Mentoring – die leise Revolution
Ihr seid die Verfasserin und der Verfasser des christlichen Klassikers zum Thema. «Mentoring – das Praxisbuch» erschien erstmals im Jahr 2000. Vor ein paar Wochen kam die 9. Auflage heraus. Ich dachte, ihr ändert ein paar Worte und aktualisiert ein paar Beispiele. Stattdessen habt ihr die eine Hälfte neu geschrieben, die andere richtig überarbeitet. Warum?
Anke: Weil sich in 25 Jahren viel verändert hat. (lacht) Sowohl in der Welt, in der wir leben, als auch in der Frage, was Mentoring ist und wie es gestaltet wird. Und auch wir als Autorenteam haben uns verändert. Vor 25 Jahren war Mentoring noch etwas Neues und Besonderes: Man musste erst erklären, was es bedeutet.
Was ist heute anders?
Anke: Mentoring gibt es inzwischen in Schulen, Universitäten, politischen Parteien sowie in Kirchen und Gemeinden. Mental Health findet heute breite gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Und wir selbst haben in den letzten Jahren viel eigene Praxiserfahrung gesammelt. Das hat unseren Blick weiter geschärft. Themen wie geistlicher Missbrauch oder sexualisierte Gewalt hatten wir damals kaum auf dem Schirm. Auch hier haben wir viel dazugelernt.
Gibt es eine einfache Definition von Mentoring?
Tobias: Es gibt unterschiedliche Definitionen, eine grundlegende Definition ist: «Mentoring ist eine freiwillige und persönliche Eins-zu-eins-Beziehung, die sich je nach beteiligten Personen entwickelt.» In einer etwas ausführlicheren Version könnte man so sagen: Eine Mentorin, ein Mentor fördert Fähigkeiten, Gaben und Potenziale des Mentees, sodass diese oder dieser sich ganzheitlich entwickeln kann.
Viele haben die Vorstellung: Ein älterer Mensch hilft einem jüngeren…
Tobias: Das Grundprinzip ist, dass eine ältere Person ihre Erfahrungen an eine jüngere weitergibt. Der Begriff Mentoring kommt eigentlich aus der griechischen Mythologie. Odysseus war auf dem Weg in den Krieg nach Troja und vertraute seinen Sohn Telemachos zu Hause seinem Freund Mentor mit den Worten an: «Erzähle ihm alles, was du weisst!» Mentor sollte für Telemachos der Begleiter, Führer, Berater und Erzieher sein. Oft wurde danach dieses Prinzip genutzt. Es hat sich dabei weiter ausdifferenziert, sodass sich ganz unterschiedliche Arten von Mentoringbeziehungen entwickelt haben.
Gebt uns doch mal ein paar Beispiele.
Anke: Neben dem eben schon Beschriebenen gibt es zum Beispiel Reverse Mentoring: Jüngere oder weniger erfahrene Personen begleiten da Ältere, zum Beispiel in Fragen der Digitalisierung, Diversity oder des Kulturwandels. Diese Form lebt vom Perspektivwechsel und gegenseitigem Lernen. Dann gibt es Peer-Mentoring: Hier begleiten sich zwei Menschen auf ähnlichem Erfahrungsniveau gegenseitig. Es lebt von Augenhöhe, geteiltem Lernen und einem gemeinsamen Ringen um Entwicklung. Und beim Team-Mentoring begleiten mehrere eine Einzelperson oder ein Team. Verschiedene Perspektiven und Gaben kommen zusammen und fördern eine vielfältige Entwicklung.
Tobias: Und es gibt auch das kollegiale Mentoring: Es ist auch möglich, eine Mentoring-Beziehung unter Gleichaltrigen zu haben. Gerade weil ältere Begleitende schwer zu finden sind, erfreut sich diese Form immer grösserer Beliebtheit. Beide nehmen die gleichberechtigte Stellung als Mentor beziehungsweise Mentorin und Mentee ein und versuchen, sich gegenseitig zu fördern und zu fordern, geistliche Schritte zu gehen und sich gegenseitig Hilfestellung zu geben.
Anderes Thema: Alle reden über Künstliche Intelligenz, hat das eine Bedeutung für das Mentoring-Konzept?
Anke: Gerade in Zeiten der Digitalisierung erlebt Mentoring einen Boom. Viele merken, dass sie Wissen leicht erwerben können – aber geistliche Begleitung, Persönlichkeitsbildung, Werteentwicklung und innere Beziehungserfahrungen eben nicht durch die KI gelernt werden können. Dazu braucht es eine persönliche und vertrauensvolle Auseinandersetzung. Einen sicheren Raum, in dem über Kritik, Korrektur, Ermutigung und Reife und Wachstum gesprochen werden kann.
Wie finde ich den richtigen Menschen, wenn ich einen Mentor, eine Mentorin suche?
Tobias: Das ist eine wichtige und auch nicht ganz einfache Frage, mit der sich viele schwertun, weil man niemand aus seinem Nahfeld nehmen möchte. Deshalb haben wir vor Jahren das Mentoring-Netzwerk gegründet, wo sich über 500 Mentorinnen und Mentoren mit einem Steckbrief zur Verfügung stellen. Da kann man eine Person für sich auswählen, die man passend findet. Das Wichtigste ist, dass eine vertrauensvolle Beziehung wächst, denn die Mentorinnen und Mentoren sollen weder Problemlöser, Gurus noch Retter sein, sondern begleiten. Für die Mentees ist es wichtig, selbst aktiv Kontakt aufzunehmen. In manchen Gemeinden gibt es auch Vermittlungsstellen, die passende Personen zusammenbringen.
Du hast das Mentoring in der Gemeinde angesprochen. In eurem Buch nennt ihr das Kapitel die «leise Revolution».
Tobias: Wir haben gelernt: Die tiefsten Veränderungen geschehen nicht laut, nicht spektakulär und nicht auf der grossen Bühne. Sondern still, vertraulich und im Hintergrund. Mentoring wirkt langfristig: Es verändert Menschen tief im Inneren, stärkt ihren Charakter, fördert geistliche Reife und hilft ihnen, ihren Glauben in den Herausforderungen des Alltags zu leben.
Anke: Und gleichzeitig baut es Vertrauen auf – ein Gut, das man nicht programmieren oder erzwingen kann. Mentoring schafft Räume, in denen Menschen ehrlich sein dürfen, in denen Verletzlichkeit nicht als Schwäche gilt, sondern als Ausgangspunkt für Wachstum. Diese leise Form der Transformation baut ganz nebenbei auch eine neue Generation von Leitenden auf.
Weil sie mitten im Leben in Leitung hineinwachsen.
Anke: Ja, genau. Denn leitungsstarke Persönlichkeiten entstehen nicht nur durch Workshops oder Fortbildungen, sondern vor allem durch Begleitung, Reflexion und das gemeinsame Durchleben von Lebenssituationen. Mentoring bildet nicht nur Mitarbeitende aus, sondern prägt eine ganze Gemeindekultur: Es schafft Beziehungen, Netzwerke und Haltungen, die stabiler und nachhaltiger sind als jede Strukturreform.
Ein Grundrauschen für eine Organisation oder eine Gemeinde.
Tobias: Wir sagen es so: Programme kommen und gehen – Mentoring bleibt. Dass Mentoring so wirksam ist, zeigen die Geschichten aus dem eigenen Praxisfeld. In einer Beziehung begleitet ein Mentor einen Mentee durch die schwere Krankheit seines Kindes. Die Treffen werden zu einer Lebenslinie, getragen von Gebet, vom Zuhören und von ehrlicher Begleitung. In dieser Zeit wird Mentoring zu einem Ort der Ruhe und des Durchhaltens – und verändert nicht nur den Mentee, sondern auch das Umfeld, das lernt, was es heisst, präsent zu sein. In einer anderen Geschichte erzählt Klaus, wie er über sechs Jahre hinweg begleitet wurde. Vom Nachdenken über Persönlichkeitsfragen über die ersten Schritte in der Mitarbeit bis hin zur späteren Leitungsverantwortung in der Gemeinde wächst er Schritt für Schritt hinein in ein reifes geistliches Leben. Am Ende beginnt Klaus selbst, andere zu begleiten.
Anke: Es gäbe viele andere Beispiele, die zeigen, wie Mentoring wirkt. Nämlich ganzheitlich – geistlich, emotional und gemeinschaftlich. Es verändert Menschen, und wo Menschen sich verändern, verändert sich eine ganze Gemeinde. Es ist leise, unspektakulär, aber von enormer Kraft. Eine Revolution eben – nur ohne lauten Knall, sondern mit beständigem Wachstum.
Danke für das Gespräch.
Zum Buch:
Mentoring - das Praxisbuch
Zu den Autoren: Dr. Anke Wiedekind ist seit gut 10 Jahren Pfarrerin in der Evangelischen Diasporagemeinde Cochem. Zuvor war sie langjährige Geschäftsführerin und pastorale Mitarbeiterin der Andreasgemeinde in Niederhöchstadt. Sie hat das Mentoring-Netzwerk mitgegründet, als Kassiererin lange im Vorstand begleitet und unzählige Mentorinnen und Mentoren ausgebildet. Sie ist auch Diplom-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin.
Dr. Tobias Faix ist Rektor der CVJM-Hochschule und Professor für Praktische Theologie. Er war Mitgründer des Christlichen Mentoringnetzwerks Deutschland (cMn) und forscht, schreibt seit 30 Jahren zum Thema Mentoring und engagiert sich selbst als Mentor.
Datum: 15.06.2026
Autor:
Martin Gundlach
Quelle:
Magazin Aufatmen 1/2026, SCM Bundes-Verlag