Impuls aus den Sprüchen

«Wer Geschenke verteilt, hat alle Welt zum Freund»

«Wer Geschenke verteilt, hat alle Welt zum Freund»
Nachdem wir uns letzte Woche dem ersten Teil von Sprüche 19,6 gewidmet haben, der davor warnt, dass Applaus manchmal auch Schmeichelei sein kann, ist heute noch der zweite Teil dran. Starten wir mit einer schönen Anekdote von Alt-Bundesrat Adolf Ogi…

«Wer Geschenke verteilt, hat alle Welt zum Freund.» 
Sprüche 19,6b / BasisBibel

Diese schöne Anekdote verdanken wir Stephan Lehmann-Maldonado. Der Kommunikations- und Marketingspezialist und «goMagazin»-Co-Chefredaktor hat sie neulich auf LinkedIn geteilt (vielen Dank, Stephan!). Mit seiner freundlichen Genehmigung lasse ich heute diese Geschichte in der Sprüche-Serie wirken:

1999, Bern. Der chinesische Präsident Jiang Zemin ist aufgebracht, draussen stehen Tibet-Demonstrierende, und das Servicepersonal hat ihn beim Bundesrats-Dinner auch noch an den falschen Tisch gesetzt. Er will wutentbrannt aufstehen und den Besuch abbrechen. Da packt ihn Adolf Ogi am Ärmel und zieht ihn zurück, wie es zuletzt wohl die Mutter mit Jiang Zemin getan hatte. «Dölf» sieht ihm tief in die Augen und sagt ruhig: «Ich habe etwas viel Besseres für Sie. Das Leben ist zu kurz, um sich zu ärgern.» Dann zückt er einen Schweizer Bergkristall aus der Tasche.

Kein Protokoll, kein Eskalations-Meeting, kein Abwarten, bis der Zuständige entscheidet. Einen Eklat mit einem Stein verhindert.

Alt Bundesrat Moritz Leuenberger hat diese Geschichte am Event «Power Pur – Swiss Print + Media Industry Forum» erzählt. Dabei hat er drei Lektionen gegeben, die mich gepackt haben:

1️⃣ #Leadership ist nicht Titel, sondern Aktion. Ogi war nicht Bundespräsident, hat aber trotzdem Verantwortung übernommen. Das «Ship» in Leadership ist dieselbe Endung wie bei «friendship» – gemeinsam erreichen wir mehr.

2️⃣ Bürokratie und Protokoll kann den gesunden Menschenverstand killen. Gesetze und Prozesse werden heute oft so ausgestaltet, dass kein Spielraum mehr bleibt. Wir haben uns so sehr an Multiple Choice gewöhnt, dass wir verlernt haben, selbständig zu argumentieren, zu differenzieren – und zu handeln.

3️⃣ Freundschaft über Meinungsverschiedenheiten ist eine Voraussetzung für kreative und konstruktive Lösungen. Ogi, Leuenberger und viele andere haben das vorgemacht.

Mir gefällt dieser Ansatz, wie ein mutiges Handeln und ein schlichtes Geschenk im richtigen Moment die Atmosphäre komplett verändern konnte. Die Sprüche verdeutlichen dies auch nochmals in Kapitel 21, Vers 14 (Basis Bibel): 

«Eine kleine Aufmerksamkeit, heimlich zugesteckt, kann einen wütenden Menschen beschwichtigen. Bei unbändigem Zorn hilft ein Geschenk, das man in der Manteltasche dabei hat.»

Mit Herz und Verstand reagieren

Um zu handeln, wie Adolf Ogi beim chinesischen Präsidenten gehandelt hat, braucht es nicht nur Mut, sondern auch die besondere Gabe, Menschen in ihrem Herz zu berühren. Dies ist nur dann möglich, wenn wir lernen, echtes Interesse (Zuhören!) an der Person zu entwickeln und mit unserem Herz wahrzunehmen. So haben wir hoffentlich im entscheidenden Moment noch einen Trumpf im Ärmel.

Um diesen Impuls noch etwas weiter zu fassen: Natürlich sind nicht immer Gesten im Sinne eines Geschenks erforderlich (wer von uns hat schon immer Bergkristalle zur Hand?). Wege zur Versöhnung beginnen oft in unserer Haltung und unseren Worten. Mir gefällt dazu Sprüche 25,15 enorm. Dieser Vers steht dafür, wie mit einfühlsamer Rede auch härtester Widerstand gebrochen werden kann:

«Mit unendlicher Geduld lassen sich Mächtige umstimmen. Mit einer sanften Zunge kann man Knochen brechen.»
Sprüche 25,15 / BasisBibel

Ich wünsche euch viel Weisheit in den nächsten Momenten, in denen spontanes Leadership gefragt ist.

Hier findest du weitere Beiträge der Sprüche-Serie.

Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er liebt es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren und als Brückenbauer in der christlichen Szene zu wirken. Flo ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus zu Livenet. 2023 hat er die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Als Talkmaster, Redaktor und Redaktionsleiter Hope Schweiz bringt er seine Stimme jedoch weiterhin auf allen Livenet-Portalen ein.

Datum: 03.07.2026
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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