Ich würde dir damit eine gute Erfahrung nehmen. Gott weiss, was Gutes durch deinen Schmerz produziert wird. Er kennt das Gute, das aus der Herausforderung erwachsen wird. Er wacht über dich und hält dich selbst in allen Herausforderungen fest. Er versichert dir, dass du ihm vertrauen kannst. Selbst wenn es sich anfühlt, dass es mehr ist, als du zu tragen vermagst.

Anstatt dich aus deiner schwierigen Situation herauszuholen, möchte ich dir Mut machen. Ich knie vor dem Vater und bitte ihn, dir Kraft zu geben. Dir Hoffnung zu geben. Ich bitte ihn, dich zu beschützen und dich in Bewegung zu setzen, wenn die Zeit gekommen ist. Ich bitte ihn, dass du beten und unterscheiden kannst. Ich glaube, dass er dein Leben umfangreich und vielfältig gebrauchen wird. Er wird dir Wege zeigen, die dein Herz demütig und dankbar machen werden für die Reise, die du bisher gegangen bist.»

Die Leitenden im Alten und Neuen Testament waren nicht mehr berufen als wir Leitenden heute. Jeder von ihnen war in seinem Leben und Dienst auf unterschiedlichste Weise herausgefordert, angefochten und erlitt Schmerzen. Im Leben sowie auch in ihrer Leitungstätigkeit. Jeder von ihnen hatte die Wahl, mit Gott oder ohne ihn durch diese Krisen zu gehen. Eine Frau oder Mann nach dem Herzen Gottes zu sein, hiess und heisst nicht, fehlerlos zu sein, sondern Gott bedingungslos und in allem zu vertrauen.

Dies war der letzte Auszug aus dem Buch «Scheitern erwünscht» von Evi Rodemann. Hier geht es zu den vorherigen Teilen des Buches.

Zur Autorin: Evi Rodemann (Jg. 1971) lebt im Grossraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Sie engagiert sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und der «WEA Mission Commission» sowie in ihrem gegründeten Verein «LeadNow». Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Ihr Buch erschien zum Thema «Scheitern erwünscht – warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen».

Zum Buch:
Scheitern erwünscht!

Datum: 09.09.2026
Autor: Evi Rodemann
Quelle: Scheitern erwünscht

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