Anrufbar wie Brian Doerksen
«Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört – der Tag für Tag an meiner Haustür wacht und am Türpfosten auf mich wartet.»
Sprüche 8,34 / BasisBibel
Am 10. Januar 2025, im Rahmen der Einweihung der neuen Büroräumlichkeiten von Campus für Christus in Zürich-Altstetten, habe ich Brian Doerksen letztmals live erlebt. Seine Ausstrahlung, sein demütiges Wesen als Lobpreismusiker werden mir und unzähligen Glaubensgeschwistern immer in Erinnerung bleiben (siehe auch den Nachruf von Reinhold Scharnowski). Unvergessen ist für mich auch sein Auftritt am Openair in Trachselwald BE anlässlich des Gedenkjahres zur Täuferverfolgung 2007.
Momente starker Gottespräsenz
In einem TV-Interview mit dem kanadischen Sender «100 Huntley Street» sagte Brian Doerksen, jedem seiner Lieder seien ganz besondere Gottesbegegnungen vorausgegangen. Beim Lied «Purify my Heart (Refiner’s Fire)» habe ihn der Heilige Geist während einer alltäglichen Autofahrt im Jahr 1989 besucht. «Gott schenkt nicht Lieder, sondern Momente der Berührung. In einem Moment war nichts Spezielles, doch dann plötzlich wurde mein ganzer Körper von einer starken Präsenz des Herrn durchflutet.» Da habe er die Worte «Reinige mein Herz» ganz deutlich, fast akustisch hörbar empfangen. Zurück in der Kirche – Brian war auch Pastor der ersten Vineyard-Gemeinde Kanadas – habe er der Sekretärin gesagt, er sei nicht erreichbar, sie dürfe keine Fragen stellen. Dann ging er direkt in sein Büro, schnappte die Gitarre und schrieb den Song «Refiner’s Fire». Es sollte – ähnlich wie «Here I am to worship» – eine Anbetungshymne für Millionen Christen auf der ganzen Welt werden.
Songtext (deutsche Übersetzung):
«Reinige mein Herz, mach mich rein wie Gold in deinem Feuer. Reinige mein Herz, mach mich rein wie Gold, pures Gold... Feuer des Herrn, danach verlangt mein Herz. Mach mich rein und heilig, dir allein will ich dienen, Herr, mach mich rein, mach mich heilig. Dir allein will ich dienen, mein Meister, und deinen Willen tun.»
«Sprich, dein Diener hört!»
Automatisch erinnern diese Liedzeilen an den bekannten Vers aus Sprüche 4,23: «Mehr als auf alles andere aber achte auf dein Herz, denn es bestimmt, wie du dein Leben führst.» (NGÜ) Oder andere mögen an 1. Samuel 3,9 denken, wo Samuel bei Eli in der Prophetenschule war und lernte, Gottes Stimme zu hören. «Sprich, Herr, dein Diener hört», waren die Worte, die der junge Prophet sprach, als Gott ihn anrief.
Diesen Moment, wo eine transzendente Begegnung zwischen Menschen und Gott geschieht, könnte auch als «Resonanzbegegnung» betitelt werden. Der Begriff stammt vom bekannten deutschen Soziologieprofessor Hartmut Rosa. Er ist womöglich ein unkonventioneller Prophet, da er kein Theologe ist. Wo er als protestantisch geprägter Intellektueller heute in seinem persönlichen Glaubensleben steht, ist mir nicht bekannt. So oder so sind die Gedanken, die er im Buch «Demokratie braucht Religion – gerade jetzt!» geschrieben hat, für Christen wie Nichtchristen sehr erhellend für die Zeit, in der wir leben.
«Diese Krise, so lautet meine These, ist in ihrer Tiefendimension eine Störung der Weltbeziehung. In der spätmodernen Gesellschaft sind wir Menschen auf eine Art und Weise in die Welt gestellt, die dazu führt, dass es uns an der Lust auf das Leben und am Vertrauen in das Leben gleichermassen fehlt. Eben das macht den Kern eines Burnout aus.» – Hartmut Rosa
Die Krise der Anrufbarkeit
Ausgangspunkt für Rosas überzeugenden Ruf nach Religion und Kirche ist der Regierungsantritt von König Salomo in 1. Könige 3,9: «Gib mir, deinem Knecht, ein hörendes Herz. Nur so kann ich dein Volk richten und zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wie sonst könnte man Recht schaffen in deinem Volk, das doch so bedeutend ist?» Salomos Wunsch um Weisheit gefiel dem Herrn, sodass er ihn gerne erfüllte.
Als Soziologe der Gegenwart sieht Hartmut Rosa in diesem «hörenden Herz» einen entscheidenden Schlüssel, um nicht komplett der Diktatur der Ökonomie, Technologie und Digitalisierung zu erliegen. «Diese Krise, so lautet meine These, ist in ihrer Tiefendimension eine Störung der Weltbeziehung. In der spätmodernen Gesellschaft sind wir Menschen auf eine Art und Weise in die Welt gestellt, die dazu führt, dass es uns an der Lust auf das Leben und am Vertrauen in das Leben gleichermassen fehlt. Eben das macht den Kern eines Burnout aus», führt Rosa aus und verweist dabei auch auf die aktuelle «Mental Health»-Krise, die Jugendliche besonders stark betrifft.
Die Kirche habe besondere Möglichkeiten in der Hand, Menschen zurück in diese Berührbarkeit und heraus aus der «Krise der Anrufbarkeit» zu führen. Diverse Studien zeigen tatsächlich, dass in westlichen Ländern die Hoffnung aufgegeben wurde, durch die Steigerung und Optimierung zum guten Leben zu finden. Die Mehrheit der Erwachsenen ist heute davon überzeugt, dass es den Kindern schlechter gehen wird. Umso mehr sieht Professor Hartmut Rosa in diesem Wort «Gib mir ein hörendes Herz» eine eminent wichtige politische Dimension, um wieder positivere Visionen der Zukunft zu bekommen und zu prägen.
Aufhören oder aufwärts hören
Das Wichtigste sei, wie Professor Hartmut Rosa im Büchlein «Demokratie braucht Religion» weiter ausführt, aufzuhören. «Aufhören» sei eines seiner Lieblingswörter. «Einerseits meint dieses grossartige deutsche Wort anhalten, stoppen. Andererseits aber bedeutet das Wort auf-hören auch aufwärts hören; es meint also implizit, dass ich, während ich am Abarbeiten der To-do-Liste bin, innehalte, mich vom Hamsterrad löse, aufwärts höre, nach aussen lausche, mich anrufen und erreichen lasse von etwas anderem, von einer anderen Stimme, die etwas anderes sagt als das, was auf meinem Plan steht und was sowieso erwartbar ist und sozusagen im funktionalen Austausch besteht.»
«Einerseits meint dieses grossartige deutsche Wort anhalten, stoppen. Andererseits aber bedeutet das Wort auf-hören auch aufwärts hören; es meint also implizit, dass ich während ich am Abarbeiten der To-do-Liste bin, innehalte, mich vom Hamsterrad löse, aufwärts höre, nach aussen lausche, mich anrufen und erreichen lasse von etwas anderem, von einer anderen Stimme, die etwas anderes sagt als das, was auf meinem Plan steht und was sowieso erwartbar ist und sozusagen im funktionalen Austausch besteht.» – Hartmut Rosa
Ist das nicht eine wunderbare Einladung zu einer Begegnung mit Gott oder dem Transzendenten ganz allgemein? Mich hat dieser Appell aus der Ecke eines Soziologen total aufgestellt. Als Christ bin ich durch den Heiligen Geist nicht automatisch in diesen Resonanzraum gestellt und erhalte ständig Weisung direkt vom Himmel. Nein, dazu ist nötig, verfügbar zu sein und mich unterbrechen zu lassen, so wie es der Herzensmensch Brian Doerksen immer wieder tat. In solchen Momenten der Berührung werden wir in einer Dimension angesteckt und mit Lebendigkeit erfüllt, wie es kein irdischer Erfolg schaffen kann. Das führt zu ein paar Fragen:
- Wann höre ich auf und mache mich berührbar?
- Gibt es Orte oder Rahmenbedingungen (zum Beispiel Musik), die mir helfen, eher anrufbar zu sein?
Unverfügbar und unplanbar
Wer sich auf diese Weise öffnet, berührbar und verletzbar macht, kann Momente tiefer Berührung erfahren. Doch – und darauf weist der Nichttheologe Rosa treffend hin –, diese Momente sind unverfügbar; man kann sie also nicht herstellen, kaufen oder erzwingen. In seinen Worten: «Es ist vollständig unmöglich vorherzusagen, ob es passiert, an welcher Stelle es passiert und was daraus entstehen wird. Zur Unverfügbarkeit der Resonanz gehört daher ihre Ergebnisoffenheit. Resonanz ist ein schlechtes Instrument, wenn es einem nur um Optimierung geht: Bei Optimierung weiss ich ja stets im Voraus schon genau, was herauskommen soll, welche Kennzahl oder welcher Parameter verbessert werden soll.»
Die Religion gewinne ihre Kraft aus diesem «vertikalen Resonanzversprechen», so Rosa. Dieses stehe für die Überzeugung: Am Grund meiner Existenz liegt nicht das schweigende, kalte, feindliche oder gleichgültige Universum, sondern eine Antwortbeziehung. Er verweist dabei auf das starke Bibelzitat «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein» (Jesaja 43,1) und fragt begeistert: «Wenn das kein Resonanzversprechen ist! Etwas hat mich angerufen und mich gemeint, sogar schon bevor ich da war.»
Diese Frage, wie wir persönlich und die Kirche als Institution diese grossartige Ausgangslage besser nutzen können, wird mich auch nächste Woche im Sprüche-Impuls nochmals beschäftigen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Professor Hartmut Rosa für seinen Mut, diesen Ruf zur Anrufbarkeit so deutlich zu formulieren! Und zum Schluss nochmals ein herzliches Dankeschön an alle Musiker, Künstler, Apostel, Visionäre, manchmal auch Träumer da draussen, die immer wieder bereit sind, aufzuhören und sich berührbar zu machen!
In diesem Video erzählt Brian Doerksen selbst die Geschichte hinter dem Song «Refinder’s Fire»:
Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er liebt es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren und als Brückenbauer in der christlichen Szene zu wirken. Flo ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus zu Livenet. 2023 hat er die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Als Talkmaster, Redaktor und Redaktionsleiter Hope Schweiz bringt er seine Stimme jedoch weiterhin auf allen Livenet-Portalen ein.
Datum: 24.07.2026
Autor:
Florian Wüthrich
Quelle:
Livenet