Livenet-Talk

Gott bleibt treu in einer gespaltenen Welt

Henrik Otto im Livenet-Studio zum Gespräch mit Florian Wüthrich
Vertrauen ist für FEG-Präses Henrik Otto das Schlüsselwort des 21. Jahrhunderts. In einer Zeit von Polarisisierung und Unsicherheit brauche die Gesellschaft mehr denn je den «Kitt», der Menschen verbindet. Auch Christen seien dazu besonders berufen.

Henrik Otto, Theologe und Präses der FEG Deutschland, bezeichnet im Gespräch mit Livenet-CEO Florian Wüthrich Vertrauen als das Schlüsselwort des 21. Jahrhunderts. «Man sieht sehr gut, wie die Welt und die Gesellschaften eher auseinandertreiben, als zusammenfinden», hält er seine Beobachtungen fest. «Es ist nicht leicht, zusammenzubleiben. Leichter ist, sich zu unterscheiden, abzugrenzen, die Pole zu besetzen. Deshalb habe ich mich gefragt: Was hält uns eigentlich zusammen? Was hält die Welt in einer solchen Zeit zusammen?»

«Vertrauen ist der Kitt»

Es gebe unendlich viele Herausforderungen, mit dieser komplexen Welt umzugehen, so Otto weiter. «Mein Eindruck ist: Vertrauen ist im Grunde wirklich der Kitt, der Schlüssel. Es ist das Element, das Menschen zusammenhält und das es uns überhaupt erst ermöglicht, miteinander in dieser Welt zu leben.»

Vertrauen sei in der Bibel auch ein Synonym für Glaube: «Glaube wird so verstanden, dass er im Grunde ein lebenslanger Weg des Vertrauens in Gott ist.» Weiter erläutert Henrik Otto, der auch Mitglied des Präsidiums von «Willow Creek Deutschland» ist, das Glaube auf vielerlei Weise verstanden werden könne: als Ideologie, als Wissenschaft oder als Erkenntnisweg. «All das ist jedoch nicht das, worauf das biblische Verständnis von Glauben abzielt. Vielmehr zielt es auf eine innige, enge Beziehung mit Gott ab. Dafür sind wir geschaffen», erklärt der Theologe.

«Christen wären ideal geeignet …»

Der Kern des Glaubens sei diese Vertrauensbeziehung, wobei Otto es faszinierend findet, dass dies «eigentlich das ist, was der Welt am meisten helfen würde». Wenn Christen bei Gott eine solche vertrauensvolle Beziehung erleben, «dann wären Christen eigentlich ideal geeignet, um der Welt etwas zu geben, das sie wirklich braucht».

Er verweist auf einen Vers im ersten Johannesbrief, wonach Gott Liebe ist. «Ganz kurz. Es geht um die Gleichsetzung von Gott mit dieser Eigenschaft der Liebe. Das gibt es meines Wissens mit keiner anderen Eigenschaft Gottes.» Das könne der Grund dafür sein, warum Gott sich auf Menschen einlässt, die wortbrüchig werden und den göttlichen Level an Treue nicht halten können.

Aus Liebe hingegeben

Aus Liebe sei Gott sogar bereit zu leiden. «Das sieht man nirgendwo mehr als bei Jesus Christus, der das Leiden auf sich nimmt, um seine Liebe durchzuhalten. Wer sich so hingibt, wer sich so um mein Wohl, um unsere Beziehungen und um meine Zukunft bemüht, der ist jemand, dem ich gut vertrauen kann.»

Natürlich sei Misstrauen auch nötig. «Man kann nicht jedem blind vertrauen», differenziert der Theologe. Das wäre nicht in allen Umständen unseres Lebens angemessen. «Aber in einer guten, engen Beziehung hat man das Gefühl, jetzt ist uns etwas Wesentliches verloren gegangen, wenn Misstrauen aufkommt. Ja, das ist wie eine Vergiftung.»

Zwiespältigkeit des Lebens aushalten

Herausforderungen, bei denen es Vertrauen brauche, seien fast der Normalfall, weil die Welt so ambivalent ist. Der Livenet-Talkgast erklärt: «Das Leben sendet ständig zwiespältige Signale. Du erlebst wunderschöne Dinge mit Menschen, in der Natur, in deinem Beruf oder deiner Berufung. Dann erlebst du wieder Dinge, die dem völlig widersprechen. Du denkst, du bist in einer anderen Welt, weil du über Menschen oder dich selbst enttäuscht bist. Du kannst dich selbst nicht verstehen, warum du dieses Level nicht halten kannst, das eigentlich deinem Anspruch entspricht.»

Bei ihm seien Krankheit und Todesfälle in der Familie sehr prägend gewesen. «Sowohl die Mutter meiner Frau, als auch mein Vater sind früh an Krebs gestorben. Wir hätten sie gerne noch bei uns gehabt. Ich glaube, wir wären da nicht so durchgekommen, wie wir es am Ende sind, wenn wir nicht gewusst hätten, dass es ein Abschied auf Zeit ist. Diese Welt ist nicht alles, was Gott für uns vorgesehen hat. Man kann diese Zwiespältigkeit des Lebens nur aushalten, wenn man weiss, dass sich hier nicht alles erfüllen muss, was ich mir ersehne. Und das hilft mir, Vertrauen zu behalten, dass Gott unser Leben am Ende zum Guten vollendet», berichtet Henrik Otto.

Schwere Stunden

Einschneidend war auch, als sein Sohn im Alter von drei Jahren an Diabetes erkrankte. Es wurde der jungen Familie gesagt, dass man gut damit leben könne. «Das ist auch wahr». bestätigt der Familienvater. «Es ist bei weitem nicht die schlimmste Krankheit, die jemand bekommen kann. Aber als junge Familie sein kleines Kind vier, fünf Mal am Tag zu spritzen, ist nicht das, was du dir eigentlich wünschst. Ich weiss noch, dass ich mich vor dem Krankenhaus, in dem mein Sohn behandelt wurde, umgedreht und zu Gott gesagt habe: 'Wenn du ihm diese Krankheit wieder nimmst, dann gehe ich in diesem Krankenhaus in jedes Zimmer und erzähle, dass du es warst, der ihn gesund gemacht hat.' Das habe ich auch ernst gemeint. Ich weiss, dass Gott diese Deals nicht braucht und eigentlich entspricht das nicht meinem Gottesverständnis, aber es war mir in dem Moment egal», blickt er zurück. Doch Gott hat ihm die Krankheit nicht genommen. «Es ist dabei geblieben und ich habe verstanden, dass Gott sagt, dass das der Rahmen für uns ist, in dem wir leben, ihm dienen und in dem er uns zeigt, wer er ist. Heute würde ich sagen, spielt die Krankheit keine grosse Rolle mehr. Mein Sohn ist im Ausland unterwegs, um Gemeinden zu gründen. Gott hatte bereits diesen weiten Blick gehabt und gesagt: ‘Warte mal ab, was ich draus mache.’»

Gemeinden machen Unterschied

Vertrauen sei auch für christliche Gemeinden wichtig. Diese würden in einem Ort oder in einem Quartier einen Unterschied machen, zum Beispiel indem sie Versöhnung stiften oder sich um Leute kümmern, für die sonst niemand da ist.

Henrik Otto erinnert sich an eine junge Frau aus seiner Zeit als Ortspastor: «Sie hat es im Leben nicht leicht, bis heute nicht. Irgendwann sagte sie zu mir: 'Die Gemeinde ist der einzige Ort, an dem ich so sein kann, wie ich bin.‘ Und das war nicht immer einfach. Es gab Reibereien, aber trotzdem hat sie es so empfunden. Solche Geschichten gibt es hundertfach und tausendfach.»

Natürlich gebe es in Gemeinden auch Konflikte, und auch da sei Gottes Gnade nötig. Aber Henrik Otto ist überzeugt: «Wenn die Gemeinde das anerkennt und transportiert, dann ist sie glaubwürdig.»

Zum Talk: 

Datum: 01.09.2026
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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