Leiter-Inspiration

«Ich gratuliere zum Job in der schrecklichen Firma»

Was lernt man denn alles bei der Arbeit?
Wer an einem schrecklichen Ort arbeitet, muss nicht unbedingt einen neuen Arbeitsplatz suchen. Regula Sulser überlegt, was man nebst fachlichem Knowhow in einer Firma lernen kann.

Vor einigen Jahren hatte ich eine Stelle im Büro neu zu besetzen. Ein Bewerber bemühte sich sehr um die Stelle. Er arbeitete zu dem Zeitpunkt in einem Betrieb, wo viel geflucht wurde und er fühlte sich dort gar nicht wohl. So richtig bekümmert sass er mir beim Vorstellungsgespräch gegenüber und weinte fast, als er mit erschöpfter Stimme davon erzählte. Er wolle unbedingt in einem christlich geführten Betrieb arbeiten. An der jetzigen Stelle sei es so schrecklich.

Unsere Verantwortung als Christen

Auch ich hatte früher in meinem Angestelltendasein Arbeitsstellen, wo das Klima unzumutbar und anstrengend war und ich darunter litt. Wenn das gesamte Serviceteam täglich weinend von der Arbeit nach Hause geht, dann stimmt einiges nicht. Aber im Fall dieses Bewerbers hatte ich den Eindruck, dass er seine Verantwortung und vielleicht auch das Leben als Christ nicht erkannte.

Ich sehe die Arbeitswelt als die erweiterte Gemeinde. Einen Ort, wo ich mein Christsein leben kann. Nein, keine Glasglocke für die internen Anlässe. Von Montag bis Samstag. Das ist dann nicht nur Theorie, das ist Alltag, Praxis. Es ist aber auch die Gelegenheit zum Lernen und Wachsen, gerade in sozialen Herausforderungen. Und um einen Unterschied zu machen. Wenn rundherum geflucht wird, soll ich mich unter dem Schreibtisch verstecken oder eine Moralpredigt halten? Was hätte Jesus in der Situation gemacht? Als er mit den Zöllnern am Tisch lag, wurden vermutlich schlechte Witze erzählt. Genau da ging Jesus hin, weil diese Menschen ihn brauchten. Das ist heute noch so.

Chance für Kommunikation und Wachstum

Und läuft denn in einem christlich geführten Betrieb immer alles rund und heiter? Ich weiss nach bald 28 Jahren Betriebsführung mit aktuell 33 Mitarbeitenden, dass ich als Chefin zwar die Grundlage des Betriebsklimas in der Hand habe. Aber auch bei uns gibt es Herausforderungen und Meinungsverschiedenheiten. Vor zwei Jahren sagte eine Bewerberin, dass es bei uns wohl keine Konflikte gäbe, da sie von einer Mitarbeiterin hörte, dass es hier so toll sei zum Arbeiten! «Doch, natürlich», antwortete ich. Da wo Menschen sind, gibt es Konflikte. Aber es kommt darauf an, was wir daraus machen.

Ich sehe sie als Chancen für Kommunikation; Chancen, an Unterschiedlichkeiten zu wachsen und als Team stärker zu werden. Meine Mitarbeitenden kommen aus 13 verschiedenen Nationen, Kulturen und Sprachen. Was für ein Reichtum, voneinander zu lernen und uns zu ergänzen. Das bedeutet aber auch Arbeit (wie in jeder Gemeinschaft). Auch ich musste schon Kündigungen aussprechen, weil zwei Personen in demselben Team nach vielen Gesprächen und Chancen einfach nicht klarkamen. Aber wir haben es versucht und trotzdem dazu gelernt.

Innerlich schon bereit

Mich beeindruckt die Geschichte von Joseph im Alten Testament. Er musste als Sklave hart arbeiten und erlebte massive Ungerechtigkeit. Aber egal, ob er im Knast oder später im noblen Haus des Potifar diente, war er zuverlässig und treu. Und es heisst, dass der Herr ihm alles gelingen liess. Er hatte Glück in allem, was er tat und das fiel auf. Beziehungsweise sein Gott fiel in seinem Wesen auf! Und als er vom Pharao aus dem Knast geholt wurde, um dessen Albträume zu deuten, heisst es, dass er «sich die Haare schneiden und andere Kleider geben liess». Innerlich war er offensichtlich bereit, sofort vor den Herrscher zu treten und ihm zu dienen! Er musste sich nicht zuerst überlegen oder darüber beten, was korrekt war. Er war bereit für eine grössere Aufgabe. Und er wollte äusserlich würdig und innerlich rein vor den Pharao treten! Das erstere war im dreckigen Gefängnis nicht gegeben und musste verändert werden, das zweite jedoch war bereits vorhanden, herangereift.

Unser innerer Zustand hat nichts mit unserer Umgebung zu tun. Das wählen wir selber!

Das will ich auch! Ich will jederzeit bereit sein für eine grössere Aufgabe. Ja, ich würde mir auf jeden Fall überlegen, welches Kleid ich anziehen sollte und die Haare ordentlich frisieren. Doch was müsste ich für mein Innenleben, bzw. für eine grössere Aufgabe noch richten?

In diesem Sinn sage ich dir: Gratulation zu deinem Job an einem Ort, wo Jesus noch nicht bekannt ist. Du bist ein Licht in der dunklen Ecke. Frage Gott, was dein Bürokollege oder die Putzfrau, die deinen Abfallkübel leert, heute braucht. Von dir. Welche Chance!

Zur Autorin: Regula Sulser (*1966) ist Gründerin und Leiterin von Gourmet Domizil, eine Firma, die Senioren mit feinen Mahlzeiten verwöhnt. Sie ist ausserdem Autorin vom Buch «Entschuldigung, dass ich störe».

Datum: 29.07.2026
Autor: Regula Sulser
Quelle: Livenet

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